Johnson & Johnson

Rückschlag für Impfkampagnen in Europa und Amerika

Von Roland Lindner, New York, und Werner Mussler, Brüssel
13.04.2021
, 13:28
Eine Ampulle mit dem Impfstoff von Johnson & Johnson.
Nach mehreren Fällen von Blutgerinnseln empfehlen Amerikas Gesundheitsbehörden, den Impfstoff vorerst nicht mehr zu verabreichen. In Europa werden die Auslieferungen verzögert.

Johnson & Johnson hat mit seinem Corona-Impfstoff einen schweren Rückschlag erlitten: Am Dienstag haben die Vereinigten Staaten einen vorläufigen Verabreichungsstopp für das Vakzin verhängt, und das Unternehmen teilte mit, „proaktiv“ auch die Auslieferungen in Europa, die es erst am Montag begonnen hatte, zu unterbrechen.

Die amerikanischen Gesundheitsbehörden FDA und CDC empfahlen den Impfstopp „aus einem Übermaß an Vorsicht“ und begründeten ihn mit sechs Fällen von schweren Blutgerinnseln, die nach Verabreichung des Vakzins aufgetreten seien. Es handelt sich dabei um Sinusvenenthrombosen, also die gleiche Erkrankung, die zuletzt schon mit dem Impfstoff von Astra-Zeneca (AZ) in Verbindung gebracht worden ist und in Europa zu Einschränkungen bei dessen Verabreichung geführt hat. Im Fall von J&J waren nach Angaben der Behörden jeweils Frauen im Alter zwischen 18 und 48 Jahren betroffen, und die Symptome seien zwischen 6 und 13 Tagen nach der Impfung aufgetreten.

Die nunmehr abermals verzögerte Auslieferung verschafft der EU-Arzneimittelbehörde Ema Zeit für eine eigene Prüfung des Impfstoffs. Damit hatte sie in der vergangenen Woche bereits begonnen. Am Freitag teilte sie mit, sie prüfe eine Verbindung zwischen dem Impfstoff und Blutgerinnseln. Sie verwies auf vier ernsthafte Fälle, wovon einer tödlich gewesen sei. Bisher lasse sich ein kausaler Zusammenhang zwischen sehr vereinzelt aufgetretenen Thrombosen und dem Wirkstoff von Johnson & Johnson nicht nachweisen. In der EU ist das Vakzin zwar schon seit 11. März zugelassen, wird aber erst seit Beginn dieser Woche verteilt. In Amerika wird es schon seit Anfang März eingesetzt.

Die Pause für das Vakzin wirft die Impfkampagnen in den Vereinigten Staaten und Europa zurück. Amerika ist zuletzt rasant vorangekommen, Präsident Joe Biden hat erst in der vergangenen Woche das Zieldatum, von dem an alle Erwachsenen im Land Zugang zu einem Impfstoff haben sollen, noch einmal nach vorne geschoben: vom 1. Mai auf den 19. April. In einigen Bundesstaaten wie New York kann sich auch jetzt schon jeder Erwachsene impfen lassen.

Wie es in Deutschland mit dem Impfstoff von Johnson & Johnson weitergehen soll, hat das Bundesgesundheitsministerium noch nicht entschieden, sagte ein Ministeriumssprecher am Dienstag. Das Gesundheitsministerium befürworte ein bundesweites Vorgehen, sagte der Sprecher mit Hinweis darauf, dass das Paul-Ehrlich-Institut als zuständige Arzneimittelbehörde ebenfalls eine Bundesbehörde sei.

Rückschlag für Amerikas Impfkampagne

J&J teilte am Dienstag zunächst nur mit, das Unternehmen sei sich der Fälle von Blutgerinnseln bewusst. Bislang gebe es aber noch „keinen klaren kausalen Zusammenhang“ zwischen den Erkrankungen und dem Impfstoff. Der Aktienkurs des Unternehmens verlor am Dienstag mehr als zwei Prozent an Wert.

Die Pause für das Vakzin wirft die Impfkampagne in den Vereinigten Staaten, die zuletzt rasant vorangekommen ist, wieder zurück. Präsident Joe Biden hat erst in der vergangenen Woche das Zieldatum, von dem an alle Erwachsenen im Land Zugang zu einem Impfstoff haben sollen, noch einmal nach vorne geschoben: vom 1. Mai auf den 19. April. In einigen Bundesstaaten wie New York kann sich auch jetzt schon jeder Erwachsene impfen lassen.

Insgesamt spielt J&J bei der Immunisierung von Amerikanern aber noch eine untergeordnete Rolle. Bislang sind hier knapp sieben Millionen Dosen des Impfstoffs verabreicht worden. Von den schon vorher von den Gesundheitsbehörden zugelassenen Präparaten von Biontech/Pfizer und Moderna sind schon jeweils mehr als 80 Millionen Dosen verimpft worden sind.

Der Impfstoff von Johnson & Johnson gilt trotzdem als großer Hoffnungsträger, unter anderem weil er den Vorteil hat, in einer einzigen Dosis verabreicht zu werden. Um die verfügbaren Mengen zu erhöhen, hat die amerikanische Regierung J&J zu einer Allianz mit dem Wettbewerber Merck & Co. gedrängt, der nun bei der Produktion des Impfstoffs hilft.

15 Millionen unbrauchbare Dosen

Der nun empfohlene Impfstopp ist nicht der erste Rückschlag für J&J. Das Unternehmen kämpfte kürzlich schon mit einer Produktionspanne in einem amerikanischen Werk, die dazu geführt hat, dass 15 Millionen Dosen des Präparats unbrauchbar geworden sind. Dieser Vorfall hat dazu beigetragen, dass die Auslieferungen in Amerika ins Stocken gekommen sind. Der ebenfalls wegen Thrombosefällen in der Diskussion stehende Impfstoff von AZ ist in Amerika bislang nicht zugelassen.

Sollte sich ein kausaler Zusammenhang zwischen dem Impfstoff von J&J und den Thrombosefällen nachweisen lassen, wären in der EU nach Angaben der Ema Regulierungsschritte erforderlich. In der Regel bestünden diese in zusätzlichen Produktinformationen. Für den AZ-Impfstoff vermutet die Ema in „äußerst seltenen“ Fällen einen Zusammenhang zwischen der Impfung und dem Auftreten von schwer verlaufenden Thrombosen. Sie hat aber deshalb keinen Impfstopp empfohlen, sondern nur zusätzliche Informationen über die erwähnte Nebenwirkung im Beipackzettel. Der Nutzen einer Impfung überwiege das Risiko bei Weitem, hatte die EU-Behörde mehrfach betont.

Über die Ergebnisse ihrer Prüfung des Vakzins von J&J will die Ema erst nach deren Abschluss Stellung nehmen. Es spricht aber zum jetzigen Zeitpunkt wenig dafür, dass sie bei J&J restriktiver als bei AZ verfährt, da die Zahl der beobachteten Fälle bei AZ bisher höher ist. Ob ein bestimmter Impfstoff in einem einzelnen Land verabreicht wird oder nicht, entscheiden die nationalen Behörden.

Quelle: FAZ.NET
Autorenportät / Lindner, Roland
Roland Lindner
Wirtschaftskorrespondent in New York.
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