Kein Corona-Einbruch

Weshalb die Allianz der Krise trotzt

Von Henning Peitsmeier, München
Aktualisiert am 05.08.2020
 - 17:32
Fahnen mit dem Logo der Allianz wehen vor Beginn der Hauptversammlung des Versicherungskonzerns im Münchner Olympiapark.
Etliche Konzerne legen Horrorbilanzen vor. Der Münchner Versicherer aber verdient weiter Milliarden. Sorgenfrei ist er gleichwohl nicht.

Die Corona-Pandemie stößt viele Unternehmen in eine schwere Krise, nicht aber die Allianz. Europas größter Versicherungskonzern steht unter seinem seit fünf Jahren amtierenden Vorstandsvorsitzenden Oliver Bäte solvent und liquide da wie eh und je. Es gibt Geschäftseinbußen und Versicherungschäden, doch sie halten sich in Grenzen.

„Das Umfeld ist anders, als wir es gewohnt sind, aber die Zahlen sind gut“, sagte Finanzvorstand Giulio Terzariol am Mittwoch in einer Telefonkonferenz zur Halbjahresbilanz. Der Italiener in Diensten der Münchner neigt gewiss nicht zur Übertreibung. Und seine Erwartung auf eine bessere zweite Jahreshälfte knüpfte Terzariol vorsichtshalber an die Annahme, dass es keine weitere schwere Corona-Welle geben wird – mit Lockdowns, Betriebsschließungen und dem Ausfall versicherter Großveranstaltungen.

Nach sechs Monaten legt die Allianz einen operativen Gewinn von beachtlichen 4,9 Milliarden Euro vor, 1,2 Milliarden Euro weniger als im Rekordjahr 2019. Analysten trauen dem Dax-Konzern auf Jahressicht einen operativen Gewinn von rund 10,5 Milliarden Euro zu. Das wären knapp eineinhalb Milliarden weniger als 2019. Der Allianz-Vorstand mied eine neue Ergebnisprognose, nachdem die erste mit Ausbruch der Corona-Krise kassiert wurde. Im vergangenen Jahr hatte Allianz-Chef Bäte für 2020 ein Gewinnziel zwischen 11,5 und 12,5 Milliarden Euro ausgegeben.

Diesem Wunsch wird die Allianz wohl nachkommen

Neue Rekordwerte können Allianz-Aktionäre nicht erwarten. Sie müssen sich aber auch nicht auf allzu Schlimmes gefasst machen. Nicht einmal eine Insolvenzwelle würde den Konzern zu hart treffen. Natürlich würde eine steigende Zahl zu höheren Schäden für den Allianz-Kreditversicherer Euler Hermes führen, sagte Terzariol, fügte jedoch einschränkend hinzu: „Dank unserer guten Portfolioqualität wären wir von einer Insolvenzwelle geringer betroffen als andere.“

Besser als der Wettbewerb – so bewerten viele Analysten schon heute die Allianz. Mit ihren Quartalszahlen schnitt sie oberhalb der Erwartungen der meisten Marktbeobachter ab. Ashik Musaddi von der amerikanischen Investmentbank JPMorgan zeigte sich von der Gewinnentwicklung positiv überrascht. Die Allianz sei derjenige unter den großen europäischen Versicherern, der am wenigsten von Corona betroffen sei, erklärte Olivier Pauchaut vom Investmenthaus Bryan Garnier.

An der Börse hat die Allianz-Aktie die in der Krise erlittenen Kursverluste zum Teil wieder aufgeholt. Am Mittwoch rangierte der Dax-Wert wieder auf dem Niveau des Vorjahreszeitraums. Der Vorstand hatte zuletzt stark um das Vertrauen der Anleger geworben und nach der Hauptversammlung im Mai sogar eine um 7 Prozent auf 9,60 Euro je Aktie erhöhte Dividende ausgeschüttet. Finanzchef Terzariol machte den Anteilseignern am Mittwoch allerdings wenig Hoffnung, dass die Allianz in diesem Jahr den Rückkauf eigener Aktien wieder aufnimmt. Das solle nach der Sommerpause entschieden werden, sagte er. Einem Wunsch der Aktionäre wird die Allianz aber wohl nachkommen und ihren Vorstoß zur Abschaffung verpflichtender Quartalsberichte aufgeben.

Der Quartalsumsatz nahm vergleichsweise moderat ab

Die Folgen der Pandemie schlugen sich im zweiten Quartal vor allem in der Schaden- und Unfallsparte nieder, die unter anderem Großveranstaltungen gegen Ausfall versichert, aber auch Reiserücktrittsversicherungen verkauft. Rund 400 Millionen Euro Corona-Schäden fielen dort an, etwa 800 Millionen sind es seit Jahresbeginn. Entsprechend nahm die Schaden-Kosten-Quote im Quartal auf 95,5 (Vorjahr: 94,3) Prozent zu und blieb damit weiter unter der kritischen 100-Prozent-Marke. Bei der Allianz Global Corporate & Specialty (AGCS), die Großkonzerne wie Volkswagen oder Nestlé versichert, erreichte die kombinierte Schaden-Kosten-Quote indes 116,8 Prozent, so dass die Tochtergesellschaft deutlich in die Verlustzone rutschte.

Der operative Verlust betrug 154 Millionen Euro nach einem Gewinn von 79 Millionen Euro ein Jahr zuvor. Konzernchef Bäte hat hier früh gegengesteuert und zum Jahreswechsel den AGCS-Chef Chris Fischer Hirs durch Joachim Müller ersetzt. Inzwischen läuft ein Kostensenkungsprogramm, in dessen Folge der Industrieversicherer 700 von jetzt 4450 Stellen bis zum Jahr 2024 streichen wird.

Im zweiten Quartal schrumpfte das operative Konzernergebnis insgesamt zwar um 19 Prozent auf 2,6 Milliarden Euro, aber im Vorjahreszeitraum war auch ein Sondergewinn aus dem Lebensversicherungsgeschäft in den Vereinigten Staaten enthalten. Der Quartalsumsatz nahm vergleichsweise moderat ab, und zwar um 7 Prozent auf 30,9 Milliarden Euro. Rückläufige Beitragseinnahmen machte die Allianz durch höhere Preise wett. In der Lebens- und Krankenversicherung ging das Neugeschäft zurück. Die Corona-Pandemie kostete die Sparte rund 100 Millionen Euro.

Unverändert steht die Allianz wie andere Versicherer auch unter hohem politischen Druck, für Corona-Schäden stärker zu haften. In den Vereinigten Staaten und Großbritannien mehren sich die Stimmen derer, die von den Versicherern Entschädigungen für die Schließung von Unternehmen verlangen, wenn diese eine Betriebsunterbrechungspolice haben.

In Amerika droht der Allianz wegen hoher Verluste einiger Investmentfonds in der Corona-Krise zudem Ärger mit der Wertpapieraufsicht SEC. Dabei geht es um drei der 27 „Structured Alpha“Hedgefonds von Allianz Global Investors, deretwegen der Lehrer-Pensionsfonds Arkansas Teacher Retirement System schon eine millionenschwere Klage vor einem Bezirksgericht in New York eingereicht hatte. Der Lehrer-Pensionsfonds aus Arkansas beklagt Verluste von 774 Millionen Dollar mit den „Structured Alpha“-Fonds und wirft der Allianz vor, in der Corona-Krise ihre eigenen Anlagerichtlinien über Bord geworfen zu haben.

Klagen von anderen Investoren seien derzeit nicht bekannt, aber auch nicht auszuschließen, erklärte die Allianz. Sie halte die Vorwürfe für „rechtlich und faktisch unzutreffend“ und werde sich dagegen verteidigen. Finanzvorstand Terzariol sagte, der Versicherer habe keine Rückstellungen dafür gebildet, weil er eine juristische Niederlage für unwahrscheinlich halte.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Peitsmeier, Henning
Henning Peitsmeier
Wirtschaftskorrespondent in München.
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