Kion-Chef über Trump

„Froh, dass eine Ära aus Wut, Angst und Geschrei zu Ende ist“

Von Uwe Marx
20.01.2021
, 08:25
Gordon Riske ist Amerikaner, Vorstandschef des Gabelstapler-Konzerns Kion – und ein Kritiker des scheidenden Präsidenten. Dass diese Kritik zu spät kommt, findet er nicht.

Vor ziemlich genau einem Jahr war Gordon Riske zuletzt in den Vereinigten Staaten. Ziemlich lange her für den Vorstandsvorsitzenden von Kion – erstens ist er Amerikaner, zweitens leben seine Tochter und die beiden Enkel in Amerika, drittens ist er normalerweise einmal im Quartal drüben. Schließlich hat der Konzern, der mit Gabelstaplern und Lager-Technologie knapp 9 Milliarden Euro im Jahr umsetzt, auch einige amerikanische Standorte. Allein dort arbeiten rund 6000 der global 35.000 Beschäftigten.

Die Pandemie hat also auch Riske von der Heimat ferngehalten. Fremd ist sie ihm nicht geworden, obwohl er seit 30 Jahren in Deutschland arbeitet. Aber dem 63-Jährigen aus Detroit, der zuvor beim Roboterkonzern Kuka in Augsburg und beim Motorenhersteller Deutz in Köln tätig war, sind die Spaltung und Aggressivität im Land zuwider. Insofern ist die Übergabe der Macht von Donald Trump an Joe Biden an diesem Mittwoch für ihn ein gutes Datum. Ehrensache für ihn, dass er live dabei zuschaut. Riske sagt: „Ich bin froh, dass eine Ära aus Wut, Angst und Geschrei zu Ende ist – und dass wir zu Offenheit, Ehrlichkeit und Verlässlichkeit zurückkehren können.“

Spaltung Amerikas spiegelt sich in der Belegschaft

Trump hat Kion weniger anhaben können als den meisten anderen deutschen Maschinenbauern, erzählt Riske in seinem Büro am Frankfurter Flughafen, wo die frühere Linde-Tochtergesellschaft nach vielen Jahren in Wiesbaden nun ihren Sitz hat. Denn das Unternehmen ist globaler aufgestellt. Kion hat etwa zwei Dutzend Werke auf der ganzen Welt, da sind Handelshemmnisse zwar schädlich, aber nicht existenzbedrohend. Trotzdem kam Trumps Politik auch direkt bei Kion an – mal abgesehen von Bürokratieabbau und ultralockerer Geldpolitik, die die Kauflaune zweifellos beflügelt hätten.

An einem der Standorte in den Vereinigten Staaten etwa hätten amerikanisch-chinesische Teams Produkte für den amerikanischen Markt entwickelt und gebaut, mit Zulieferungen aus China. Durch den Strafzoll von 25 Prozent seien diese praktisch unverkäuflich geworden. Es sei zwar nur ein einstelliger Millionenbetrag verlorengegangen, etwa zwei Prozent des dortigen Umsatzes. Aber ein Irrsinn sei das trotzdem gewesen. Zumal sich die Spaltung der amerikanischen Gesellschaft – hier Trump-Anhänger, dort Trump-Gegner – bisweilen auch in der eigenen Belegschaft spiegele.

Riske ist durch und durch Maschinenbauer, er hat am Lawrence Institute of Technology in Southfield, Michigan, Elektrotechnik studiert. Und wenn er von der Maschinenbaulandschaft in Deutschland schwärmt, den vielen Unternehmen, den führenden Regionen, dann wird schnell deutlich: Allein deshalb fühlt er sich wohl hierzulande und ist nach seiner Übersiedelung im Jahr 1991 überhaupt so lange geblieben. Mal abgesehen von den attraktiven Stellen. Außerdem ist seine Frau Deutsche, eine Fränkin. Er spreche sogar etwas Fränkisch, sagt er. Hinzu kommt, dass seine Eltern Flüchtlinge aus Ostpreußen sind, auch sie zeigen bis heute eine starke Verbundenheit zu Deutschland.

Riske hat sie, nachdem sie 50 Jahre in Amerika gelebt hatten, vor längerem nach Deutschland geholt. Heute leben sie mit Ende 80 im nordhessischen Fritzlar – jenem Ort, in dem sie sich vor mehr als 60 Jahren verlobt hatten. Kein Wunder, dass er Europa verbunden bleiben wird, wenn er das nicht mehr ganz so ferne Rentenalter erreicht hat. Lebensmittelpunkt soll dann neben Deutschland Griechenland sein, wo er mit seiner Frau schon heute viel Zeit verbringt – und wo es „das schönste Licht auf dem Planeten“ gebe.

Boomender Online-Handel hilft

Zuvor aber ist neben der Familie die Firma der Mittelpunkt seines Lebens, sein Arbeitgeber seit 2007. Seit 2013 ist er Vorstandschef. Zuletzt hat Riske zwei neue Mitglieder in den Vorstand des M-Dax-Unternehmens geholt und eine Kapitalerhöhung auf den Weg gebracht. Mit den Einnahmen aus 13 Millionen neuen Aktien – rund 800 Millionen Euro – wird entschuldet und investiert. Denn der CEO rechnet mit forciertem Wachstum nach der Pandemie. Die Zahlen für das Jahr 2020 werden zwar erst Anfang März vorgestellt, aber es ist absehbar, dass Kion mit seinen Marken wie Linde, Still, Baoli oder Fenwick weniger gebeutelt wurde als viele andere.
Schon in den ersten drei Quartalen 2020 war der Umsatz zwar um 8 Prozent zurückgegangen, der Auftragseingang aber trotz Krise um knapp 3 Prozent gewachsen. Die Frage wird sein, wie welches Geschäftsfeld durch dieses Krisenjahr gekommen ist – also das klassische und vermeintlich labilere Industriegeschäft mit den Gabelstaplern an der Spitze und die Lagertechnologie der Tochtergesellschaft Dematic, die besonders vom Höhenflug des Online-Handels profitiert.

Dass Gordon Riske Kion in den vergangenen Jahren mit seiner unaufgeregten Art einen beachtlichen Aufschwung gebracht hat, dürfte in der Belegschaft mehrheitsfähig sein. Bleibt die Frage, ob er sich, wie viele andere Spitzenmanager auch, in der Ära Trump lauter hätte zu Wort melden sollen. Kritiker in Amerika und Deutschland monieren, dass die Wirtschaftselite zu lange gute Miene zum bösen Spiel gemacht habe. „Donald Trump ist demokratisch gewählt worden, das hatten wir zu akzeptieren“, sagt Riske. „Wichtig ist aber, dass man seine demokratischen Prinzipien niemals opfert – das haben wir nicht getan, und das werden wir auch niemals tun.“

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Marx, Uwe
Uwe Marx
Redakteur in der Wirtschaft.
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