Kommentar

Deutsche Banken im Abseits

29.10.2003
, 18:22
An den Aktienbörsen und in den Banken gilt die große amerikanische Bankenfusion als Startschuß für eine neue Fusionswelle in der globalen Finanzbranche. An Deutschland könnte die Welle vorbeirollen.
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An den Aktienbörsen und in den Banken gilt die große amerikanische Bankenfusion als Startschuß für eine neue Fusionswelle in der globalen Finanzbranche. Durch die angekündigte Übernahme der amerikanischen Großbank Fleet Boston durch die noch größere Bank of America sind auch in Europa die Aktienkurse vieler Großbanken nach oben gesprungen. An der Börse brodelt die Gerüchteküche: Wird vielleicht schon bald eine große deutsche Privatbank von einer ausländischen Bank übernommen?

Die europäische Bankenlandschaft ist zersplittert, gerade im Vergleich mit Amerika. Das bietet ehrgeizigen Bankmanagern den Stoff, von der Schaffung einer europäischen Großbank zu träumen. Dies um so mehr, als das Bankgewerbe in Ländern wie Großbritannien, Frankreich und Spanien schon stark konzentriert ist. Das beschränkt den Spielraum der dortigen Großbanken, auf dem Inlandsmarkt weiter zu wachsen. Sie richten ihr Augenmerk deshalb auf das Ausland - nicht zuletzt auf Deutschland, den mit Abstand wichtigsten Bankenmarkt in Europa.

Hierzulande gehen die Uhren freilich noch anders. Was die nationale Konsolidierung des Bankgewerbes anbelangt, ist Deutschland in Europa Schlußlicht. Der Grund hierfür liegt in der festzementierten Aufspaltung der Branche in drei Sektoren: So wird in Europas größter Marktwirtschaft ausgerechnet das "kapitalistische" Bankgewerbe zu rund 40 Prozent von öffentlich-rechtlichen Sparkassen und Landesbanken kontrolliert, die nicht nur an der Gewinnerzielung orientiert sind, sondern auch politischen Interessen dienen. Ein weiteres Viertel des Marktes halten die Genossenschaftsbanken. Das läßt den privaten Banken wenig Spielraum. Selbst die Deutsche Bank kommt im breiten Filialgeschäft nur auf einen Marktanteil von sieben Prozent. Hypo-Vereinsbank (HVB) und Commerzbank haben zusammen ungefähr gleich viel. An diesem Zustand wird sich auf die Schnelle kaum etwas ändern, auch weil in den zurückliegenden Jahren einige Fusionsanläufe zwischen Privatbanken kläglich gescheitert sind. Den meisten Bankkunden wird das recht sein, denn auch das ist wahr, sie profitieren von dem beinharten Preiswettbewerb in Deutschland, der ihnen im internationalen Vergleich günstige Finanzdienstleistungen und ein breites Angebot sichert.

Kehrseite des permanenten Drucks auf die Preismargen ist allerdings, daß die gesamte Branche im vergangenen Jahr in die schwerste Ertragskrise seit dem Zweiten Weltkrieg gerutscht ist. Eine grundlegende Besserung der strukturell bedingten Ertragsmisere ist trotz aller Umstrukturierungen und Sparmaßnahmen, an denen es keineswegs fehlt, nicht in Sicht. Darin liegt ein Risiko nicht nur für das Finanzsystem, sondern für die Wirtschaft insgesamt. Davor warnt sogar der Internationale Währungsfonds. Bei den Großbanken schlägt sich die Ertragsschwäche in niedrigen Aktienkursen nieder. Als Folge ist die Deutsche Bank an der Börse derzeit nur etwa 33 Milliarden Euro wert. Die beiden britischen Großbanken HSBC und Royal Bank of Scotland bringen es demgegenüber auf Marktkapitalisierungen von 131 und 67 Milliarden Euro, die schweizerische UBS auf 58 Milliarden.

Der Deutschen Bank fehlt es damit für größere Akquisitionen in Europa an Kaufkraft in Form hochbewerteter Aktien. Deshalb sollte man sich mit dem Gedanken anfreunden, daß dieses Flaggschiff der deutschen Wirtschaft zum Ziel einer Übernahme aus dem Ausland werden könnte. Nicht ganz von ungefähr hat unlängst die Führung der Citigroup beim hessischen Ministerpräsidenten Roland Koch sondiert, was die Politik von einem stärkeren Engagement der größten amerikanischen Bank in Deutschland hielte. Mit einem Marktwert von umgerechnet 208 Milliarden Euro könnte die Citigroup die Deutsche Bank sozusagen zum Frühstück schlucken. Jenseits aller wirtschaftlichen Erwägungen wäre dies sicherlich ein Politikum ersten Ranges.

Was für die Deutsche Bank gilt, gilt für HVB und Commerzbank erst recht. Mit Börsenwerten von jeweils 9 Milliarden Euro können sie bei der sich anbahnenden Konsolidierungswelle auf europäischer Ebene selbst nicht aktiv mitgestalten. Sie spielen wohl allenfalls als Objekt fremder Begierde eine Rolle. Tatsächlich wird an der Börse immer wieder über ausländisches Interesse spekuliert. Doch haben Ausländer bislang einen großen Bogen um die beiden Häuser gemacht. Denn ihre Eigenkapitalrendite ist ebenso niedrig wie ihr Marktanteil. Zudem könnten in den Kreditbüchern beträchtliche Risiken schlummern, zumal die Pleitewelle immer noch durch Deutschland rollt. Ausländische Häuser dürften deshalb eher Transaktionen mit begrenztem Risiko ins Auge fassen, zum Beispiel kleinere Akquisitionen zum Ausbau schon bestehender Brückenköpfe oder auch ein Tauschgeschäft: So wurde unlängst das Gerücht lanciert, die Credit Suisse könnte ihre Versicherung Winterthur an die Allianz abgeben und im Gegenzug die Dresdner Bank erhalten.

Am wahrscheinlichsten ist jedoch, daß HVB und Commerzbank zusammengehen. So würde eine fusionierte Bank einerseits Marktanteile gewinnen und damit Größenvorteile erzielen, könnte andererseits durch Ausdünnung des überlappenden Filialnetzes die Kosten drücken und so ihre Rentabilität verbessern. Glaubt man der Börse, die die Aktien beider Institute kräftig nach oben getrieben hat, ist diese Fusion nicht mehr allzufern. Diese Spekulationen eilen der Entwicklung vermutlich voraus. Denn jeder der beiden Partner knüpft an einen Zusammenschluß die Bedingung, daß der andere wieder solide auf Erfolgskurs ist. Das aber könnte noch weit bis ins nächste Jahr hinein dauern.

Was für Deutschland im allgemeinen gilt, gilt auch für die Bankenszene: Die überkommenen Strukturen werden immer mehr zum Hemmschuh, schwächen mehr, als daß sie nutzen. Dennoch brechen sie nur ganz langsam auf. Die Musik spielt derweil anderswo - ohne deutsche Beteiligung.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 30.10.2003, Nr. 252 / Seite 11
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