Konjunktureinbruch

Insolvenzschäden so hoch wie nie

Von Georg Giersberg
08.12.2020
, 17:59
Der Bund hat die Pflicht zur Insolvenzanmeldung ausgesetzt. Die Folge: Weniger Fälle. Doch die Gläubiger müssen immer stärker bluten. Im nächsten Jahr werden mehr Insolvenzen erwartet.

Trotz eines starken Konjunktureinbruchs ist die Zahl der Insolvenzen in Deutschland in diesem Jahr stark gesunken. Der Verband der Vereine Creditreform geht für das gesamte Jahr von 16.300 Unternehmensinsolvenzen aus. Das sind 13,4 Prozent weniger als im Vorjahr, als 18.830 Unternehmen zum Insolvenzrichter gehen mussten. Zur Abfederung der Pandemiefolgen hatte die Bundesregierung Hilfs- und Unterstützungsmaßnahmen für die Unternehmen beschlossen und die Insolvenzantragspflicht für ein halbes Jahr ganz und den Rest des Jahres teilweise ausgesetzt. „Im laufenden Jahr hat sich das Insolvenzgeschehen als Seismograph für die gesamtwirtschaftliche Entwicklung vom wirklichen Zustand der deutschen Wirtschaft entkoppelt“, kommentiert Patrik-Ludwig Hantzsch, Leiter der Wirtschaftsforschung bei Creditreform, diese Entwicklung.

Vor allem Kleinbetriebe sind offenbar durch die Unterstützung am Leben gehalten worden. Bei Großunternehmen ist dagegen ein deutlicher Anstieg der Insolvenzfälle zu beobachten. So ist die Zahl der Insolvenzen bei Unternehmen mit bis zu 500.000 Euro Umsatz zweistellig gesunken. Aber je höher der Umsatz, umso signifikanter der Anstieg der Insolvenzen; bei Unternehmen mit mehr als 50 Millionen Euro Umsatz hat sich die Zahl der Insolvenzen gegenüber dem Vorjahr verdoppelt.

Die größte Insolvenz war jene des Warenhausunternehmens Galeria Karstadt Kaufhof. Das durch Fusion entstandene Handelsunternehmen stellte im April Antrag auf ein sogenanntes Schutzschirmverfahren. Karstadt Kaufhof darf sich jetzt in Eigenverwaltung sanieren. Die Sanierung beinhaltet die Schließung von mehr als 43 (von insgesamt 129) Warenhäusern, einen deutlichen Personalabbau um 4500 Personen und den Verzicht auf mehr als 2 Milliarden Euro durch die Lieferanten und Vermieter.

Zwar ist auch im Handel die Anzahl der Insolvenzen insgesamt gesunken; dennoch sind viele Großinsolvenzen eng mit dem Handel verknüpft. Prominentes Beispiel ist die in vielen Handelshäusern angesiedelte Friseurkette Klier. Auch dieses Unternehmen mit mehr als 9000 Beschäftigten schlupfte unter den Schutzschirm. Das Management arbeitet noch an einem Sanierungsplan. Daher ist auch noch offen, wie viele der 1200 Friseursalons geschlossen werden.

Weitere Warenhausketten – vor allem im Bekleidungsgeschäft – mussten in diesem Jahr Insolvenz anmelden. Dazu zählen der Modehändler Esprit Holdings aus Ratingen bei Düsseldorf, die Sinn GmbH aus Hagen, die Bonita GmbH aus Hamminkeln (am Niederrhein) und Hallhuber aus München. Esprit plant jedes zweite der 100 Geschäft zu schließen. Die Damenoberbekldungskette Bonita betreibt mehrere hundert Läden in Deutschland. Von ihrem Zusammenbruch war auch die Muttergesellschaft Tom Tailor betroffen, die ebenfalls Insolvenz beantragte. Für sie ist inzwischen ein Investor gefunden worden. Die Modehauskette Sinn (vormals Sinn Leffers) ist kein Neuling in der Liste der Insolvenzen. Das Vorgängerunternehmen hatte schon 2008 und 2016 Insolvenz beantragt. Hallhuber aus München (ehemaliges Tochterunternehmen von Gerry Weber) betreibt 400 Läden.

Öffentlich stark beachtet wurden auch die Insolvenzen in der Gastronomie. Vapiano mit Sitz in Köln musste schon kurz nach Beginn des ersten Corona-Lockdowns Insolvenzantrag stellen. Daneben gab es aber auch einige größere Insolvenzen in weniger bekannten Branchen. Mehr als 5000 Mitarbeiter waren betroffen, als der Gebäudedienstleister Clemens Kleine in Düsseldorf in die Insolvenz ging. Auch einige Produktionsbetriebe waren betroffen, darunter der Formgusshersteller KSM Castings aus Hildesheim (2000 Mitarbeiter) oder der Automobilzulieferer Veritas aus Gelnhausen bei Frankfurt (1600 Mitarbeiter). Eine Sonderstellung nimmt die öffentlich wohl bekannteste Insolvenz des Jahres ein, nämlich die des Zahlungsdienstleisters Wirecard. Hier waren aber weder Corona noch Konjunktur der entscheidende Todesstoß, sondern ein Betrugsfall größten Ausmaßes. Der Schaden ist bis heute nicht bezifferbar, vor allem der Vermögensschaden für die Anleger.

Gesamtsumme der Insolvenzschäden gestiegen

Solche Großinsolvenzen wie Wirecard oder Karstadt Kaufhof haben mit dazu beigetragen, dass sich der durchschnittlich durch eine Insolvenz verursachte Schaden binnen eines Jahres von 1,2 Millionen Euro auf 2,1 Millionen Euro fast verdoppelte. Er hat sich seit 2018 (721000 Euro) sogar fast verdreifacht. Entsprechend ist die Gesamtsumme der Insolvenzschäden trotz gesunkener Zahl der Insolvenzen stark auf 34 Milliarden Euro gestiegen. Wie aus der Grafik auf dieser Seite ebenfalls hervorgeht, ist auch die Zahl der durch Insolenz betroffenen Mitarbeiter stark gestiegen. Sie haben nicht alle ihren Arbeitsplatz verloren. Aber selbst für jene, die ihren Arbeitsplatz behalten können, ist eine Zeit der Insolvenz immer mit Unsicherheit und oft auch mit Gehaltseinbußen verbunden.

In diesen besonderen Zeiten lohnt auch ein Blick auf die sogenannten „stillen Heimgänge“ in der Wirtschaft. Darunter fallen all jene Unternehmen, die ihre Tätigkeit ohne Insolvenz einstellen, die also in der Regel ihre Schulden begleichen, einen Räumungsverkauf vornehmen und dann einfach still liquidieren. Diese Zahl liegt um den Faktor 30 höher als die Zahl der Insolvenzen. Darüber gibt es keine genauen Zahlen. Aber die Zahl der Gewebeabmeldungen lag 2019 bei 595.000 und dürfte im Jahr 2020 knapp eine halbe Million erreichen.

Für das kommende Jahr geht Creditreform von einem Anstieg der Insolvenzfälle um 50 Prozent auf 24.000 aus. Hantzsch erwartet nicht eine große Welle zu Anfang des Jahres, wenn auch die Pflicht zur Insolvenzanmeldung bei Überschuldung wieder in Kraft tritt. Zum einen dauere die Bearbeitung bei den Amtsgerichten einige Wochen. Zum anderen seien viele Unternehmen durch die finanziellen Hilfen des Bundes in der Lage, noch einige Monate zu überleben. Dann aber schlage die Schwächung durch die Krise durch. Insofern sei weniger eine kurze und hohe Welle zu erwarten als ein mittelfristig hohes Niveau an Insolvenzanträgen.

Zum dritten wird zum 1. Januar die Richtlinie (EU) 2019/1023 über den präventiven Restrukturierungsrahmen in nationales Recht umgesetzt. Das Unternehmensstabilisierungs- und Restrukturierungsgesetz (StaRUG) soll Unternehmen helfen, eine Insolvenz zu vermeiden und sich außerhalb eines gerichtlichen Insolvenzverfahrens zu sanieren. Die Auswirkungen dieses Gesetzes auf das Insolvenzgeschehen sind aber noch offen. Fachleute gehen davon aus, dass von diesem Gesetz nur große Unternehmen Gebrauch machen, weil der administrative Aufwand sehr hoch ist.

Quelle: F.A.Z.
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