Jürgen Schachler im Gespräch

Kupferhütte Aurubis wandelt sich zum Metallkonzern

Von Christian Müßgens, Hamburg
28.12.2017
, 16:13
E-Autos, Windrädern und Smartphones sei Dank: Das Kerngeschäft brummt. Trotzdem will der Vorstand Aurubis breiter aufstellen. Der Schlüssel sind seltene Industriemetalle – und neue Partnerschaften.

Im Privatleben von Jürgen Schachler spielt die Elektromobilität noch keine Rolle. Gerade hat er sich ein neues Auto gekauft, keinen Stromer oder Hybrid, sondern einen klassischen Verbrenner, eine Mercedes E-Klasse in der Kombi-Variante. Auf der Arbeit wird das Thema für den Vorstandschef des Kupferkonzerns Aurubis dagegen immer wichtiger. Denn der staatlich forcierte Aufstieg der Elektroautos dürfte die Nachfrage nach seinem Hauptprodukt befeuern. Der Grund: In einem Stromwagen stecken bis zu 100 Kilogramm Kupfer, viermal so viel wie in Dieseln oder Benzinern. Wenn die Verkäufe steigen, könnte Aurubis profitieren. „Das wird sich positiv auf unser Geschäft auswirken“, sagt Schachler.

Aber nicht nur die Elektromobilität, die neben dem Fahrzeugbau auch Investitionen in Ladesäulen, Stromleitungen und andere kupferhaltige Infrastruktur nach sich zieht, spielt Europas größtem Produzenten in die Hände. Landauf, landab werden Windräder in die Landschaft gestellt, die bis zu 30 Tonnen Kupfer enthalten. RFID-Chips, Smartphones und 3D-Drucker: all diese Megatrends lassen die Nachfrage steigen. Das Umfeld für Aurubis ist also günstig. Aber trotzdem will der studierte Wirtschaftswissenschaftler nicht die Füße hochlegen, im Gegenteil: Er will die ehemals als Norddeutsche Affinerie bekannte Kupferhütte effizienter machen und in Teilen neu ausrichten. „Wir wollen nicht warten, bis der Markt uns zu Veränderungen zwingt, sondern frühzeitig die Weichen stellen“, sagt er im Gespräch mit dieser Zeitung.

Unabhängiger von Marktschwankungen

Seit seinem Amtsantritt im Juli 2016 hat der Manager, der seine Karriere in der Chemieindustrie begann und anschließend für den Stahlkonzern Arcelor-Mittal gearbeitet hat, an Ideen für die zukünftige Ausrichtung gefeilt. Herausgekommen ist eine Strategie namens „Vision 2025“, die Aurubis breiter aufstellen und unabhängiger von Marktschwankungen machen soll. Der dafür entworfene Fahrplan, der zwar in weiten Teilen steht, an dessen Details aber noch immer gearbeitet wird, enthält eine Vielzahl von Ansätzen. Doch ein Punkt ist besonders wichtig. „Wir wollen neben Kupfer verstärkt andere Metalle verarbeiten und verkaufen“, sagt der 63 Jahre alte Manager. „Ziel ist es, Aurubis von einem Kupferkonzern zu einem Multi-Metall-Konzern zu entwickeln.“

Im Kern geht es dabei um gefragte Industriemetalle, die schon heute in dem von Minen gelieferten Rohmaterial enthalten sind, das Aurubis an seinen Standorten zu reinen Kupferplatten, sogenannten Kathoden, verarbeitet. Iridium und Palladium, Selen, Antimon oder Wismut werden aber häufig in einem frühen Produktionsstadium abgeschieden und allenfalls in verunreinigter Form weiterverkauft. Grund ist, dass ihre Veredelung aufwendig ist und spezielle Anlagen erfordert. Um die Voraussetzungen zu schaffen, hat der Konzern unter anderem das Projekt „Future Complex Metallurgie“ gestartet, eine 320 Millionen Euro teure Investition, die die Verarbeitung komplexer Rohstoffe an den Standorten in Hamburg und dem belgischen Olen verbessern soll.

Auch im Recycling-Zentrum Lünen will der Konzern seine Prozesse optimieren, um aus dem dort verarbeiteten Kupferschrott mehr alternative Metalle herauszuholen. An den genauen Mengenzielen wird zurzeit noch gearbeitet, daher hält sich Schachler mit Aussagen zur angepeilten Tonnage und zum erwarteten Wert des verkauften Materials zurück. Nur so viel will er sagen, um die Größenordnung zu verdeutlichen: „Ich erwarte, dass Aurubis den Anteil an Nichtkupfermetallen am Verkaufsvolumen bis zum Geschäftsjahr 2022/23 verdoppeln kann.“ Dabei geht es nicht bloß um Quantität und Umsatz. Da die Metalle rar sind und verstärkt nachgefragt werden, etwa für schnellere Computerchips, stärkere Batterien oder besonders leitfähige Kabel, bringen sie auch höhere Margen als das Stammgeschäft mit Kupfer.

Neben den Investitionen, die das Wachstum aus eigener Kraft beschleunigen sollen, denkt die Führung verstärkt über Zukäufe nach. Rund 1,8 Milliarden Euro könnte der Konzern nach früheren Angaben ausgeben. Der Blick geht dabei weit über Europa hinaus, schließlich soll die Abhängigkeit vom alten Kontinent, auf den 76 Prozent des Geschäfts entfallen, weiter sinken. „Vor allem in den Vereinigten Staaten und Südamerika sehe ich Potential für Zukäufe“, sagt Schachler. Auch Gemeinschaftsunternehmen mit Wettbewerbern werden geprüft, etwa in Asien, wo Aurubis gerade mit der Unternehmensgruppe LS Corp an einer Machbarkeitsstudie zum Bau eines Werks für batteriefähige Nickelsulfate arbeitet. Dabei soll es nicht bleiben. „Wir sondieren auch auf anderen Feldern die Möglichkeit, mit Partnern zusammenzuarbeiten und Jointventures zu gründen“, sagt Schachler.

„Wir durchkämmen das ganze Unternehmen“

Hinter all dem steht die Absicht, die Schlagkraft im Wettbewerb mit Rivalen wie Codelco aus Chile oder Jiangxi aus China zu steigern. Auch die Rentabilität soll sich erhöhen, was ein wichtiger Baustein von „One Aurubis“ ist, einem detaillierten Programm, mit dem Schachler seinen übergeordneten Strategieplan in die Tat umsetzen will. Demnach soll sich das Ergebnis bis zum Geschäftsjahr 2022/23 um 400 Millionen Euro verbessern, zum Teil durch neue Geschäfte, aber auch durch Einsparungen und Effizienzgewinne, für die der Vorstand an vielen Stellschrauben dreht. „Wir durchkämmen das ganze Unternehmen und schauen in jede Ecke, um Verbesserungspotentiale zu finden“, sagt er. Etwa 600 unterschiedliche Vorhaben, von eingesparten Bürodruckern bis zur effizienteren Arbeitsweise der Schmelzhütten, seien schon angestoßen worden. Und der Prozess gehe fortlaufend weiter. Ein Stellenabbau ist dagegen nicht geplant. Die Mannschaft von zuletzt 6500 Mitarbeitern soll laut Schachler „mindestens stabil“ bleiben.

Rückenwind kommt von den Absatzmärkten. Besonders wegen der wachsenden Nachfrage in China rechnet die Beratungsgesellschaft Wood Mackenzie damit, dass die globalen Verkäufe von raffiniertem Kupfer bis 2020 um mehr als 5 Prozent auf 24,2 Millionen Tonnen zulegen. Die Preise für Schwefelsäure, ein wichtiges Nebenprodukt, sind zuletzt ebenfalls gestiegen. Trotzdem bleibt Aurubis vorsichtig und peilt für das laufende Geschäftsjahr 2017/18, das am 30. September endet, nur ein Ergebnis auf Vorjahresniveau an. Hintergrund ist die unklare Entwicklung der sogenannten Schmelzlöhne, Abschläge auf den Börsenpreis von reinem Kupfer, die Aurubis für die Verarbeitung des Rohmaterials berechnet und individuell mit den Minen aushandelt. Diese stünden noch nicht komplett fest. „Außerdem wird der schwächere Dollar unser Ergebnis belasten.“ Bis Ende des ersten Quartals werde der Konzern aber mehr wissen und könne seine Prognose präzisieren.

Ein Viertel des Gewinns für Anteilseigner

Im gerade abgelaufenen Geschäftsjahr 2016/17 hatte Aurubis kräftig zugelegt und den Umsatz um 17 Prozent auf 11 Milliarden Euro gesteigert. Der bereinigte Gewinn vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen legte um 23 Prozent auf 440 Millionen Euro zu, wobei eine Rolle spielt, dass das Vorjahr 2015/16 durch den wartungsbedingten Stillstand einer Hütte geprägt war, der sich in dieser Form nicht wiederholte. Die Aktionäre sollen eine Dividende von 1,45 Euro bekommen, was einer Ausschüttungsquote von 28 Prozent des Konzernergebnisses entspricht. Aurubis wolle dieses Niveau auch in den nächsten Jahren halten und habe sich vorgenommen, im Durchschnitt etwa ein Viertel des Gewinns an die Anteilseigner auszuzahlen, sagt Schachler.

Zu den Profiteuren zählt besonders der Großaktionär Salzgitter, der auch nach dem im Oktober angekündigten Teilverkauf seiner Aktien noch 16 Prozent der Aurubis-Papiere hält. Das Verhältnis ist weiter eng, besonders zum Vorstandsvorsitzenden Heinz Jörg Fuhrmann, der den Aufsichtsrat von Aurubis leitet und mit dem sich Schachler nach eigener Aussage gut versteht. Gedankenspiele über eine mögliche Fusion der beiden Unternehmen dürften durch den Teilrückzug Salzgitters aber vorerst beendet sein. Schachler will dazu nicht viel sagen, lässt jedoch durchblicken, dass er derlei Spekulationen ohnehin nicht viel abgewinnen kann. „Ich glaube nicht, dass die Vorteile eines Zusammenschlusses so groß wären, wie mancherorts vermutet wird“, sagt er. „Sicher gäbe es Synergien an der einen oder anderen Stelle, aber insgesamt hielten sich die Vorteile in Grenzen.“

Mehr Zeit für das kulturelle Angebot

Mit Vorfreude blickt er dagegen auf eine Personalie, die zum Jahreswechsel in Kraft tritt. Dann kommt der neue Finanzvorstand Rainer Verhoeven, ein früherer Thyssen-Manager, in den Konzern. Er übernimmt die Position von Erwin Faust, der schon im Juni aus gesundheitlichen Gründen vorzeitig ausgeschieden war. Für Schachler ist der Einstieg gleich doppelt positiv. Erstens freut er sich auf die Zusammenarbeit, und zweitens erhofft er sich eine Entlastung.

Schließlich hatte er die Aufgabe von Faust zuletzt in Teilen mit übernommen, was auch seine Frau und die beiden Töchter merkten, die oft auf ihn verzichten mussten. Die Wahlheimat Hamburg, in der die Familie erst seit anderthalb Jahren lebt, hat Schachler ebenfalls noch nicht genauer kennengelernt. „Ich habe bisher viel zu wenig Zeit gehabt, um das kulturelle Angebot und die vielen Freizeitmöglichkeiten zu nutzen“, sagt er. „Ich hoffe, dass sich das in der Zukunft zumindest ein bisschen ändern wird.“

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Müßgens, Christian
Christian Müßgens
Wirtschaftskorrespondent in Hamburg.
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