Leitartikel Wirtschaft

Die Hausse der Rohstoffe

EIN KOMMENTAR Von Kerstin Papon
08.03.2005
, 10:17
Der jüngste markante Preisschub bei Rohöl straft all diejenigen Lügen, die für dieses Jahr eine Entspannung am Ölmarkt prognostiziert haben. Doch nicht allein der Ölpreis ist auf Rekordjagd.

Der jüngste markante Preisschub bei Rohöl straft all diejenigen Lügen, die für dieses Jahr eine Entspannung am Ölmarkt prognostiziert haben. Doch nicht allein der Ölpreis ist auf Rekordjagd. Die Rohstoffhausse hat viele Gesichter: Von Eisenerz über die Industriemetalle Kupfer oder Nickel bis hin zu Kaffee - viele Rohstoffe sind so teuer wie seit Jahren oder gar Jahrzehnten nicht. Für die Industrieländer, arm an eigenen Ressourcen, wird dies zunehmend zur Belastung. Daher diskutieren deutsche Unternehmenslenker und Fachleute die Folgen der Rohstoffknappheit heute mit dem Bundeskanzler auf einer Konferenz in Berlin.

Als Triebfeder des Booms, der 2004 an Fahrt gewann, gilt der immense Rohstoffhunger Chinas. Zusammen mit der Erholung der Weltkonjunktur hat er die Nachfrage nach Rohstoffen unerwartet angefacht. Das Angebot war hierfür zu knapp bemessen, die Preise schossen empor. Chinas Wirtschaft wächst kräftig - im vergangenen Jahr fast um zehn Prozent. Die eigenen Vorkommen reichen der aufstrebenden Wirtschaftsmacht längst nicht mehr.

Konkurrenz um die Ressourcen

Besonders die Stahlkonjunktur läuft auf Hochtouren, selbst Lieferengpässe gibt es. Mit der rasanten Verteuerung der Einsatzstoffe Eisenerz und Kohle sind auch die Stahlpreise in die Höhe geschnellt. Fachleute erwarten, daß der Weltbedarf an Stahl auf Jahre hinaus kräftig zunimmt. China benötigt riesige Mengen für die Industrialisierung und den Aufbau der Infrastruktur. Ein Drittel aller Erzeinfuhren geht schon jetzt ins Reich der Mitte. Auch die Motorisierung der chinesischen Bevölkerung schreitet voran. Als Ölimporteur hat das Land längst Japan hinter Amerika an der Weltspitze verdrängt.

Doch auch andere Schwellenländer konkurrieren um die Ressourcen, der Nachholbedarf ist groß. Als Wachstumsmagnet gilt der gesamte asiatische Raum. Vor allem Indiens Bedeutung steigt ständig. Ökonomen schätzen, daß Indien bis 2050 auf Rang drei der größten Volkswirtschaften der Welt aufrücken könnte - nach China und den Vereinigten Staaten. Überdies ist die Rohstoffnutzung in diesen Ländern weniger effizient als in Industrienationen.

Stark schwankende Preise

Ein Trendverstärker des Rohstoffbooms ist der schwache Dollar. An den Terminbörsen werden Rohstoffe fast ausschließlich auf Dollar-Basis gehandelt. Werten nationale Währungen zum Dollar auf, wie zuletzt der Euro, federt dies den Preisanstieg ab. Den Dollar-Raum hingegen trifft er mit aller Macht. Auf den Rohstoffmärkten tummeln sich zudem, angelockt von den stark schwankenden Preisen, auch Spekulanten. Diese Marktteilnehmer nutzen Trends und verstärken sie. Stimmen, die vor spekulativen Übertreibungen warnen, kommen nicht von ungefähr. Die Hoffnung auf Renditechancen treibt freilich nicht nur spekulative, sondern auch immer mehr langfristig orientierte Investoren in dieses Anlageuniversum, dessen Wertentwicklung 2004 die aller anderen Anlageklassen bei weitem übertraf.

Die Hausse ist aber in erster Linie nachfragegetrieben und trägt ein stark zyklisches Element in sich. Ihr Fortbestand hängt am Tropf der Konjunktur, die Zeichen von Schwäche zeigt. Seit dem zweiten Halbjahr 2004 hat sich das Wachstum der Weltwirtschaft spürbar verlangsamt - nicht zuletzt auch wegen der hohen Rohstoffkosten. Und selbst in China ist nach den Bremsmanövern der Regierung die Gefahr einer harten Landung nicht gebannt.

Ausweitung der Produktionsmengen

Teure Rohstoffe schüren die Sorgen um Inflation und steigende Zinsen. Sie belasten die Ertragslage der Unternehmen, die auf Rohstoffe angewiesen sind, und pflanzen sich in der gesamten Wertschöpfungskette fort. Der hohe Ölpreis trifft die Verbraucher über höhere Tankrechnungen und Heizölkosten direkt und dämpft die hierzulande ohnehin gedrückte Stimmung zusätzlich. Nicht allen Unternehmen gelingt es, ihre steigenden Kosten weiterzugeben, die Preisspielräume sind häufig nur gering. Vor allem kleineren Gesellschaften sind hier oft die Hände gebunden. Die Stahlkonzerne waren da bisher erfolgreicher; und die jüngsten Preisverhandlungen mit den Erzproduzenten verheißen, daß Stahl wohl bald noch teurer wird. Hierunter leiden die Verarbeiter wie die Automobil- und Maschinenbauindustrie.

Die Hausse hat freilich auch ihre Gewinner: Rohstoffkonzerne und Ölgesellschaften arbeiten profitabler, ihre Aktienkurse sind in die Höhe geschnellt. Schwellenländer, häufig reich an Rohstoffen, freuen sich über eine steigende Ausfuhr. Bei hohen Rohstoffpreisen lohnt eine Ausweitung der Kapazitäten, wenngleich Währungseffekte Bergbauländer wie Australien oder Südafrika benachteiligen. Besonders bei Basismetallen zeichnet sich jedoch ein wachsendes Angebot ab. Den Preisauftrieb dürfte das zunächst dämpfen. Rohstoffproduzenten neigen typischerweise zu prozyklischem Verhalten. In Phasen hoher Preise nehmen die Investitionen zu, umgekehrt ist dies in schlechteren Zeiten. Die Ausweitung der Produktionsmengen vollzieht sich aber nur ganz allmählich. Oft vergehen Jahre, bis neue Vorkommen erschlossen sind und Anlagen laufen. Das konjunkturelle Umfeld ist dann häufig ein völlig anderes.

Versorgungsängste

Auf der Nachfrageseite ist China der entscheidende Faktor. Solange die chinesische Wirtschaft kräftig ächst, dürften vor allem Industriemetalle und Rohöl knapp bleiben. Auch zahlreiche andere Gründe sprechen für dauerhaft hohe Rohstoffkosten. Viele Vorkommen sind endlich. Geopolitische Risiken schüren Versorgungsängste, vor allem der Ölmarkt zeigt dies mit aller Deutlichkeit.

Länder mit geringen Ressourcen kommen nicht umhin, sich auf die Rohstoffknappheit einzustellen und nach Auswegen zu suchen. Die Rohstoffzyklen sind vergleichsweise lang; zehn, zwanzig Jahre oder mehr können sie dauern. Treffen diese Prognosen zu, stehen wir erst am Anfang einer Hausse, die vor kurzem begann.

Quelle: F.A.Z., 08.03.2005, Nr. 56 / Seite 11
Autorenporträt / Papon, Kerstin
Kerstin Papon
Redakteurin in der Wirtschaft.
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