Zu hohe Verluste

LG verabschiedet sich aus dem Handy-Markt

Von Patrick Welter, Tokio
05.04.2021
, 11:27
Gegen Apple und Samsung und die chinesische Konkurrenz kam LG Electronics nicht mehr an. Mit den Verlusten in der Handy-Sparte soll jetzt Schluss sein.

Nach mehr als fünf Jahren der Verluste zieht der südkoreanische Elektronikhersteller LG Electronics den Stecker und steigt aus dem Geschäft mit Handys und Smartphones aus. Der Verwaltungsrat beschloss am Montag eine entsprechende Vorlage. In der Pressemitteilung beklagt das Unternehmen einen „unglaublich wettbewerblichen“ Markt für Mobiltelefone. Der Ausstieg werde kurzfristig das Unternehmen den Umsatz verringern, langfristig aber zum finanziellen Vorteil sein. LG Electronics will sich künftig auf Wachstumsfelder wie Zulieferungen für Elektroautos, vernetzte Geräte und so genannte intelligente Häuser fokussieren. Im vergangenen Jahr trugen Mobiltelefone 8,2 Prozent zum Umsatz von LG Electronics bei.

LG ist nicht das erste global bekannte und erfolgreiche Unternehmen, das von den Spitzenplätzen im Handy-Markt nahezu in die Bedeutungslosigkeit absinkt. Doch im Gegensatz zu Finnlands Nokia, Taiwans HTC und Kanadas Blackberry ist es das erste Unternehmen, das die Produktion komplett einstellen will.

Im vergangenen Jahr lieferte LG Electronics ungefähr 23 Millionen Smartphones aus und hatte nach Angaben des Analyseunternehmens Counterpoint Research einen Anteil von etwa 2 Prozent am globalen Markt. Marktführer Samsung dagegen lieferte 256 Millionen Smartphones aus und hat einen Marktanteil von 19 Prozent, vor Apple (15 Prozent) und Huawei (14 Prozent). Regional war LG noch stark in Nordamerika auf Rang 3 mit einem Marktanteil von 10 Prozent. In Lateinamerika erreichte LG Rang 5 mit 4 Prozent Marktanteil.

Probleme im unteren wie im oberen Preissegment

Das Aus für Mobiltelefone von LG Electronics zeichnete sich schon im Januar ab, als das Unternehmen sich offen für alle Optionen für den Geschäftsbereich zeigte. Das südkoreanische Unternehmen, Teil des LG Konglomerats, gehörte mit seinen Smartphones früher zu den angesehensten Anbietern am Markt. 2013 war es der größte Anbieter von Smartphones nach Samsung Electronics und Apple. LG kooperierte früh mit Google in der Produktion von Telefonen der Nexus-Reihe. Noch im Januar auf der Verbraucherelektronikschau CES hatte LG Electronics Schlagzeilen gemacht, als es in einem kurzen Video ein Handy mit einem ausrollbaren Bildschirm zeigte. Nach den damaligen Angaben sollte das Gerät noch in diesem Jahr in Serienproduktion gehen.

Doch trotz des Willens zur Innovation konnte LG Electronic in den vergangenen Jahren in der Spitzenklasse mit den Telefonen von Samsung und Apple nicht mehr recht mithalten. Im unteren Preissegment kämpfte das Unternehmen gegen die zunehmende Konkurrenz chinesischer Marken wie Oppo, Vivo und Xiaomi.

Analysten nennen als einen Grund für die Schwierigkeiten von LG im Handy-Geschäft, dass es im Gegensatz etwa zu Samsung in der Entwicklung von Halbleitern von anderen Anbietern abhängig war. Durch die Verlagerung von Produktion in das kostengünstigere Vietnam hatte LG versucht, das Geschäft mit Handys zu retten. Das aber reichte offenbar nicht mehr. Verhandlungen unter anderem mit Vietnams Vingroup über einen Kauf des Handygeschäfts scheiterten. Trotz des Ausstiegs aus dem Geschäft mit Smartphones will LG Electronics das gesammelte Wissen über Mobilfunktechnologie auch der kommenden sechsten Generation (6G) behalten und nutzen, um sie für bestehende und künftige Produkte zu verwenden.

An der Börse wurde die Entscheidung des Unternehmens positiv aufgenommen. Schon die Ankündigung im Januar, alle Optionen für die Handy-Sparte zu prüfen, hatte dem Aktienkurs Auftrieb gegeben. Am Montag stieg der Kurs nach der Ankündigung des Ausstiegs um etwa 4 Prozent, rutschte dann aber ins Minus. Seit Januar hat die Aktie mehr als 10 Prozent im Wert gewonnen.

Unterschiedlich lange Software-Aktualisierungen geplant

LG Electronics ist Teil der LG-Gruppe, einem der großen familiengeführten Konglomerate in Südkorea, die mit der Industrialisierung des Landes groß wurden. Die mobilen Geräte sind der kleinste Geschäftsbereich von LG Electronics, das auch Waschmaschinen und Kühlschränke, Fernseher und Solarzellen herstellt. Das Gruppenunternehmen LG Energy Solution stellt Batterien für Elektrofahrzeuge her.

Das Unternehmen plant, den Handy-Geschäftsbereich bis zum 30. Juli komplett zu schließen. Auch danach könnten noch einzelne Geräte im Handel verkauft werden, hieß es. Das Unternehmen plant je nach Region unterschiedlich lange Software-Aktualisierungen und Reparaturdienstleistungen für die schon verkauften Geräte.

Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Welter, Patrick
Patrick Welter
Korrespondent für Wirtschaft und Politik in Japan mit Sitz in Tokio.
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