Mit Kakaofruchtfleisch

Lindt süßt auf neue Art

Von Marco Dettweiler und Johannes Ritter
03.03.2021
, 11:20
Der Schokoladenhersteller Lindt & Sprüngli ersetzt Zucker durch Kakaofruchtpulver. Dabei hilft ihm ein Start-up aus der Schweiz. Ritter Sport findet die Idee auch süß.

Kristallzucker auf natürliche Art zu reduzieren oder zu ersetzen gehört zu den Dauerbrennern in der Süßwarenindustrie. Der Schokoladenhersteller Lindt & Sprüngli hat auf diesem Feld jetzt einen Schritt nach vorne gemacht. Das Schweizer Unternehmen hat eine Schokolade auf den Markt gebracht, die ihre Süßkraft allein aus der Kakaofrucht zieht. Die Tafel namens „Excellence Cacao Pur“ besteht zu 82 Prozent aus Kakaobohnen und zu 18 Prozent aus einem Pulver, das aus dem Fleisch der Kakaofrucht gewonnen wird. Im Lindt-Online-Shop ist das Produkt trotz seines stolzen Preises von 3,99 Euro (für 80 Gramm) schon vergriffen. Allerdings ist Lindt zum Start auch nur mit einer limitierten Auflage von 3600 Tafeln in den Markt gegangen.

Dieter Weisskopf, Vorstandsvorsitzender von Lindt, hält große Stücke auf die Innovation: „Wir sind sehr glücklich, dass wir in diese Richtung gegangen sind“, sagte Weisskopf am Dienstag in einer Telefonkonferenz. Getrocknetes Kakaofruchtfleisch werde man definitiv noch in weiteren Produkten einsetzen. Aber zunächst müsse man dafür eine entsprechende Lieferkette aufbauen. Tatsächlich findet der überwiegende Teil des Fruchtfleisches der Kakaopflanze bisher keinerlei Verwendung in der Schokoladenproduktion. „Aber über die Zeit wird mehr davon verfügbar sein“, sagte Weisskopf voraus.

Lindt bezieht das getrocknete Kakaofruchtfleisch von der Koa Switzerland AG. Dieses Start-up stellt das neue Süßungsmittel in Ghana her. Dort fahren die Mitarbeiter mit einer mobilen Presse, die einfach als Anhänger an ein Auto gehängt wird, in die Nähe der Kakaobauern, um etwa auf einem Dorfplatz ihre temporäre Produktionsstätte aufzustellen. Mit dreirädrigen Motorrädern, die wie ein Pick-up eine offene Ladefläche haben, geht es weiter zu den Bauern. Sie übergeben den Koa-Mitarbeitern das Innere der Kakaoschote, die lediglich geschält wurde. Um die Bohnen hängt noch das ganze weiße Fruchtfleisch – vergleichbar mit dem Inneren einer Litschi –, das ansonsten weggeworfen würde.

Kleinbauern steigern Einkommen um 30 Prozent

Nun geht es zurück zur mobilen, solarbetriebenen Presse. Koa wendet zwei verschiedene Verfahren an. Entweder wird der Saft aus dem Fruchtfleisch gepresst, oder die Maschine befreit die Bohnen vom Fruchtfleisch und sammelt dieses. Danach werden die Bohnen in Säcke gefüllt und den Bauern zurückgebracht. „Wichtig ist uns dabei, dass wir ausreichend Fruchtfleisch an den Kakaobohnen belassen, damit die Fermentation der Bohnen weiterhin gewährleistet ist“, erläutert Anian Schreiber, Mitgründer und Geschäftsführer von Koa. „Durch den Verkauf des Kakaofruchtfleischs an uns können die Kleinbauern ihr Einkommen um bis zu 30 Prozent steigern. Die Bezahlung findet noch am selben Tag und bargeldlos statt“, sagt Schreiber.

Auf der Ladefläche der Motorräder werden Saft und Fruchtfleisch gekühlt zur Verarbeitungsstätte gebracht. Koa bietet zwei Formen des Süßungsmittels an, die aus dem Fruchtfleisch der Kakaoschote gewonnen werden: als Saft oder als Trockenpulver, das an Rohrzucker erinnert. Das getrocknete Fruchtfleisch hat gegenüber dem Saft den Vorteil, dass es nur noch eine Restfeuchtigkeit von maximal 5Prozent besitzt. Damit lässt es sich in der Produktion der Schokolade einfacher einsetzen, weil es sich ähnlich wie Zucker verhält.

Ritter Sport lässt sich inspirieren

Obwohl Koa als eines der ersten Unternehmen das Fruchtfleisch der Kakaoschote in ein Süßungsmittel verwandelt hat, das für die Produktion von Schokolade genutzt wird, und mit Lindt einen großen Partner gefunden hat, war es vor wenigen Wochen das deutsche Unternehmen Ritter Sport, das als vermeintlicher Pionier damit in die Öffentlichkeit drängte. Jedenfalls warb das Unternehmen mit Worten wie „Neuheit auf dem Tafelschokoladenmarkt“ und „innovativen Verfahren“ für eine neue Schokolade namens „Cacao y Nada“.

Der wahre Pionier Koa nimmt das gelassen: „Wir freuen uns sehr, dass wir mit unserer Arbeit ein etabliertes Unternehmen wir Ritter Sport dazu inspirieren konnten, auch die Kakaofrucht zu verarbeiten“, sagt Schreiber: „Je mehr Unternehmen und Kunden die Faszination der Kakaofrucht entdecken, desto besser ist es für unsere Mission, das Leben der Kleinbauern zu verändern.“

Dieser Ansatz passt auch gut zum Nachhaltigkeitsprogramm von Lindt & Sprüngli, in dem der Schokoladenhersteller nach eigenem Bekunden im vergangenen Jahr ein wichtiges Etappenziel erreicht hat: Man könne jetzt die Kakaobohnen, die Lindt aus fünf Ländern bezieht, zu 100 Prozent zurückverfolgen. „Wir haben alle 80.000 Farmer identifiziert, von denen wir Kakao kaufen. Wir wissen jetzt genau, wo unsere Bohnen herkommen“, sagte der Lindt-Finanzchef Martin Hug. Allerdings gab Hug zu, dass man noch nicht so viel Durchblick habe, um ausschließen zu können, dass es entlang der Lieferkette zu Kinderarbeit kommt. Man tue aber das Allermöglichste, um Kinderarbeit zu limitieren. Nach Hugs Angaben kauft Lindt keine Kakaobohnen, die von Dritten zertifiziert werden.

Der Umsatz des Konzerns ist 2020 aufgrund pandemiebedingter Einbußen und Wechselkurseffekten um 11 Prozent auf 4 Milliarden Franken gesunken. Die operative Umsatzrendite fiel um fast 3 Prozentpunkte auf 10,5 Prozent zurück. Im laufenden Jahr rechnet der Vorstand mit einem organischen Umsatzwachstum von 6 bis 8 Prozent und einer operativen Marge von 13 bis 14 Prozent. Allerdings hänge viel von der Frage ab, ob das wichtige Ostergeschäft durch Ladenschließungen beeinträchtigt werde oder nicht.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Dettweiler, Marco
Marco Dettweiler
Redakteur in der Wirtschaft.
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Johannes Ritter
Korrespondent für Politik und Wirtschaft in der Schweiz.
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