Londoner City

"Der Aufschwung ist da"

06.02.2004
, 06:42
Big Ben läutet gute Zeiten ein
Im Londoner Finanzbezirk, der City, ist der Optimismus früherer Jahre zurückgekehrt. Das Motto lautet: Mehr Stellen, höhere Boni und wieder größere Freude am Geldausgeben.

Klassische Sportwagen sind ein Lieblingsspielzeug der Bankiers in der Londoner City. Beispielsweise Aston Martin aus den sechziger Jahren in der Preisklasse von 40 000 bis 120 000 Pfund (56 000 bis 168 000 Euro). Der Autohändler Goodwood Green in Südlondon, der sich auf solche Modelle spezialisiert, gilt denn auch als brauchbares Konjunktur-Barometer für die Stimmung in der City. "Unsere eingefleischten Kunden mit sehr viel Geld sind eigentlich nie ausgeblieben", sagt Jonathan Wright von Goodwood Green, "nun aber kehren die Käufer zurück, für die ein Aston Martin eine Option, aber kein Muß ist."

Die Londoner City entsteigt ihrer schwersten Krise seit vielen Jahren. Die Bonuszahlungen, die in der Regel zwischen Dezember und Februar ausgezahlt werden, wachsen wieder. Plus 20 Prozent gegenüber dem Vorjahr ist kein ungewöhnlicher Anstieg bei allen Unterschieden von Bank zu Bank und Sektor zu Sektor. "Die Leute sind deutlich zufriedener", berichtet eine Sprecherin der amerikanischen Investmentbank J.P. Morgan, die Ende Januar ihre Sonderzahlungen überwies. Die Arbeitgeber wissen, daß sie sich wieder sorgfältiger um die Angestellten kümmern müssen, wenn sie Talente und Stars halten wollen. Zudem werden die Büros wieder mit neuen Leuten aufgefüllt: HSBC baut ein Team von Aktienspezialisten auf - ein Sektor, in dem es noch im Jahr 2003 Entlassungen hagelte.

Die City durchläuft ihren Zyklus

Von 300 neue Leuten ist die Rede, eine Zahl, die die Bank aber nicht bestätigen will. Nach einer Umfrage der Fachzeitschrift Financial News unter 47 Unternehmen in der City soll es in allen sieben abgedeckten Bereichen im ersten Quartal 2004 zu Einstellungen kommen. Im Anleihe-Sektor wollen alle befragten Banken neues Personal einstellen. Bei der Unternehmensfinanzierung, wozu die lukrative Beratung bei Fusionen und Übernahme gehört, sind es immerhin 67 Prozent. Denn Übernahmeschlachten wie jene um Aventis oder die Immobiliengesellschaft Canary Wharf lassen die Herzen der Berater höher schlagen. Zudem wollen 55 Prozent der befragten Banken im Bereich des Aktienhandels und Aktienresearch und 53 Prozent der befragten Fondsmanager die Belegschaft aufstocken.

So bewegt sich die City langsam aber sicher entlang ihrer gewohnten zyklischen Kurve. Das Centre for Economics and Business Research schätzt, daß die Beschäftigung zwischen dem dritten Quartal 2001 - dem jüngsten Höchststand - und dem Tiefstand vom zweiten Quartal 2002 um 26 000 Jobs oder 7,9 Prozent gefallen ist. In diesem Jahr soll es wieder um ein Prozent - oder 3000 Stellen - aufwärts gehen. Bis aber die Höhen des Bullenmarktes abermals erreicht werden, dürften weitere vier Jahre vergehen, sagt die Beratungsgesellschaft

Natasha Purchase macht wieder mehr Umsatz

Die gewachsene Ausgabenfreude schlägt sich auch in den Bars und Restaurants der Londoner Quadratmeile nieder. Natasha Purchase, die die Bar "Betjemans" in der Nähe der St. Paul's Kathedrale führt, erlebte in den vergangenen zwei Monaten 10 Prozent mehr Umsatz als im Vorjahr. "Die guten Zeiten, als mancher Händler schon am Nachmittag eine Flasche Dom Perignon nach der anderen knallen ließ, sind zwar vorbei, doch der Aufschwung ist da".

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 06.02.2004, Nr. 31 / Seite 23
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