Zukunft der Luca-App

„Den ganz harten Hass blocke ich einfach direkt“

Von Sarah Obertreis
17.01.2022
, 21:04
Trotz scharfer Kritik weiter von der Idee überzeugt: Rapper Smudo von den Fantastischen Vier ist Luca-Investor der ersten Stunde.
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Mit der Verbreitung von Omikron mehren sich auch die Spekulationen über ein Aus der Luca-App. Deren Betreiber wollen nun versuchen, auf eine neue Art Geld zu verdienen – und auch Investor Smudo will die App nicht abschreiben.
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Seit anderthalb Jahren hat der Rapper Smudo auf Twitter einen neuen Spitznamen. „Glücksritter“ wird das 53-Jahre alte Bandmitglied der Fantastischen Vier dort genannt. Es ist nicht als Kompliment gemeint.

Wenn der Musiker die Geschichte erzählt, wie er dazu gekommen ist, in Luca zu investieren und – damit auch unweigerlich zu seinem neuen Spitznamen – , dann sagt er, er habe eine Lösung finden wollen für das brachliegende öffentliche Leben in Deutschland, für die Veranstaltungsbranche und die Gastronomen. Geldmacherei – schreiben auf Twitter bekannte IT-Experten und prominente Datenschützer. „Nur edle Motive“, sagt Smudo über sein Investment. Auf die Idee für Luca ist ein alter Bekannter von ihm gekommen, ein Clubbetreiber. Das System sollte die Kontaktnachverfolgung für die Gesundheitsämter vereinfachen – keine Zettelwirtschaft mehr – und damit mehr Konzerte, mehr Restaurantbesuche und Partys möglich machen als zu Beginn der Pandemie. „Das ist immerhin zum Teil gelungen“, sagt Smudo.

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Was man nun, rund 14 Monate nach dem offiziellen Start von Luca, auch sagen kann: Es gibt nur wenige Apps, die gerade beliebter sind. 40 Millionen Deutsche sollen sie laut den Angaben der Luca-Macher schon benutzt haben, um in einem Restaurant, im Theater oder auf dem Rummel die Kontaktdaten und den Impfstatus erfassen zu lassen. Gleichzeitig, sagt Smudo, sei sein Investment bisher nicht lukrativ gewesen.

„Wir wollen uns an die Spitze der digitalen Bewegung setzen“

Das könnte sich Schritt für Schritt ändern, wenn der Plan aufgeht, den der Betreiber von Luca, das eigens gegründete Unternehmen Culture4life, an diesem Montag verkündet hat. Luca, sagt Culture4life-Chef Patrick Hennig, solle nach der Pandemie keinesfalls verschwinden. „Wir haben gerade in Deutschland eine einzigartige Möglichkeit, zukünftige digitale Tools nicht Google oder Facebook zu überlassen. Wir wollen uns hier an die Spitze der digitalen Bewegung setzen“, erklärt er.

Bisher waren die Luca-Macher vage geblieben, wenn es um die Nutzung der Beliebtheit Lucas für weitere unternehmerische Tätigkeiten ging. Jetzt wird Hennig konkreter. Culture4life plane, der Gastronomie und der Veranstaltungsbranche bei der dringend notwendigen Digitalisierung zu helfen. Hennig kann sich ein digitales Bezahlsystem vorstellen, das für die Gastronomen günstiger ist als das Visa- oder Mastercard-System und direkt über die Luca-App funktioniert. Diese Digitalisierungsservices sollen dann, anders als die Check-In- und Nachweis-Funktion, die Luca im Moment anbietet, nicht mehr kostenlos für die Betreiber und Veranstalter sein.

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Ein solches zweites finanzielles Standbein wird existenziell sein, wenn es für Luca so weitergeht. Was man nämlich nun, ein gutes Jahr nach dem Start, auch sagen muss: Die Spekulationen um ein mögliches Ende sind nicht aus der Luft gegriffen. Der einstige Zweck der App ist hinfällig geworden in einer Zeit, in der die Inzidenz im bundesweiten Durchschnitt bei über 500 liegt. Kein Gesundheitsamt schafft es dann noch den Ursprung der einzelnen Infektionen zurückzuverfolgen. Zumal es etliche Gesundheitsämter gab, die Schwierigkeiten hatten auf ein neues System wie Luca, umzusatteln und sich Datenschützer und Politiker bis heute nicht einig sind, ob Luca eine der sichersten IT-Architekturen Deutschlands hat oder das Gegenteil davon.

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Bremen und Schleswig-Holstein beenden das Vertragsverhältnis

Auch deshalb ist in der vergangenen Woche bekannt geworden, dass zwei Bundesländer die Verträge für die Nutzung von Luca beenden: Schleswig-Holstein und Bremen. Insgesamt haben 13 Bundesländer einen Vertrag mit dem Luca-Anbieter geschlossen, in Thüringen, Nordrhein-Westfalen und Sachsen nutzen die Gesundheitsämter vereinzelt das System. Elf Länder prüfen noch, ob sie ihre Luca-Verträge verlängern. Sie laufen bis April nach und nach aus.

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Würden sich die Länder geschlossen dagegen entscheiden oder nur vereinzelt verlängern, hätte das Projekt Luca ein Problem. Bisher sind sie nämlich die Einzigen, die für die Funktionen von Luca bezahlen. Etwa 20 Millionen Euro Steuergeld wurden insgesamt für das System ausgegeben, ein Teil davon sind monatliche Raten, die die Gesundheitsämter für den Betrieb der Software, Zertifikate und die Support-Hotline zahlen.

Die Luca-Macher kündigten am Montag an, diese monatlichen Raten künftig zu halbieren: auf 750 Euro je Gesundheitsamt. Zudem sollen die Länder nun bei einer Verlängerung monatlich kündigen und dann je nach Bedarf wieder einsteigen können. Hennig meint, so könne optimal auf lokale Ausbrüche reagiert werden, sobald es wieder niedrigere Inzidenzen gebe. Bisher hat es zu diesen Änderungen wohl noch keine eindeutigen Rückmeldungen aus den Ländern gegeben. Nur aus Bremen heißt es: Man werde trotz neuer Konditionen nicht weiter mit Luca arbeiten.

Auch wenn die Kontaktnachverfolgung nicht mehr sinnvoll ist, sieht Hennig Luca als wichtiges Hilfsmittel. Seit diesem Sommer können die Gesundheitsämter den Nutzern auch automatisierte Warnmeldungen auf ihre Handys schicken. Anders als bei der Corona-Warn-App des Bundes geht aus diesen Hinweisen hervor, wo und zu welcher Uhrzeit der Risikokontakt stattgefunden hat.

Trotzdem plädieren viele IT-Experten und Politiker dafür, statt Luca nur noch die Corona-Warn-App zu nutzen. Sie stören sich daran, dass Luca die Daten der Nutzer zentral speichert. Dass sie dabei mehrfach verschlüsselt sind, reicht ihnen nicht. Hennig will nun aber noch einen Schritt weiter gehen und den Luca-Nutzern die Möglichkeit geben, auch ihren Personalausweis in der App zu speichern. So soll das Suchen im Portemonnaie entfallen, wann immer im Restaurant ein 2-G-plus-Nachweis verlangt wird.

Die Kritik, die Luca auch dafür wohl wieder ernten wird, ist für Smudo und ihn schon zu einer Art Routine geworden. „Den ganz harten Hass blocke ich einfach direkt“, sagt Smudo. Er kennt den Vorwurf der Geldmacherei schon von früher, als er mit den Fantastischen Vier angefangen hatte, Hip-Hop auf Deutsch zu machen.

Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Obertreis, Sarah
Sarah Obertreis
Redakteurin im Ressort „Gesellschaft & Stil“.
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