Umkämpfte Start-Zeitfenster

Sinnlose Flüge? Lieber leer fliegen als nicht fliegen

Von Timo Kotowski
28.12.2021
, 16:13
Leer oder voll? Ein A350-Flugzeug der Lufthansa startet.
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Lufthansa will trotz eingebrochener Buchungen im Winter bis zu 18.000 Flüge durchführen, um Rechte an Startslots nicht zu verlieren. Für März sind schon schärfere EU-Regeln verkündet.
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Flugzeuge mit leeren Sitzen, Abstand zu Mitreisenden kein Problem – vor allem zu Beginn der Corona-Pandemie haben Passagiere diese Erfahrung gemacht. Nun steht Fluggesellschaften wieder eine Phase bevor, in der die wirtschaftliche und erst recht die ökologische Bilanz ihrer mit Kerosin befeuerten Flugzeuge schlecht ist. Doch sie starten trotzdem. Der Grund: Lassen Airlines die vor allem an großen Flughäfen knappen Startzeitfenster (Slots) ungenutzt, laufen sie Gefahr, diese zu verlieren – und zwar dauerhaft.

Wegen der Verbreitung der Omikron-Variante des Coronavirus und sinkender Buchungszahlen hat Carsten Spohr, der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Lufthansa, angekündigt, für die nächsten Wochen und Monate 33.000 Flüge aus dem Plan zu nehmen. Mehr geht anscheinend nicht, wenn Lufthansa den Slot-Verlust abwenden will.

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Dabei hätte der Konzern wohl gern 18.000 weitere Verbindungen gestrichen, bei Lufthansa ist von „sinnlosen“ Flügen die Rede, die dennoch abheben sollen. Und der Slot-Ärger droht nicht nur eine Begleiterscheinung des Winters zu werden, die EU-Kommission hat schon über Regeln für die Startzeitfenster im Frühjahr und Sommer 2022 entschieden – zum Missfallen von Teilen der Branche.

„Nutze oder verliere den Slot“

Grundsätzlich gilt: Besitzt eine Fluggesellschaft einen 15-Minuten-Slot für einen Start oder eine Landung, darf sie ihn dauerhaft behalten, wenn sie das Zeitfenster in mindestens 80 Prozent der Fälle nutzt. Es gilt: „Use it or lose it.“ Nutze oder verliere den Slot. Am Beginn der Pandemie hatte die EU-Kommission wegen des Verkehrseinbruchs die Regel ausgesetzt. Netzwerk-Gesellschaften wie Lufthansa, die auf eine Kombination aus Langstrecken und Kurzstreckenzubringern setzen, dankten. Billigflieger wie Ryanair opponierten und bekundeten, dass sie gern Slots für die eigene größere Zukunft gesammelt hätten und von der EU-Bürokratie daran gehindert würden.

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Mittlerweile gilt die Regel, dass eine Fluggesellschaft Slots zu 50 Prozent statt zu 80 Prozent nutzen muss, um sie zu behalten. Brüssel plante zudem einen gestuften Weg zurück zur Flugnormalität – womit weniger Normalität bei Passagierzahlen als Normalität in Bezug auf Wettbewerbsregeln gemeint ist. Vor zwei Wochen verkündete die EU-Kommission dann, dass Ende März, wenn die Sommerflugpläne der Airlines in Kraft treten sollen, die Schwelle für den Slot-Erhalt von 50 auf 64 Prozent angehoben wird.

Die Behörde verwies darauf, dass schon 2021 in einigen Sommermonaten das Flugaufkommen 70 Prozent des Niveaus von 2019 erreichte. Und die Flugsicherung Eurocontrol prognostiziere für 2022 mehr. EU-Verkehrskommissarin Adina Vălean sagte zwar, dass ihr die Sorgen der Luftfahrt wegen der Omikron-Variante und wegen des jüngsten Buchungseinbruchs bewusst seien. Doch die Kommission habe während der Covid-19-Krise den Willen und die Fähigkeit gezeigt, wenn nötig schnell zu handeln.

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Luftfahrt uneins zu EU-Regeln

Eine diplomatisch umschriebene Hintertür bleibt also, um die Entscheidung zu überdenken. Aber Vălean erklärte auch: „Der Impffortschritt und das digitale EU-Covid-19-Zertifikat haben geholfen, das Vertrauen von Reisenden und Flugverbindungen in der EU wiederherzustellen, und haben die Branche in eine stärkere Position gebracht, um mit kurzfristigen Schocks umzugehen.“

Lufthansa-Chef Spohr übte angesichts sinkender Buchungszahlen Kritik. „Während man dafür in fast allen anderen Teilen der Welt klimaschonende Ausnahmeregelungen in der Zeit der Pandemie gefunden hat, erlaubt das die EU nicht in gleicher Weise“, klagte er in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung. Die Brüsseler Regeln schadeten dem Klima und seien „exakt das Gegenteil von dem, was die EU-Kommission mit ihrem Programm ‚Fit for 55‘ erreichen will“.

Der Flughafenverband ACI Europe begrüßte indes die 64-Prozent-Regel von Ende März an als „wesentlichen und völlig gerechtfertigten Schritt“ hin zu normalen Slot-Regeln, die zum Winter 2022 wieder gelten sollten, ACI-Geschäftsführer Olivier Jankovec sagte, die Kommissionsentscheidung spiegele eine „neue Realität“ auf dem Luftfahrtmarkt wider, auf dem einige Airlines strukturell geschrumpft seien, während andere Expansionschancen suchten. Vereinfacht gesagt: Die in der Krise ebenso leidenden Flughäfen nähmen auch neue Routen wachsender Airlines gern, wenn sie so schneller mehr Passagiere und somit mehr Einnahmen erhalten könnten.

Der Weltfluglinienverband IATA, der mehr oder minder belastete Linien unter seinen Mitgliedern hat, hielt sich zurück und erklärte lediglich, die EU-Regeln für 2022 gäben Airlines Planungssicherheit. Lieber forderte man, Staaten sollten – so bald wie möglich – Reisebeschränkungen lockern, um mehr Nachfrage zu ermöglichen. Derweil ist unklar, wie groß das Begehren nach aufgelassenen Slots wäre. Lufthansa hatte 2020 für ihr Rettungspaket die Auflage erhalten, in München und Frankfurt einige Zeitfenster abzugeben. Noch folgte daraus nichts. Es gab keine Interessenten für die Slots. Allerdings durften sich bislang nur „neue Wettbewerber“ melden.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Kotowski, Timo
Timo Kotowski
Redakteur in der Wirtschaft.
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