Nach Milliardenverlust

Lufthansa fliegt in schwere Zeiten

Von Timo Kotowski
04.03.2021
, 09:29
Aus der Flaute in den Sturm – das steht dem Flugkonzern bevor. 2020 endete mit einem Milliarden-Verlust, 2021 soll Urlaubslust für Auftrieb sorgen. Doch es drohen Überkapazitäten.

Der Lufthansa-Konzern setzt für die ersten Schritt aus der Krise auf die Reiselust nach Monaten im Lockdown. Ungünstig dabei ist allerdings, dass andere Fluggesellschaften auf genau die gleiche Idee kommen dürften – zumal eine schnelle Erholung im Verkehr mit Geschäftsreisenden nicht zu erwarten ist. „Im Sommer wird es auf touristischen Strecken ein Überangebot geben“, gilt im Konzern schon als ausgemacht.

Dennoch gibt man Schub. „Wir sind vorbereitet, um kurzfristig wieder bis zu 70 Prozent unserer Vorkrisenkapazität anzubieten, wenn die Nachfrage steigt“, kündigt Lufthansa-Vorstandschef Carsten Spohr an. Im Preiswettkampf mitzufliegen, ist immer noch besser, als das Geschäft anderen zu überlassen.

Der Konzern braucht Flugbetrieb, um eigene Überschüsse erwirtschaften zu können. Nach internen Berechnungen ist ein positiver Mittelzufluss möglich, wenn die angebotene Kapazität über 50 Prozent des Vorkrisenniveaus liegt. Nach dem Beinahe-Stillstand im ersten Quartal wird für das Gesamtjahr noch eine Kapazität von 40 bis 50 Prozent im Vergleich zu 2019 als erreichbar angesehen.

Herausfordernstes Jahr in der Konzerngeschichte

Aus der Flaute geht es für den Konzern in den Wettkampfsturm. 6,7 Milliarden Euro Verlust sind bei Lufthansa 2020 angefallen. Es war das „das herausforderndste Jahr in der Geschichte unseres Unternehmens“, sagt Spohr. Ein Jahr zuvor stand unterm Strich noch ein Überschuss von 1,2 Milliarden Euro. Der Umsatz sank von 36,4 Milliarden Euro auf 13,6 Milliarden Euro. Es stiegen noch 36 Millionen Passagiere ein, 75 Prozent weniger als 2019.

Nun gilt es, nicht in den Strudel eines Preiswettkampfes zu geraten. Lufthansa will dem entgehen, indem man in der Planung des Flugangebots auf Ferienstrecken flexibel bleibt, um kurzfristig zu reagieren. Das schürt schon Sorgen, dass auf Urlauber wie vor einigen Jahren eine Flut an Flugzeitenänderungen zurollt, wenn kurzfristig schlecht ausgelastete Flüge gestrichen und zusammengelegt werden könnten.

Ferienflugpläne unter Beschuss

So schlimm soll es nicht kommen. Lufthansa stellt sich darauf ein, dass Urlauber 2021 sehr kurzfristig buchen. Und so fällt auch die Flugplangestaltung aus, noch seien nicht mal für Mai alle Verbindungen verbindlich festgelegt, geschweige denn für die großen Ferien. Doch im Urlaubergeschäft ist seit jeher das große Verdienen schwieriger. Vor der Krise waren etwa 29 Prozent der Lufthansa-Passagiere Geschäftsreisende, die zahlten höhere Preise und sorgten für fast 44 Prozent der Ticketumsätze.

Zudem stehen die Ferienflugpläne des Konzerns unter Beschuss. Die Pilotengewerkschaft Vereinigung Cockpit sieht in der neuen Plattform Eurowings Discover ein Vehikel zur Tarifflucht. Der Rivale Condor hat beim Bundeskartellamt eine Beschwerde eingereicht, wirft Lufthansa den Missbrauch von Marktmacht vor. Lufthansa hat ein lange bestehendes Abkommen gekündigt, dass Condor gute Konditionen auf innerdeutschen Zubringerflügen zu den eigenen Langstreckenverbindungen ab Frankfurt sicherte. Nun sieht der kleinere Rivale den Versuch, im Wettkampf der beiden staatlich gestützten Airlines preislich unterboten zu werden.

In der Lufthansa-Führung empfindet man die Erregung als maßlos überzogen. Der Eurowings-Discover-Betrieb werde zumindest 2021 nur aus sieben Flugzeugen bestehen. Condor wird genug eigene Kraft bescheinigt, dagegen bestehen zu können. Schließlich habe auch der kleinere Rivale Staatshilfe bekommen. Rechne man die auf die Zahl der Beschäftigten um, hätte Lufthansa annähernd zweimal das zugeteilte Hilfspaket bekommen müssen, um eine identische Pro-Kopf-Stützung zu erreichen.

Kritik an Quarantänepflichten

Noch stehen zudem Reisebeschränkungen dem großen Urlaubstrieb entgegen. „Ab dem Sommer rechnen wir wieder mit einer stärkeren Nachfrage, sobald durch eine weitere Verbreitung von Tests und Impfstoffen die restriktiven Reisebeschränkungen zurückgehen“, sagt Spohr.

Dabei ist das Fallen der Beschränkungen schon längst einkalkuliert. Denn der Druck von Ländern mit großem Tourismusanteil in Südeuropa dürfte bis zu den Sommerferien so groß werden, dass andere EU-Staaten kaum auf Isolation oder Impfung als Auflagen bestehen werden, sondern Tests zur wesentlichen Vorgabe machen.

Aktuell kommen sehr wenig Passagiere. Zuletzt lag das Reisendenaufkommen in einer Woche bei nur 9 Prozent des Vorkrisenvergleichswerts aus dem Vorjahr. Da aber 13 Prozent des Flugangebots bestanden, ist offensichtlich, dass trotz der scharfen Einschnitte mehr Sitze leer blieben. Vor allem auf Interkontinentalflügen stellt sich – so ist zu hören – ein besonderes Gefühl der Privatheit unter Reisenden ein, wenn nur 20 oder 30 Passagiere an Bord sind.

Lufthansa fliegt trotzdem, allerdings nicht als freundliche Geste für die wenigen, die ans Ziel kommen müssen. Der Frachtraum im Unterdeck ist gut gefüllt. Allzu lange will Spohr nicht mehr nur auf die Chancen des Frachtgeschäfts bauen. Schon zum Flugplanwechsel am Monatsende soll die Kapazität für Passagiere ausgebaut werden. Insbesondere im Kurzstreckensegment ist ein Hochfahren um 50 Prozent angepeilt.

Geschäftskunden bleiben noch aus

„Jetzt müssen international anerkannte, digitale Impf- und Testnachweise an die Stelle von Reiseverboten und Quarantäne treten, damit Menschen wieder Familie und Freunde besuchen, Geschäftspartner treffen oder andere Länder und Kulturen kennenlernen können“, sagt Spohr. Aus Konzernsicht ist es ein Ärgernis, dass für Reisende die Rückkehr aus Gebieten, die wegen einer Inzidenz von mehr als 50 Neuinfektionen je 100.000 Einwohner binnen sieben Tagen als Risikogebiet eingestuft sind, direkt in die Quarantänepflicht führt.

Am Tag zuvor hatte der Geschäftsreiseverband VDR berichtet, dass 77 Prozent der Reisemanager deutscher Unternehmen Auflagen wie Quarantänen als Hinderungsgrund für Geschäftsreisen sehen. „Solange sich daran nichts ändert, werden viele Unternehmen ihre Reisen nicht wieder aufnehmen“, erklärte VDR-Präsident Christoph Carnier.

Beim Wiederanlaufen des Betriebs hinkt die Lufthansa ihrem Nach-Corona-Plan hinterher. Doch im Kostenkürzen sieht man sich dem Plan voraus. 31.000 Beschäftigte haben den Konzern in der Krise verlassen, in Deutschland fielen vor allem über Abfindungen oder Frühverrentungen 8000 Stellen weg. Die Zahl der Beschäftigten ist auf rund 110.000 geschrumpft.

Kündigungen nicht abgewendet

Mit mehreren Beschäftigungsgruppen ist aber ein vorübergehender Ausschluss von Kündigungen vereinbart, und die Zahl der freiwilligen Abschiede dürfte aus Sicht der Führung nicht ausreichen. Vor allem unter Piloten gibt es wenig Bereitschaft den Konzern zu verlassen, sie hätten kaum eine Chance, anderswo eine Stelle zu ähnlichen Konditionen zu finden. Im Hintergrund dürfte man daher schon Kündigungen vorbereiten.

Finanziell sieht sich der Konzern gut für den Flug in die Nachkrisenzeit gerüstet. Die Nettokreditverschuldung beträgt zwar 9,9 Milliarden Euro. Doch es besteht Zugriff auf 10,6 Milliarden Euro liquide Mittel. Vom 9-Milliarden-Euro-Staatshilfepaket wurden bis zum Jahreswechsel erst 3,3 Milliarden Euro abgerufen, eine Milliarde ist durch eine Umschuldung schon getilgt.

Die Lufthansa rechnet kaum noch damit, die Hilfe komplett ausschöpfen zu müssen. Denn es sind auch Verkäufe von Konzernteilen möglich, die nicht zum Kernbereich Fliegen gehören. Der zweite Teil des Bordverpflegers LSG steht zum Verkauf, auch eine Trennung vom Geschäftsreisedienstleister Airplus gilt als möglich. Für die Wartungssparte Lufthansa Technik nimmt man sich noch Zeit. Ob man sich von einem Minderheitsanteil trennen will, soll im Laufe des Jahres geprüft werden. An der Mehrheit soll in jedem Fall festgehalten werden.

Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Kotowski, Timo
Timo Kotowski
Redakteur in der Wirtschaft.
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