Metall-Mangel

Jetzt fehlt den Autoherstellern auch noch Magnesium

Von Hendrik Ankenbrand, Schanghai
19.10.2021
, 19:13
Am Fließband könnte die Ampel bald auf Rot stehen: den Autoherstellern fehlt der Werkstoff Magnesium.
Schon vor Wochen wurde davor gewarnt, jetzt könnte es tatsächlich Realität werden: Ein Stopp der Autoproduktion wegen fehlender Werkstoffe. Chinesisches Magnesium bereitet Kopfzerbrechen.
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Es wiegt ein Drittel weniger als Aluminium und drei Viertel weniger als Stahl, ist aber trotz seiner geringen Dichte so fest wie andere Werkstoffe: Magnesium wird seit ein paar Jahren verstärkt beim Bau von Autos eingesetzt. Genau das könnte der weltweiten Fahrzeugindustrie nun zum Verhängnis werden. Diese muss möglicherweise ihre Bänder nicht nur wegen des Mangels an Chips anhalten, sondern auch wegen ausbleibender Lieferungen des internationalen Magnesiummonopolisten: China.

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Seit Wochen warnen Branchenverbände davor, dass den Autobauern das Metall ausgehen könnte, seit aus Fernost kein Magnesium mehr geliefert wird. Die jetzigen Vorräte dürften in Deutschland und im Rest von Europa spätestens Ende November erschöpft sein, hatte die ­Wirtschaftsvereinigung Metalle jüngst gewarnt. Die Bundesregierung müsse „dringend diplomatische Gespräche“ mit der chinesischen Regierung führen, um „massive Produktionsausfälle“ zu verhindern.

Weniger Magnesium gleich mehr Klimaschutz?

Tatsächlich kommen zwischen 80 und 85 Prozent der globalen Magnesiumproduktion aus der Volksrepublik, genauer gesagt aus dem Kreis Wenxi in der Provinz Shanxi und aus dem Kreis Fugu der Stadt Yulin in der Provinz Shaanxi, die bis auf das zusätzliche „a“ im romanisierten Namen fast genauso geschrieben wird wie eine Nachbarprovinz im Osten. Normalerweise werden etwa in Fugu täglich zwischen 1600 und 1700 Tonnen Magnesium produziert. Derzeit sind es nur 1000 Tonnen. Schuld ist Chinas Versprechen an die Welt, das Klima besser zu schützen. So wie seit dem Sommer plötzlich überall im Land Kohlekraftwerke abgeschaltet wurden, um die Vorgaben der Zentralregierung an das Einsparen von CO2 zu erfüllen, haben 30 Magnesiumhersteller ihre Produktion um 50 Prozent reduziert, um die Umweltschutzvorgaben einzuhalten. 15 Hersteller in Shaanxi mussten sogar ihre Produktion Anfang September ganz einstellen – vorerst bis Dezember.

Seitdem exportiert China kaum noch Magnesium. Bei Branchenanalysten in Banken und den Verbänden im Westen ist deshalb ein Verdacht entstanden: Hält die chinesische Regierung etwa zugunsten der eigenen Autoindustrie die Ausfuhren des Rohstoffs zurück, was die weit verbreitete Angst bestätigen würde, China sei in der Weltwirtschaft ein unverantwortlicher Akteur?

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Sun Qian, Generalsekretär der China Magnesium Association, bestreitet den Vorwurf im Gespräch mit der F.A.Z.: Der Mangel werde nur von kurzer Dauer sein. China werde keinen Bann über den Export des Rohstoffs verhängen. „Die globale Knappheit ist das Ergebnis geringer Vorräte, nicht weil wir kein Magnesium verkaufen wollen.“ Ähnlich argumentiert Wang Zhenhu, der in Shaanxi einen Magnesiumhandel betreibt. Ende des Jahres werde die Knappheit überwunden sein, sagt er, denn dann liefen die Energiesparvorgaben der Regierung aus. „Derzeit ist nicht davon auszugehen, dass China den Magnesiumexport verbieten wird.“

Risikopartner China

Dass so wenig des noch produzierten Magnesiums auf den Weltmarkt gelangt, liegt laut dem Händler daran, dass chinesische Kunden aus der Autoindustrie die Zwischenhändler sofort bezahlten – während die Einkäufer ausländischer Konzerne meist Festpreise vereinbart hätten, die bei den derzeitigen Preissteigerungen rasch überholt seien und nachverhandelt werden müssten.

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Das aber ändert nichts daran, dass den Autobauern in Deutschland und anderen Ländern das Magnesium in wenigen Wochen ausgehen könnte. Die europäische Aluminiumindustrie, die auch Magnesium in ihren Produkten verwendet, warnt deshalb, es könne bald nicht nur in der Autoindustrie, sondern auch beim Bau zu Stillstand kommen. 2001 habe Europa seine Magnesiumproduktion wegen chinesischer Dumpingimporte schließen müssen. Nun stamme das Magnesium zu 95 Prozent aus der Volksrepublik – und zeige das „Risiko, die heimische Wirtschaft von chinesischen Importen abhängig zu machen“.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Ankenbrand, Hendrik
Hendrik Ankenbrand
Wirtschaftskorrespondent für China mit Sitz in Schanghai.
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