„Mascha und der Bär“

Eine russische Zeichentrickserie erobert die Welt

Von Katharina Wagner, Moskau
13.10.2021
, 19:26
Die Animationsserie „Mascha und der Bär“ ist einer der größten russischen Exportschlager.
Die russische Produktion „Mascha und der Bär“ ist einer der größten Exporterfolge Russlands. 2019 hat es eine Folge als meistgesehener Zeichentrickfilm auf YouTube ins Guinness-Buch der Rekorde geschafft.

Ein Großraumbüro im Norden Moskaus: Es herrscht kreatives Chaos. Bunte Sitzsäcke stehen herum, eine Gitarre und ein Balancier-Brett, an den Wänden hängen selbstgemalte Bilder und Lichterketten. Nichts deutet darauf hin, dass an diesen Schreibtischen, in einem unscheinbaren, zweistöckigen Gebäude, einer der größten Exporterfolge Russlands entsteht: Die computeranimierte Fernsehserie „Mascha und der Bär“ wird hier seit Jahren von dem privaten Studio Animaccord produziert.

Nur Regisseur Alexander Gontscharow sitzt an diesem Tag im Büro hinter zwei Bildschirmen. Vor der Pandemie sei es hier voll gewesen, sagt er bedauernd. Seit vergangenem Frühjahr arbeiten fast alle der mehr als 100 Drehbuchautoren, Animationsdesigner und Techniker, die an der Serie arbeiten, von zu Hause aus – in Russland ist die Corona-Lage nach einem Lockdown im Frühjahr vergangenen Jahres nie wieder richtig unter Kontrolle gebracht worden. Auch Gontscharow ist nur für das Interview ins Studio gekommen. Er arbeitet an neuen Folgen, bringt die Szenen, die ihm die Animationsdesigner geschickt haben, in die richtige Reihenfolge: Gerade kämpft Mascha mit einem versehentlich losgegangenen Feuerlöscher.

Vier Milliarden YouTube-Aufrufe

Der Aufbau der knapp 7 Minuten langen Episoden ist fast immer gleich: Mascha besucht ihren Freund, einen gemütlichen, ehemaligen Zirkusbären, in seinem Haus im Wald, veranstaltet ohne böse Absicht allerlei Quatsch und bringt ihn damit an den Rand eines Nervenzusammenbruchs. In der erfolgreichsten Folge, „Das Mascha-Speziale“, die es 2019 als meistgesehener Zeichentrickfilm auf YouTube ins Guinness-Buch der Rekorde schaffte und bis heute mehr als 4 Milliarden Mal angeschaut wurde, will der Bär in aller Ruhe seine Fertigkeiten im Dame-Spiel verbessern. Derweil kocht Mascha sich rosafarbenen Brei – und zwar so viel, dass sie zuerst alle auffindbaren Gefäße damit füllt, dann die Tiere des Waldes abfüttert, bis deren Bäuche sich blähen wie Luftballons, und schlussendlich der Kochtopf explodiert.

In dem „Clown-Paar“ aus Kind und Tier könnten die Beziehungen zwischen Eltern und Kindern viel besser dargestellt werden als zwischen einem Kind und einem Erwachsenen, sagt der Produzent der Serie, Dmitrij Lowejko, im Gespräch mit der F.A.Z. Die Eltern würden sich in dem Bären wiedererkennen, die Kinder in Mascha, die „hyperaktiv und egozentrisch“ sei, eben ein „normales Kind, mit guten und schlechten Eigenschaften“.

In dieser Grundkonstellation sieht Lowejko einen der Gründe für den Welterfolg der Serie, die in 43 Sprachen übersetzt wurde und in den Ratings der beliebtesten Kinderfernsehsendungen neben „Peppa Wutz“ und „Paw Patrol“ regelmäßig einen der ersten Plätze einnimmt. Aber auch die detailverliebte 3-D-Technik, die das Fell des Bären kuschelig weich aussehen und den Samowar golden glänzen lässt, und die Musikalität, die an die Tradition der sowjetischen Zeichentrickfilme angelehnt sei, spielen laut Lowejko eine Rolle.

Alle lieben Mascha: Im Studio Animaccord  entsteht einer der größten russischen Exportschlager.
Alle lieben Mascha: Im Studio Animaccord entsteht einer der größten russischen Exportschlager. Bild: EPA

Dass die Serie auch in Russland Erfolg hat, ist in gewisser Hinsicht überraschend. Denn die wilde, freche und vorlaute Mascha, die nicht auf den Bären hört, sich schmutzig macht und in Gefahr begibt, ist weit entfernt von dem Ideal des braven, angepassten Kindes, wie es in großen Teilen der russischen Gesellschaft und besonders für Mädchen nach wie vor gilt. Versuche, Ideen von Gleichberechtigung oder Feminismus in die Serie hineinzuinterpretieren, weist Lowejko aber weit von sich: Dabei gehe es um politische Rechte, und mit Politik habe man nichts zu tun. Das Studio sei unabhängig, habe niemals auch nur „einen Cent an staatlicher Unterstützung“ erhalten.

317 Millionen Dollar mit Merchandise verdient

Ähnlich reagierte Animaccord auf eine absurde Debatte im Jahr 2018, als in einem Artikel der britischen Zeitung The Times der Serie vorgeworfen wurde, Teil russischer Propaganda zu sein. Zitiert wurde ein Politologe, der Mascha als „putinesk“ bezeichnete: Wie der russische Präsident boxe sie ständig über ihrem Kampfgewicht. Der Kreml nutzte damals gern die Steilvorlage und behauptete, die britische Presse sei deshalb besorgt, weil der Bär so lieb sei und die britischen Kinder dazu bringen könnte, Russland nicht mehr zu hassen.

In der Tat ist die Serie nicht nur eines der wenigen erfolgreichen Exportprodukte jenseits von Rohstoffen und Waffen – sie vermittelt auch noch ein positives Russland-Bild. Selbstironisch spielen die Autoren mit Klischees, achten aber darauf, dass ihre Witze auch anderswo verstanden werden. Einen ihrer größten Fanclubs hat Mascha ausgerechnet im muslimischen Indonesien. Das habe wohl damit zu tun, dass sie ein traditionell-altmodisches Schürzenkleid und Kopftuch trage, sagt Lowejko, was nun mal besser zu der indonesischen Kultur passe als etwa „Barbie“.

Auch Deutschland gehört zu den wichtigsten 10 der rund 150 Länder, in denen die Serie nach Angaben von Animaccord präsent ist. Seit 2013 wird „Mascha und der Bär“ auf Kika gezeigt, in diesen Tagen läuft dort die fünfte Staffel an. Noch mehr Fans hat Mascha indes in Brasilien, Mexiko und Italien; in Bergamo ist ein riesiger Mascha-Vergnügungspark entstanden. Lange Zeit verdiente Animaccord ohnehin mehr Geld mit Mascha-Shows, Plüschbären und Mascha-Figuren in Überraschungseiern als mit der eigentlichen Serie; erst mit dem Aufkommen neuer Streamingdienste drehte sich das Verhältnis wieder um. 2020 machte der Verkauf der Serie wieder 70 Prozent der Einnahmen aus; mit dem Verkauf von Merchandise-Produkten verdiente das Studio 2020 etwa 317 Millionen Dollar. Über den Gesamtumsatz macht Animaccord keine Angaben.

Andere Studios ziehen nach

Der Erfolg von Mascha habe auch anderen russischen Produzenten im Ausland die Tür geöffnet, sagt Lowejko. Früher habe sich dort kaum jemand für Russland interessiert, jetzt würden die Einkäufer sofort hellhörig, wenn von einem neuen russischen Projekt die Rede sei. Zu den Konkurrenten von Animaccord auf dem Weltmarkt gehört etwa „Fixies“, eine computeranimierte Serie über kleine Wesen, die kaputte Haushaltsgeräte reparieren und die nach Angaben der dahinter stehenden Petersburger Animationsholding in 90 Ländern gezeigt wird. Oder „Kid-E-Cats“, eine Zeichentrickserie über drei Katzenkinder, die in jeder Folge ein Alltagsproblem lösen; die erste Staffel der Serie wurde unter anderem von dem Fernsehsender Nick Jr gekauft und in Dutzenden Ländern ausgestrahlt.

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Auch der russische Staat hat erkannt, welches Potential in dem Markt für Kinderanimation steckt, und investiert seit einigen Jahren größere Summen. Die Zahl der Studios ist seither gestiegen. Aber die Branche leidet wie viele andere in Russland an einem Mangel an Fachleuten, etwa Drehbuchautoren und Effektspezialisten. Animaccord beschäftigt daher sogar einige Mitarbeiter in Amerika, wo auch der Erfinder und Autor der Serie, der mittlerweile 60 Jahre alte Oleg Kusowkow, in Studios gearbeitet hat und bis heute wohnt, wenn er nicht in Moskau ist.

An der Aufbruchstimmung in Russland will auch das staatliche Trickfilmstudio „Sojusmultfilm“ teilhaben, das zu sowjetischen Zeiten legendäre Zeichentrickfilme und Animationsserien herausbrachte. In Russland werden diese im Westen kaum bekannten Klassiker noch immer innig geliebt, auch die heutigen Animationsfilmer sind mit ihnen aufgewachsen. Mit dem Umbruch der Neunzigerjahre versank Sojusmultfilm in Bankrott und Bedeutungslosigkeit. Nun will das Studio beliebte Serien wie die Geschichten aus „Prostokwaschino“ über einen Jungen, der mit Hund und Katze auf einer Datscha lebt, in modernisierter Form neu herausbringen.

Da die Kosten insbesondere für 3-D-Animation hoch sind – eine Episode von „Mascha und der Bär“ kostet etwa 350.000 Dollar – ist Sojusmultfilm ein Gemeinschaftsunternehmen mit der staatlichen Bank Sber eingegangen, deren Logo dafür in manchen Folgen auf einer Einkaufstüte prangt. Derlei kommt für die Macher von „Mascha und der Bär“ nicht in Frage. Sie stehen vor anderen Herausforderungen: nach 13 Jahren, in denen es die Serie schon gibt, den Fans immer noch Neues zu bieten. Animaccord experimentiert darum mit neuen Formaten, um weitere Altersgruppen zu gewinnen: Kinderliederclips sollen schon die Kleinsten an Mascha heranführen, und für Weihnachten 2022 ist die Premiere eines 22 Minuten langen „Mini-Films“ geplant, der für die ganze Familie gedacht ist.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Wagner, Katharina
Katharina Wagner
Wirtschaftskorrespondentin für Russland und die GUS mit Sitz in Moskau.
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