Monsanto-Übernahme

Sind Industriebetriebe die falsche Landwirtschaft?

Von Jan Grossarth
25.05.2016
, 11:08
Im Hier und Jetzt: Kleinbäuerliche Welt noch ohne Monsanto und Bayer in Paraguay
Der Bevölkerungsschub macht eine Industrialisierung der Landwirtschaft nötig – so heißt es. Darauf hofft auch Bayer, wenn es den Saatgutkonzern Monsanto kaufen will. Doch die Grenzen werden schon sichtbar.

Das Kalkül des Konzerns Bayer, der umgerechnet rund 55 Milliarden Euro für den Saatgut- und Chemiekonzern Monsanto ausgeben will, basiert im Wesentlichen auf einer Annahme: dass die Landwirtschaft der Welt weiter industrialisiert werden muss. Doch wie kann die wachsende Weltbevölkerung in Zukunft wirklich ernährt werden: durch großindustrielle Landwirtschaft, oder – weiterhin – überwiegend von Kleinbauern? Die tragen bis heute laut der Welthungerhilfe rund 70 Prozent zu den weltweiten Ernten bei.

Die Rechnung des deutschen Pharma- und Pflanzenschutzkonzerns basiert ausdrücklich auf der Annahme, dass eine rapide fortschreitende Industrialisierung der Landwirtschaft in den Entwicklungs- und Schwellenländern Asiens und Afrikas alternativlos ist. In Brasilien, Argentinien und Teilen etwa Ostafrikas hat sie schon stattgefunden – finanziert mit Milliarden etwa von chinesischen Staatsfonds, die bemüht sind, Nahrungsmittel für den wachsenden Appetit ihrer Bevölkerung zu sichern. An Geld mangelt es nicht, auch wenn die zyklischen Agrarpreise derzeit auf einem Tiefstand sind – einerseits.

Gentechnik macht Monsanto interessant für Bayer

Was hat Monsanto zu bieten? Der Konzern steht nicht nur für genveränderten Mais, Soja und Baumwolle, die sich mit Chemikalien wie Glyphosat kombinieren lassen. Das sind die Umsatzbringer des Unternehmens, mit dem es einen Großteil seiner Erlöse generiert – dies aber schon seit rund 20 Jahren. Die wirtschaftliche Attraktivität Monsantos begründet sich, mit Blick auf die Zukunft, vor allem durch dessen Forschungsaktivitäten in Sachen Gentechnik der neuen Generation, der sogenannten Genom-Scheren „Crispr/Cas“. Und auch in Sachen „Big Data“ in der Landwirtschaft haben die Amerikaner Milliarden investiert – also in eine Datenvernetzung, die aller Voraussicht nach den Strukturwandel von bäuerlicher zu industrieller Landwirtschaft stark beschleunigen wird.

Jedoch gibt es begründete Zweifel daran, dass dieser Weg in der Landwirtschaft der einzig richtige ist. Die biotechnologischen Sprünge, die nur durch Milliardeninvestitionen in Forschung und Zulassungsverfahren möglich wurden, verteuern das Saatgut für die Bauern. In den vergangenen 20 Jahren vervierfachten sich etwa die Preise, die amerikanische Farmer für Saatgut von Mais oder Baumwolle zahlten, laut dem amerikanischen Agrarministerium. Dafür ernteten sie auch mehr und mussten weniger Diesel einsetzen.

Soll künftig aber die ganze Welt so ernährt werden, würde das Hunderttausende Kleinbauern in Entwicklungs- und Schwellenländern zum Aufgeben zwingen – und zur Flucht in die Großstädte. Daran haben aber weder die Regierungen der Staaten ein Interesse, noch letztlich die Industriestaaten, die schon jetzt mit ungekannten Einwanderungswellen konfrontiert sind. Längst ist der reine Blick auf die Produktivität für diese Länder auch politisch nicht mehr gewollt: immer mehr Staaten geben Milliarden dafür aus, die Kleinbauern auf dem Land zu halten. So etwa Marokko – durchaus auch aus sicherheitspolitischen Gründen. Ein Kleinbauer wird unwahrscheinlicher zum islamistischen Terroristen.

Biotechnologische Quantensprünge werden notwendig

Die Vereinten Nationen in Gestalt der Welternährungsbehörde FAO sehen ein Sowohl-als-auch als Weg der Zukunft: eine rein biologische Weltlandwirtschaft propagieren sie zwar nicht. Doch dem Erhalt und der Förderung kleinbäuerlicher Strukturen, regionaler Ernährungskreisläufe und traditioneller Pflanzenvielfalt schreiben sie eine Schlüsselrolle für die künftige Welternährung zu. Nachdem die „grüne Revolution“ der 1960er Jahre (hoher Technik- und Chemieeinsatz) einen Wachstumsschub gebracht habe, gehe die Entwicklung auf der Welt künftig wieder in die Richtung der Regionalität und Ökologie, sagte etwa der FAO-Direktor José Graziano da Silva.

Mit einer prinzipiellen Ablehnung der Gentechnik ist das nicht verbunden. „Crispr/Cas“ könnte künftig sogar die Ernten von Biolandwirten steigern. Das sagte kürzlich der weltweit renommierte Ökolandwirtschaftsforscher Urs Niggli – was allerdings zu einer Ausgrenzung seitens deutscher Öko-Funktionäre führte, die von ihm Linientreue einforderten.

Auf der einen Seite zeugen die nackten Zahlen von einer gewissen Alternativlosigkeit technisch begründeter Produktivitätssteigerungen: Von gut 7 auf fast 10 Milliarden Menschen soll die Weltbevölkerung anwachsen bis zum Jahr 2050, sagen die Vereinten Nationen voraus. Und schon heute isst ein Großteil der Menschen sozusagen Erdöl. Laut der Weltagrarbehörde FAO müssen bis dahin 46 Prozent mehr Getreide geerntet werden – auf einer Ackerfläche, die nur um 4 Prozent zu erhöhen sein wird. Man kann sich vorstellen, dass eine gewisse Intensivierung nötig ist und wahrscheinlich auch biotechnologische Quantensprünge.

Welthunger ist Verteilungsfrage

Die Frage nach der künftigen Welternährung ist in vielerlei anderer Hinsicht ambivalent. Die agrarchemische Landwirtschaft scheint zumindest in den Industrieländern schon heute an ihre Grenzen zu stoßen. Sie trug seit den sechziger Jahren dazu bei, dass je Hektar deutlich mehr Weizen geerntet wird – doch seit einigen Jahren steigt die Menge kaum mehr. Die Böden verlieren an Humus. Auch die Gentechnik verzeichnete weltweit erstmals Einbußen: Im vergangenen Jahr ging die weltweite Anbaufläche erstmals seit vielen Jahren leicht zurück. Und auch im technikfreundlichen Amerika mehren sich kritische Stimmen, eine Reihe von Bundesstaaten plant Kennzeichnungspflichten, andere haben sie schon.

Das Kalkül von Bayer beruht auch auf der – fraglichen – Annahme, dass viele der neuen 3 Milliarden Erdenbürger sich Weizen, Milch und Fleisch vom Weltmarkt leisten können. Doch sie werden großteils in armen Verhältnissen in Asien und Afrika leben. Schon heute gilt der Welthunger nicht als Problem zu geringer Nahrungsmittelproduktion, sondern als Verteilungsfrage. Das ist unter Experten Konsens. Die meisten der und 795 Millionen hungernden Menschen auf der Welt leben von den dürren Ernten der Subsistenzwirtschaft. Und letztlich basiert das Kalkül von Bayer auch auf der Annahme, dass das Erdöl erschwinglich bleibt. Daran hängt das mechanisierte, automatisierte und industrialisierte Agrarsystem: in Form von Diesel, künstlich erzeugtem Stickstoffdünger und chemischen Pestiziden.

Quelle: F.A.Z.
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