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Nazi-Vergangenheit

Günther Quandt war ein skrupelloser Unternehmer

Von Carsten Knop
Aktualisiert am 23.09.2011
 - 10:43
Behauptete, von der nationalsozialistischen Regierung jahrelang „auf das schwerste” verfolgt worden zu sein: Günther Quandt
Drei Jahre lang hat ein Historiker in den Archiven der Unternehmerfamilie über deren Nazivergangenheit geforscht. Jetzt liegt sein Buch vor. Das Ergebnis: „Der Großvater war Teil des NS-Regimes“.

„Es waren alles Männer, die, ebenso wie mein Vater, während des Krieges nur von einem Ziel beseelt waren. Es war halt Krieg. Jeder musste seine Pflicht tun, sein Bestes geben. Politische Überlegungen gab es nicht mehr.“ Das hat Herbert Quandt 1978 geschrieben. Dann der Kontrast, vom Autor des Buches über die Quandts bewusst gesetzt: „Vieles Wissen und Gelernthaben ist . . . weder ein notwendiges Mittel der Kultur noch ein Zeichen derselben und verträgt sich nötigenfalls auf das beste mit dem Gegensatz der Kultur, der Barbarei.“ Dieses Zitat stammt von Friedrich Nietzsche. Er hat es gut hundert Jahre vor Herbert Quandt in seinen „Unzeitgemäßen Betrachtungen“ geschrieben.

Dazwischen liegt die Wahrheit über Günther Quandt, den Vater von Herbert und Harald Quandt. Drei Jahre lang hat Joachim Scholtyseck, Professor für Neuere Geschichte an der Universität Bonn, geforscht, hatte uneingeschränkten Zugang zum Familienarchiv der Quandts in Bad Homburg, um dieser Wahrheit möglichst nahe zu kommen. Jetzt liegt sein Buch „Der Aufstieg der Quandts“ vor. Und Scholtysecks entscheidender Satz im Fazit des Buchs fällt für die Familie ernüchternd aus: „Der Familienpatriarch war Teil des NS-Regimes.“ Nur etwas später zitiert Scholtyseck Nietzsche.

Quandt sah sich stets als Opfer

Günther Quandt habe sich auf die von staatlicher Seite gestellten Bedingungen des Rüstungsgeschäfts eingelassen, habe die sich daraus ergebenden Chancen schon vor dem Krieg genutzt und sich dadurch notwendigerweise an den Nationalsozialismus gebunden, schreibt der Historiker. Wem das zu abstrakt ist, der findet für dieses grausame Geschäftsmodell im Buch Beleg um Beleg. Nach überschlägigen Schätzungen waren während des Krieges mehr als 50.000 Zwangsarbeiter in den verschiedenen Unternehmen der Gruppe beschäftigt. Und sowohl Günther als auch Herbert Quandt waren von Beginn an über die Arbeits- und Lebensbedingungen der Zwangsarbeiter informiert. Günther Quandt habe sich sogar gelegentlich persönlich mit Detailfragen des Arbeitseinsatzes beschäftigt. In Posen gab es ein ganzes Werk, das auf dem Rücken von mehr als 20.000 Zwangsarbeitern aufgebaut worden war. Auch bei den sogenannten „Arisierungen“, also den Konfiszierungen jüdischer Unternehmen, haben für Günther Quandt nach Scholtysecks Überzeugungen menschlicher Anstand und kaufmännische Seriosität keine Rolle gespielt. Vielmehr habe Quandt skrupellos zugegriffen. Und während es damals kaum möglich gewesen wäre, Zwangsarbeiter grundsätzlich abzulehnen, hätte es Quandt freigestanden, sich überhaupt nicht an „Arisierungen“ zu beteiligen oder zumindest einen dem Unternehmenswert entsprechenden Kaufpreis zu zahlen. So das harte Urteil des Historikers.

Günther Quandt aber sah sich stets als Opfer. Er selbst behauptete gar, von der nationalsozialistischen Regierung jahrelang „auf das schwerste“ verfolgt worden zu sein. Wahr ist daran nur, dass Quandt tatsächlich 1933 wegen des Vorwurfs von Wirtschaftsdelikten verhaftet und für ein paar Monate inhaftiert worden war. Über Jahre stritt sich Quandt auch mit dem nationalsozialistischen Propagandaminister Joseph Goebbels, dem zweiten Mann seiner geschiedenen Frau Magda, um das Sorgerecht für seinen Sohn Harald Quandt. Das war aber auch schon alles. Ökonomisch verstand sich Quandt mit dem Regime stets glänzend. 1946 wurde er festgenommen, erst 1948 wieder freigelassen, zu einer Anklage in Nürnberg kam es nicht. Sein Fall landete vor einer deutschen Spruchkammer, einem überforderten Laiengericht. Am Ende wurde Quandt lediglich als „Mitläufer“ eingestuft.

Verhaltene Kritik

Quandts Sohn Herbert, der in fast alle wichtigen Entscheidungen eingebunden gewesen war, wurde sogar völlig entlastet. Zugleich waren die Vermögensverluste gering. Die Währungsreform nahm die Schulden; die Aktienpakete an Busch-Jaeger, Daimler-Benz, IG Farben, Mannesmannröhren-Werke, Rheinmetall-Borsig und die Anteile an den beiden Hauptunternehmen Accumulatoren-Fabrik (später Varta) und Deutsche Waffen- und Munitionsfabrik (DWM, später Industriewerke Karlsruhe) blieben erhalten. Varta blieb Branchenführer; der Wintershall-Konzern, an dem die Familie ein Drittel der Anteile hielt und der sich ebenfalls erheblich an der Enteignung jüdischer Unternehmen beteiligt hatte, kehrte ebenfalls schnell auf den Erfolgsweg zurück.

Eine Reflexion darüber fand nicht statt, nicht durch Günther Quandt, nicht durch seine Söhne, und bis vor wenigen Jahren auch nicht in der Generation seiner Enkel. In der Öffentlichkeit, auch in einer in dieser Zeitung im Sommer 1981 erschienenen Würdigung zum 100. Geburtstag von Günther Quandt, wurde das zwar kritisiert, aber die Kritik blieb zu verhalten. Denn zu lesen war dort damals auch: „Quandt wurde im übrigen im Jahre 1933 verhaftet . . . Auch deswegen ist ihm die Internierung nach der Katastrophe (des Krieges) unverständlich erschienen. Hatte er sich nicht genauso verhalten wie Millionen Deutsche auch? Doch die Sieger von damals waren allen Unternehmern gegenüber misstrauisch.“ Es bedurfte eines Fernsehfilms, einer im Herbst 2007 im NDR ausgestrahlten Dokumentation mit dem Titel „Das Schweigen der Quandts“, um zu zeigen, dass dieses Misstrauen auch im Fall der Quandts wohlbegründet gewesen ist. Der Film ist inhaltlich nicht immer völlig korrekt, aber er zerrte eine Unternehmerfamilie ins Rampenlicht, deren öffentliche Zurückhaltung bis heute ihr Markenzeichen ist. Das Licht war grell und ließ die Familie, die mit Industrieikonen bis hin zu BMW verbunden ist, in einem unerfreulichen Licht erscheinen. Schweigen war keine Alternative mehr.

Familie will Transparenz schaffen

Die Familie entschied sich, ihre Geschichte durch Scholtyseck erforschen zu lassen. „Aus den Akten ergibt sich, dass Günther Quandt ein eindimensionaler Mensch war, für den allein der wirtschaftliche Erfolg zählte“, sagt sein Enkel Stefan Quandt nun im Gespräch mit der „Zeit“. Für seinen Vater fällt die Bilanz Stefan Quandts differenzierter aus: „Bei meinem Vater Herbert Quandt scheint mir aber der Zeitabschnitt zu kurz, um die gesamte Persönlichkeit aus den Handlungen zu verstehen. Er stand im Schatten seines Vaters.“ Dass die Familie so lange gebraucht hat, um sich mit ihrer Nazivergangenheit auseinanderzusetzen, begründet im selben Gespräch Gabriele Quandt, eine Tochter von Harald Quandt: „Für unsere Familienhälfte spielt eine Rolle, dass wir den Schmerz unseres Vaters über seine Mutter miterlebt haben. Magda hat im Führerbunker ihre sechs Kinder getötet. Unser Vater hat diese Halbgeschwister sehr geliebt. Und wenn man wie ich so etwas in seiner Familiengeschichte hat, dann denkt man: Schlimmer kann es nicht sein. Das ist die erste Wand, gegen die man rennt, wenn man darüber nachdenkt, aus welcher Familie man kommt.“

Jetzt hat die Familie länger nachgedacht, ist zu Schlüssen gekommen, will für Transparenz sorgen. Das Archiv, das Scholtyseck genutzt hat, wurde ins Hessische Wirtschaftsarchiv verlagert. Trost findet sie darin, dass Günther Quandt kein Antisemit war, kein überzeugter Nationalsozialist und auch kein Kriegstreiber. Offensichtlich ist aber, dass Quandts „unternehmerischer Gestaltungswille“, so formuliert es sein Enkel Stefan, an moralischen Grenzen nicht haltgemacht hat: „Dazu kann man lernen, dass unternehmerisches Handeln nicht ohne ein stabiles Wertegerüst bleiben darf.“

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Knop, Carsten
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