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Reichster Mann der Ukraine

Oligarch Achmetow kauft das einst „teuerste Haus der Welt“

Von Gerhard Gnauck
 - 11:19
Rinat Achmetow

Rinat Achmetow scheute – anders als andere Unternehmer in der Ukraine – lange die Öffentlichkeit. Aber diese Nachricht rückte ihn dann doch ins grelle Rampenlicht: Er ist der Käufer der historischen Villa Les Cèdres bei Nizza an der französischen Riviera. Die alte Villa mit 14 Schlafgemächern in einem etwa 140.000 Quadratmeter großen Garten gehörte einst König Leopold II. von Belgien. Zuletzt war die Davide Campari-Milano SpA der Eigentümer. Sie bot die einst als „teuerstes Haus der Welt“ bezeichnete Immobilie jedoch vor drei Jahren zum Kauf an. Mite 2019 schlug dann ein „mysteriöser Käufer“, wie es damals hieß, zum günstigen Preis von 200 Millionen Euro zu. Vor wenigen Tagen wurde seine Identität gelüftet. Es ist Rinat Achmetow, der reichste Mann der Ukraine.

Ausländische Immobilien sind gewiss nicht das Kerngeschäft des „Oligarchen“Achmetow, auch wenn er ein sündhaft teures Apartment im Londoner Stadtteil Knightsbridge längst sein eigen nennt. Umso mehr bemühte sich seine Holding, die System Capital Management (SCM), den Kauf der Villa als langfristige Kapitalanlage darzustellen. Immobilien seien einer der Schlüsselbereiche für Investitionen, teilte SCM mit. Das Kerngeschäft bleibe im eigenen Land, man habe 2016 bis 2018 – also trotz des Donbass-Krieges – insgesamt „drei Milliarden Dollar in die Entwicklung der ukrainischen Aktiva“ gesteckt, hieß es weiter.

Hauptsächlich ist Achmetow für Schwerindustrie und Bergbau bekannt: Zur Holding gehören das Energieunternehmen DTEK und mehrheitlich auch Metinvest, der größte Stahlkocher des Landes. Beide Unternehmen machen etwa vier Fünftel des Geschäfts aus, Metinvest setzte nach eigenen Angaben 2018 rund 3,3 Milliarden Euro um. Darüber hinaus gehören der Tankstellenbetreiber Ukrtelecom sowie diverse Unternehmen aus Landwirtschaft, Einzelhandel, Transport und Medien zum Imperium. Nicht zu vergessen die wohltätige Rinat Achmetow-Stiftung sowie der Fußballclub Schachtar (Bergmann) Donezk, der ukrainische Meister der vergangenen Jahre und 2008/09 Gewinner des UEFA-Pokals. Die Verflechtung von Fußball, Bergbau und Politik in der Donbass-Region im Osten der Ukraine hat der preisgekrönte Film „The Other Chelsea“ des Deutschen Jakob Preuss eindrucksvoll geschildert.

Achmetow ist, wie viele in der Region, auf den Trümmern der Sowjetunion zum Unternehmer geworden. 1966 wurde er in der Millionenstadt Donezk geboren, im Herzen des „Ruhrgebiets“ der Ukraine. Sein Vater war Bergmann und gehörte der Minderheit der Tataren an. Der junge Achmetow – ein zierlicher Mann mit feinen Gesichtszügen, der damals praktizierender Boxer war – studierte in Donezk Wirtschaft. Dann brachen Diktatur und Planwirtschaft zusammen, und es begannen die turbulenten 90er Jahre: Für viele Menschen brachten sie schlimmste Armut, für wenige sagenhaften Reichtum, für alle Kriminalität, Schattenwirtschaft und Instabilität.

Gute Zeiten unter Janukowitsch

Über Achmetows unternehmerische Anfänge ist wenig mit Sicherheit bekannt. Manchen Berichten zufolge soll er von einem im Fußballgeschäft aktiven Kollegen etwas geerbt haben, worauf er zu investieren begann. In einem Interview vor zehn Jahren danach explizit gefragt, dementierte er prompt: „Ich habe meine erste Million im Handel mit Kohle und Koks verdient“. Er habe dann günstig Aktiva erworben, die niemand haben wollte. „Ein großes Risiko, aber, wie sich zeigen sollte, hat es sich gelohnt“. Zu seiner oft vermuteten Nähe zu kriminellen Kreisen in jener Zeit sagt Jock Mendoza-Wilson, Sprecher der SCM, das seien „unseriöse Legenden“. Doch schnell ging es aufwärts mit dem umtriebigen Unternehmer.

Schon 1996 wurde er „Schachtar“-Präsident, vier Jahre später gründete er die SCM-Holding. Spätestens damit kam die große Politik ins Spiel: Damals war ein anderer Sohn der Region, Viktor Janukowitsch, Gouverneur des Gebiets Donezk. 2002 wurde er in Kiew sogar Regierungschef. Er stand für eine engere Anlehnung an Russland. Gute Zeiten für seinen Verbündeten Achmetow, der damals drauf und dran war, zu einem Spottpreis Mitbesitzer des in der Privatisierung befindlichen Stahlwerks Kriworischstal zu werden. Dann jedoch kam die erste proeuropäische Protestbewegung, die „Orange Revolution“, und vereitelte Janukowitschs Plan, durch eine manipulierte Wahl Präsident zu werden. Das Stahlwerk wurde neu versteigert und ging zu einem Sechsfachen des Preises, für rund 5 Milliarden Dollar, an den Konzern des Inders Lakshmi Mittal.

Ärger mit den Separatisten

Vor zehn Jahren schaffte es Janukowitsch, auf demokratischem Wege doch noch Staatspräsident zu werden. Zu dieser Zeit war Achmetow längst zum reichsten Mann des Landes avanciert. Zeitweise beschäftigte er etwa 300.000 Menschen (heute sind es 200.000). Sein Vermögen lag nach Schätzungen von Bloomberg bereits Anfang 2013 bei etwa 22 Milliarden Dollar. Danach schrumpfte es, im Nachgang der russischen Aggression gegen die Ukraine, bis 2017 auf 3,5 Milliarden, um sich bis heute auf etwa sechs Milliarden zu erholen. Ähnlich verliefen die Vermögenskurven vieler großer Oligarchen im Land. Dabei blieb jedoch Achmetow stets mit großem Abstand die Nummer eins auf der Liste.

Die maßgeblich von Russland gesteuerte, faktische Loslösung eines Teils der Donbass-Region von der Ukraine und die Schaffung separatistischer, sehr intransparenter „Volksrepubliken“ hat Achmetow schwer getroffen. Seitdem lebt er, verheirateter Vater zweier Söhne, in Kiew. Der Fußballklub musste umziehen, kann nicht mehr in seinem Heimatstadion „Donbass Arena“ trainieren. Am Ende musste Achmetow nach langem Lavieren auch politisch Farbe bekennen: Als im Mai 2014 die russischen und prorussischen Kräfte in der Hafenstadt Mariupol, wo Achmetow zwei Stahlwerke hat, immer gewaltsamer vorgingen, stellte er sich in einer Videobotschaft gegen sie. Sie seien „Feinde“, die das „Glück der Region“ gefährdeten, ja sogar einen „Völkermord am Donbass“ verüben wollten.

So scheiterten die Separatisten in der Hafenstadt, ihre Herrschaft blieb auf einen Teil der Region beschränkt. 2017 verkündeten sie, die Kontrolle über die Großbetriebe in den „Volksrepubliken“ zu übernehmen. DTEK teilt auf Anfrage der F.A.Z. mit, man habe dort Vermögenswerte in Höhe von rund 390 Millionen Euro verloren, darunter mehrere Bergwerke sowie 36.000 Beschäftigte.

Besonders ärgerlich ist für DTEK, dass hochwertige Anthrazitkohle aus den „Volksrepubliken“, nach ihren Angaben mindestens 400.000 Tonnen pro Monat, als russische Kohle umetikettiert und über den russischen Hafen Rostow oder per Bahn über Weißrussland ins Ausland verkauft wird. So seien von 2017 bis 2019 fast 3,2 Millionen Tonnen Kohle von dort in die EU gelangt, vor allem nach Rumänien, Belgien und Polen, in geringem Umfang auch nach Deutschland, sowie 5,7 Millionen Tonnen in die Türkei und weitere Länder.

Pionier mit „ grünen Eurobonds“

Recherchen der Warschauer Zeitung „Dziennik“ kamen zu ähnlichen Erkenntnissen. DTEK hat bereits die Botschaften der betreffenden Staaten um Hilfe gebeten. Allerdings ist jegliches Vorgehen bezüglich der nicht anerkannten „Volksrepubliken“ rechtlich schwierig. Bessere Chancen rechnet man sich bei einem gerichtlichen Vorgehen in Bezug auf die offiziell annektierte Krim aus, erste Schritte sind offenbar eingeleitet.

Zugleich blicken Achmetows Konzenstrategen in die Zukunft: „Wir gehen von der Kohle in Richtung Diversifizierung, erneuerbare Energie und Erdgas“, sagt Mendoza-Wilson. 2019 habe man in der Ukraine die Rekordmenge von knapp 1,7 Milliarden Kubikmeter Gas gefördert. Das wären gut fünf Prozent des Gesamtverbrauchs des Landes. Bis Ende 2019 wurde auch das Ziel erreicht, für in Sonnen- und Windenergie investierte 1,2 Milliarden Euro eine Kapazität von einem Gigawatt zu erreichen. Die kürzlich in Betrieb genommenen Solarparks Nikopolska und Pokrovska seien die „größten Solarenergieanlagen in Europa“.

Als erstes Unternehmen im Land hat DTEK auch „grüne Eurobonds“ aufgelegt Achmetow ist überzeugt: So könne die Ukraine „eine führende Kraft bei der CO2-Reduzierung Europas werden“.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Gnauck, Gerhard
Gerhard Gnauck
Politischer Korrespondent für Polen, die Ukraine, Estland, Lettland und Litauen mit Sitz in Warschau.
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