Pflanzenschutz

Wertvolle Insektenvernichter

Von Bernd Freytag, Ludwigshafen
22.09.2009
, 10:26
Wirksam, aber umstritten: Ein Landwirt versprüht Pflanzenschutzmittel
Die ökologische Landwirtschaft ist auf dem Vormarsch. Doch ohne Pflanzenschutzmittel werde der Hunger von Milliarden Menschen auf Dauer nicht zu stillen sein, sagt die BASF. Und auch der wachsende Widerstand gegen Gentechnik sei realitätsfremd.

„Guten Morgen, meine Damen und Herren, heute sind wir wieder 200.000 mehr“, sagt Stefan Marcinowski. „Wir“ sind 6,8 Milliarden Menschen auf dieser Welt. Und 200.000, das sind die hungrigen Mäuler, die Tag für Tag dazukommen. „Aber das Ackerland“, sagt Marcinowski, „ist begrenzt.“ Damit ist das Thema an diesem Morgen in der Ludwigshafener Konzernzentrale der BASF gesetzt. Medienvertreter und Landwirtschaftsexperten sind in die Pfalz gekommen.

Sie werden über die Versuchsäcker im nahe gelegenen Agrarzentrum Limburgerhof stapfen, mit BASF-Führungskräften über politische Einflussfaktoren auf die Landwirtschaft sprechen, wissenschaftliche Ansätze und wirtschaftliche Entwicklungen diskutieren. Und vielleicht werden einige von ihnen danach manches anders bewerten. Marcinowski, im BASF-Vorstand für das Pflanzenschutzgeschäft verantwortlich, war schließlich früher selbst einmal oberster Öffentlichkeitsarbeiter des Konzerns. Er weiß, was zu tun ist, wenn der politische Gegenwind wächst. Und der wächst schneller, als es ihm lieb sein kann.

Mehr ökologischer Landbau, weniger Gentechnik

In Europa ist die ökologische Landwirtschaft auf dem Vormarsch. Einige Staaten bieten ihren Landwirten bereits finanzielle Hilfe an, wenn sie die Produktion auf Ökolandbau umstellen. Die französische Regierung plant, die ökologisch bewirtschaftete Fläche des Landes bis 2012 zu verdreifachen. In Deutschland haben die Grünen 50 Prozent der Agrarfläche für den ökologischen Landbau als Wunschziel genannt, die SPD spricht von immerhin 20 Prozent bis ins Jahr 2020 als Untergrenze - zurzeit sind es etwa 5 Prozent.

Zur gleichen Zeit wächst der Widerstand gegen die Gentechnik. Bundeslandwirtschaftsministerin Ilse Aigner (CSU) hat im Frühjahr, wie fünf ihrer europäischen Amtskollegen zuvor, den Genmais MON 810 von Monsanto verboten. Kritik entzündet sich nicht nur an gesundheitlichen Bedenken. So wird dem von Umweltschützern stark angefeindeten amerikanischen Saatgutkonzern vorgeworfen, sein Geschäftsmodell führe zu Monopolen: Um den Patenschutz sicherzustellen, ist es Landwirten nämlich verboten, Teile der alten Ernte im neuen Jahr als Saatgut zu verwenden, sie würden damit de facto zum Wiederkauf gezwungen.

Der Mythos vom guten lokalen Apfel

Bei der BASF steckt das Geschäft trotz erheblicher Investitionen zwar noch in den Kinderschuhen, aber die Kritik an Monsanto, zumal BASF-Kooperationspartner, wirkt bis in die Pfalz. Seit 1996 ringt die BASF bereits um die Zulassung der genveränderten Kartoffel „Amflora“ und hat deswegen sogar die EU-Kommission wegen Untätigkeit verklagt, bis dato ohne Erfolg. Vorstandschef Jürgen Hambrecht droht bereits entnervt mit einer Verlagerung der Pflanzenbiotechnologie aus Deutschland und Europa. Immerhin 150 Millionen hat das Unternehmen im Vorjahr in die Entwicklung von genverändertem Saatgut gesteckt.

In dieser Zeit trifft die Kritik am Pflanzenschutz doppelt. Denn anders als bei der Gentechnik handelt es sich beim klassischen Pflanzenschutz um ein bewährtes, gesellschaftlich akzeptiertes und nicht zuletzt gewinnträchtiges Geschäft. Entsprechend sensibel reagiert der Konzern jetzt auf gesellschaftspolitische Veränderungen. Die Diskussion zu versachlichen und genau hinzuschauen, welcher Anbau denn tatsächlich umweltverträglicher sei, das sei das Ziel. Aufräumen mit ökologischen Mythen also. Mythen wie dem vom guten lokalen Apfel beispielsweise. Denn einen Apfel aus heimischer Produktion zu kaufen, das ist nach Einschätzung der BASF nur bis April ökologisch sinnvoll. Danach sei die Umweltbelastung durch die Kühlung der Äpfel größer als die Umweltbelastung, die beim Transport aus Übersee anfalle. Mehr noch: Durch die beständige Weiterentwicklung der Pflanzenschutzmittel sei die Schadstoffbelastung in den vergangenen Jahren drastisch gesunken, und das bei gleichzeitig gestiegenen Erträgen.

Der Pflanzenschutz ist konjunkturstabil

Die BASF will ihr Segment „Agricultural Solutions“ jedenfalls weiter ausbauen. Das ist wesentlicher Teil der Strategie und für den Konzern gerade in der Krise ein essentieller Bestandteil seiner „Börsenstory“. Denn das Geschäft mit Fungiziden, Herbiziden und Insektenvernichtungsmitteln hat zwar im Vorjahr „nur“ 3,4 Milliarden Euro und damit etwa 5 Prozent zum Konzernumsatz beigetragen. Aber es ist vergleichsweise konjunkturstabil, in der ersten Hälfte des Krisenjahres 2009 sogar noch um 10 Prozent gewachsen und bildet somit ein dringend benötigtes Gegengewicht zu anderen Segmenten, die zum Teil drastisch unter der Rezession gelitten haben.

Hinzu kommt: Das Pflanzenschutzgeschäft ist sehr profitabel und steht für immerhin 11 Prozent des Betriebsergebnisses. 325 Millionen Euro, fast ein Viertel ihres gesamten Forschungsetats, hat die BASF im Vorjahr in den Pflanzenschutz gesteckt, offensichtlich mit Erfolg: Erst im März hat der Konzern seine Prognose für das Spitzenumsatzpotenzial der neuen Pflanzenschutzprodukte auf 2,1 Milliarden Euro gehoben. Die eigene Forschungspipeline ist essentiell, denn Großakquisitionen sind kaum noch möglich. „Der Agromarkt ist sehr konsolidiert“, sagt Marcinowski. Die BASF ist nach Monsanto, Syngenta, DuPont und dem heimischen Konkurrenten Bayer die Nummer fünf in der Welt.

Die Zukunft liegt in den Genen

Nicht nur die politische Großwetterlage in Europa, auch das Tagesgeschäft verändert sich. Der Boom der Agrarpreise, der den globalen Pflanzenschutzmarkt im vergangenen Jahr um fast ein Viertel auf mehr als 40 Milliarden Dollar wachsen ließ, ist vorbei. Entsprechend vorsichtiger planen die Bauern. Preiserhöhungen von 7 Prozent, wie sie die BASF noch im ersten Halbjahr durchsetzen konnte, sind passé. In Brasilien akzeptiert der Konzern zur Auftragsfinanzierung schon Ware der Bauern als Sicherheit. Mit Hilfe solcher „Bartergeschäfte“ will Marcinowski auch den Absatz und die Währungsrisiken in Osteuropa absichern. Und den Agro-Platzhirschen droht in dieser Zeit weitere Konkurrenz durch asiatische Anbieter, die mit billigeren Mitteln aus patentfreien Inhaltsstoffen auf den Markt kommen.

Die BASF verweist deshalb auf die langfristigen Perspektiven. Die Nachfrage nach landwirtschaftlichen Produkten werde sich in den kommenden 20 Jahren verdoppeln, sagte Marcinowski. Um den Nahrungsbedürfnissen gerecht zu werden, müsse der Ertrag je Hektar gesteigert werden, das geringe Wachstum der landwirtschaftlichen Flächen reiche dafür nicht aus. Schon gar nicht reiche es aus, wenn man den zu erwartenden Flächenverbrauch für die Herstellung von Biokraftstoffen berücksichtige. Die Zukunft der Landwirtschaft liegt nach Einschätzung der BASF deshalb ungeachtet aller Widerstände „in den Genen“. Trotz beständiger Kritik aus Europa wächst der Markt rasant. 2008 wurden in 25 Ländern auf 125 Millionen Hektar gentechnisch veränderte Pflanzen gezählt. Das schafft Fakten: Bereits zwei Drittel der Sojabohnen und knapp ein Viertel der globalen Maisproduktion stammen aus gentechnisch veränderten Sorten.

Quelle: F.A.Z.
Bernd Freytag  - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Bernd Freytag
Wirtschaftskorrespondent Rhein-Neckar-Saar mit Sitz in Mainz.
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