Frans van Houten

Philips-Chef tritt vorzeitig ab

Von Klaus Max Smolka
16.08.2022
, 14:39
Frans van Houten verlässt seinen Chefposten beim holländischen Technologiekonzern Philips
Seine dritte Amtszeit wäre ohnehin bald abgelaufen: Nun aber tritt Frans van Houten vorzeitig als Vorstandsvorsitzender des Medizintechnikkonzerns Philips ab, inmitten eines groß angelegten Rückrufs von Atemgeräten.
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Seine dritte Amtszeit wäre ohnehin bald abgelaufen: Nun aber tritt Frans van Houten vorzeitig als Vorstandsvorsitzender des Medizintechnikkonzerns Philips ab, inmitten eines groß angelegten Rückrufs von Beatmungsgeräten. Der Nachfolger ist Roy Jakobs und übernimmt rund ein halbes Jahr vor dem regulären Zeitpunkt am 15. Oktober die Führung, wie der Konkurrent von Siemens Healthineers am Dienstag in Amsterdam mitteilte. Jakobs ist 48 Jahre alt, arbeitet seit 2010 bei Philips, ist Niederländer und hat zusätzlich die deutsche Nationalität.

Mit dem Namen van Houten ist zum einen die entscheidende Phase in der Zerschlagung des einstigen Technikkonzerns Philips verbunden, denn das Unternehmen konzentriert sich nun weitgehend auf Medizintechnik. Zum anderen bleiben an dem 62 Jahre alten Manager die Schwierigkeiten mit Beatmungsgeräten hängen, mit denen Philips schon jetzt auf eine Milliardenbelastung zusteuert. Dabei geht es um Apparate, die bei Schlafapnoe zum Einsatz kommen: bei Patienten, denen während des Schlafs immer wieder einmal der Atem aussetzt. Ein in den Geräten verwendeter Schaumstoff kann sich offenbar lösen und beim Einatmen gesundheitsschädigend sein.

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Philips ersetzt 5,5 Millionen Geräte oder repariert sie. Das bindet Personal und hat bisher zu knapp 900 Millionen Euro an Rückstellungen für die Kosten geführt – die Unsicherheit wegen Klagen in den USA und anderswo ist dabei noch nicht eingerechnet. Im vergangenen Jahr waren die Probleme bekannt geworden, der Aktienkurs halbierte sich danach schnell.

Van Houtens reguläre Amtszeit würde nach zwölf Jahren im kommenden Frühjahr enden. Philips stellt den Wechsel als normalen planmäßigen Vorgang dar: Van Houten und der Aufsichtsrat hätten sich darauf geeinigt, „dass mit dem Ende der dritten Amtszeit in Sicht die richtige Zeit ist für einen Führungswechsel“. Der Aufsichtsrat habe externe und interne Kandidaten in Betracht gezogen und Jakobs einmütig ausgewählt. „Ich glaube nicht an lange Übergangsperioden“, sagte van Houten am Dienstag. Seinen eigenen Amtsantritt hatte Philips vor mehr als einem Jahrzehnt jedoch mit genau so einer Übergangszeit gestaltet: Van Houten wurde im Sommer 2010 zum Nachfolger Gerard Kleisterlees benannt, arbeitete sich dann als einfacher Vorstand ein und übernahm im April 2011 plangemäß die Konzernführung. Zwar war van Houten von außen gekommen, aber als Rückkehrer nach kurzer Abwesenheit, der das Unternehmen gut kannte. Van Houten selbst sagte, die Vorgänge um die Apnoe-Apparate hätten „keine Rolle“ bei seinem vorzeitigen Abgang gespielt. Eine außerordentliche Hauptversammlung soll dem Wechsel Ende September zustimmen.

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Geld fließt weiter

Sein Gehalt bekommt van Houten trotz allem ausgezahlt, wie das Unternehmen bestätigte. Bis Ende April soll er als „Berater“ agieren. Das könnte wieder zu Unmut in der Öffentlichkeit führen – wie kürzlich die Tatsache, dass van Houten trotz der Vorgänge um die Beatmungsgeräte seine 1,8 Millionen Euro Bonus für das Vorjahr bekam. Der Unmut beschränkte sich nicht auf Kreise, die traditionell auf Manager oder den Kapitalismus schimpfen: Auf der Hauptversammlung im Mai stimmten vier Fünftel des anwesenden Kapitals gegen die Belohnung. Weil das Votum nur eine Empfehlung ist und nicht bindend, kehrte Philips den Betrag dennoch an seinen Vormann aus.

Philips war einst eines der drei großen westlichen Technik-Konglomerate neben Siemens und General Electric (GE). Das Unternehmen führte eine breite Produktpalette von Glühlampen über Halbleiter bis zu Fernsehern und Audiogeräten. Wo heute Philips draufsteht, ist aber meistens nicht mehr Philips enthalten, der Name dann die Folge von Lizenzvereinbarungen. Denn der Konzern hat über die Jahre eine Sparte nach der anderen abgegeben: ein Prozess, der schon vor van Houten einsetzte. Viele sehen die Trennung vom Halbleitergeschäft im Jahre 2006 als entscheidenden Vorboten an, welche übrigens von Houten geleitet wurde. Der Manager verließ damals Philips nur, um diese Sparte unter der Ägide von Finanzinvestoren und dem neuen Namen NXP weiterzuführen, schied dort Ende 2008 aus.

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Nachdem van Houten zu Philips zurückgekehrt war, beschleunigte er dort den Ausverkauf und vollendete ihn weitgehend. Unter seiner Führung verschwanden erst die Fernseher aus dem Konzern, dann die Audiogeräte mit Lautsprechern und Kopfhörern. Schließlich gliederte Philips die Lichtsparte als eigenständiges Unternehmen an die Börse aus – sie firmiert heute als Signify – und kappte damit die historische Wurzel. Zuletzt hatte sich die Haushaltsgerätesparte zu verabschieden, mit Staubsaugern, Bügeleisen und Kaffeemaschinen.

Übrig geblieben sind die Medizintechnik und als Anhängsel noch eine kleine Sparte mit Zahnbürsten und Rasierern. Am Aktienmarkt hatte van Houten zwischenzeitlich Erfolg, der Kurs des im Leitindex AEX geführten Papiers erreichte in der Spitze 50 Euro. Inzwischen ist er in etwa zu dem Niveau zurückgekehrt, auf dem er sich zu van Houtens Amtsantritt bewegte. Investoren fürchten namentlich Schadenersatzklagen in den USA. Gestern waren für einen Philips-Anteil 19,30 Euro zu zahlen, 3 Prozent mehr als am Vortag.

Der designierte Nachfolger Jakobs sitzt seit 2018 im erweiterten Vorstand („Executive Committee) und verantwortet dort inzwischen auch die Rückrufaktion für die Beatmungsgeräte. Er arbeitete früher beim Energiekonzern Shell und dem Medien- und Datenkonzern RELX, vormals Reed Elsevier. 2010 kam er zu Philips, wirkte in verschiedenen Funktionen, unter anderem als Marketing- und Strategieleiter der damals noch nicht ausgegliederten Lichtsparte. Jakobs wurde 1974 in Kerkrade an der deutschen Grenze geboren, studierte Wirtschaft in Nijmegen und Bologna und absolvierte einen Master in Marketing in Tilburg.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Smolka, Klaus Max
Klaus Max Smolka
Redakteur in der Wirtschaft.
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