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Plastik am Pranger

Die Kunststoff-Industrie und das Mentalitätsproblem

Von Martin Franke
 - 16:23
Rüdiger Baunemann
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Generation Plastik
Was die Plastikindustrie sagt

Rüdiger Baunemann muss momentan viel Rede und Antwort stehen für etwas, das mit den Jahren in Verruf gekommen ist. Er ist Hauptgeschäftsführer von „PlasticsEurope Deutschland“, dem Verband der Kunststoff-Erzeuger. Bei der ARD-Talkshow „hart aber fair“ vor wenigen Monaten kämpfte er wörtlich gegen einen kleinen Müllberg an, den ihm Frank Plasberg servierte: 80 Gramm Schinken aus dem Supermarkt, eingepackt in 30 Gramm Kunststoff. Baunemann sagte damals: „Es ist zumindest ein Produkt, das nachgefragt wird.“

Der Verbandschef kennt die Bilder von Tieren, die sich in Plastik verfangen. Er weiß um die verschmutzten Meere und Küsten hierzulande oder in Südostasien. Dennoch findet er, „dass Kunststoffe für viele Bereiche Teil der Lösung und nicht Teil des Problems ist“: Plastik macht Flugzeuge und Autos leichter und spart Treibstoff; Lebensmittel werden geschützt und länger haltbar gemacht; in der Medizin ist dieser Werkstoff nicht wegzudenken. „Mein Lieblingsprodukt ist der Blutbeutel, der rettet Leben, der ist aus Kunststoff“, sagt Baunemann. Selbst die Fußbälle, die bei der Weltmeisterschaft in Russland über den Rasen gerollt sind, bestehen aus diesem Material. „Der Ball lässt sich deutlich günstiger produzieren, hat eine längere Haltbarkeit und nimmt kein Wasser auf.“

„Das Problem ist die Wegwerf-Mentalität“

Plastik steht am Pranger. Die Weltmeere werden immer weiter verschmutzt. Bildlich gesprochen fährt jede Minute ein vollgeladenes Müllauto mit Plastik an den Strand und lässt den Abfall ins Wasser. Laut UN sind das 8 Millionen Tonnen im Jahr. Seit 1950 sind über 8 Milliarden Tonnen, umgerechnet 822.000 Eiffeltürme, produziert worden. Der meiste Teil befindet sich in der Umwelt oder auf Deponien. Wenn die Entwicklung anhält, wird es 2050 laut Schätzungen in den Ozeanen mehr Kunststoffmasse als Fische geben. Prognosen zeigen, dass sich die Menschheit mitten im exponentiellen Wachstum der Kunststoffmenge befindet.

Besonders Einwegplastik in Supermarkt-Ketten steht in der Kritik. Der Einzelhandelskonzern Rewe will daher Einweggeschirr aus Kunststoff ganz verbannen. Bis zum Jahr 2020 soll der Verkauf von Besteck, Tellern und Bechern aus Einwegplastik in allen etwa 6000 Rewe-, Penny- und Toom-Märkten gestoppt werden, sagte der Vorstandsvorsitzende der Rewe-Gruppe, Lionel Souque, exklusiv FAZ.NET. Die Europäische Kommission versucht das Plastik-Problem durch Verbote in den Griff zu bekommen. Im Mai beschloss sie, in Zukunft den Verkauf von Kunststoff-Strohhalmen, Wattestäbchen und Plastikgeschirr gesetzlich zu untersagen – die Umsetzung in den Ländern wird aber vermutlich noch Jahre dauern.

Baunemann hält von Verboten nicht viel: „Das Problem, das wir bei diesen Produkten haben, dem Einweggeschirr und bei den Becher, ist schlicht und einfach, dass die Leute zu leichtfertig mit den Materialien umgehen. Einfach wegwerfen, den To-Go-Becher einfach stehenlassen. Das Problem ist die Wegwerf-Mentalität.“ Die Menschen handelten demnach nicht verantwortungsvoll genug. Der Slogan von „PlasticsEurope Deutschland“ lautet daher: „Zum Wegwerfen ist Kunststoff zu schade“. Dabei stellt sich die Frage, was Verbraucher stattdessen mit Einweg-Produkten nach ihrem Gebrauch anstellen sollten. Dem Plastik-Vertreter zufolge müsste die Europäische Kommission am Verhalten der Verbraucher gegenüber Müll arbeiten. „Wenn ich anstelle des Kunststoff-Bechers irgendwann den Pappbecher wegwerfe oder sowas, habe ich das Kernproblem nicht gelöst. Man darf nichts wegwerfen.“

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Die kleine Plastik-Chronik

Tatsache ist jedoch, dass der Lebenszyklus selbst von kurzlebigen Plastikprodukten je nach Art und Zusammensetzungen bis zu 450 Jahre dauert, bevor sie sich in Kleinteile, in sogenanntes Mikroplastik, zersetzen. Welchen Schaden das Material danach anrichtet, ist noch nicht ausreichend erforscht. Sicher ist: Pappe dagegen braucht zur Zersetzung in der Umwelt wenige Monate, eine Zeitung etwa 6 Wochen.

Lebensmittel-Verpackungen verlieren ihre Funktionalität, wenn die letzte Scheibe Wurst gegessen ist. Baunemann sieht das pragmatisch: „Ja, aber vorher erfüllt sie eine Funktion, die nachgefragt wird.“ In vielen Dörfern gäbe es keinen Bäcker oder Metzger mehr, der plastikfrei die Ware über die Theke reicht. Und wie könne ein Supermarkt funktionieren, wenn Lebensmittel nicht verpackt würden, fragt Baunemann. „Viel schlimmer wäre es doch, wenn es verdirbt. Denn Lebensmittel sind ziemlich häufig sehr aufwendig produziert.“ Je länger sie geschützt würden, desto positiver sei auch der Beitrag für Umwelt und Gesellschaft. Ein bekanntes Beispiel, das Verbraucher vor ein Dilemma stellt, ist die Biogurke in Plastikverpackung. Auch andere Bio-Produkte stecken nicht selten in einer Kunststoffhülle.

Deutsche lieben Verpackungen

Trotz vieler Alternativen, Initiativen und der Gründung von Unverpacktläden verbrauchen die Deutschen mehr Plastik denn je: Laut Umweltbundesamt gab es 2016 ein Plus von 74 Prozent an Kunststoffverpackungen im Vergleich zu 2000. Pro Kopf beläuft sich hierzulande der Verpackungsabfall (auch Glas und Pappe enthalten) auf durchschnittlich 220 Kilogramm, der europäische Durchschnitt lag mit 167 Kilogramm deutlich unterhalb. Die werkstoffliche Verwertung von Plastik steigt an, laut Umweltbundesamt wurde knapp die Hälfte des Verpackungsabfalls dem Recycling zugeführt. Der Rest wird verbrannt oder exportiert.

Geschäftsführer Baunemann sagt dazu: „Unsere Müllverbrennungsanlagen erzeugen Dampf und Strom aus dem Müll, der verbrannt wird. Die Energie wird zurückgewonnen, auch die aus dem Kunststoff.“ Dies müsse man ihm zufolge ins Verhältnis setzen: 80 Prozent der Rohöl-Reserven würden demnach durch Vergaser und Schornsteine in die Luft gelangen, 4 bis 6 Prozent gingen in die Produktion von Kunststoff, der später teilweise durch die Müllverbrennung wiederverwertet werde. Der Müll, der recycelt wird, könnte für neue Produkten genutzt werden, meint Baunemann. „Ich glaube, so schlecht ist die Bilanz für Kunststoffe gar nicht.“

Die kunststofferzeugende Industrie sieht gelassen in die Zukunft: Der Umsatz wächst von Jahr zu Jahr. Europa wird als Erzeugerstandort angepriesen, die Branche als Wirtschaftsmotor. Nach eigenen Angaben produzieren über 100 Mitgliedsunternehmen mehr als 90 Prozent der Kunststoffe in den 28 EU-Mitgliedsstaaten, Norwegen, der Schweiz und der Türkei. Mehr als 1,5 Millionen Menschen sind in etwa 60.000 Unternehmen für die Kunststoff-Industrie tätig und erwirtschaften einen Umsatz von über 340 Milliarden Euro im Jahr. Dass der Kampf gegen Einwegplastik ein schwieriger ist, zeigen auch die Zahlen der kunststoffverarbeitenden Industrie. Deren Umsatz ist im ersten Halbjahr 2018 um 4,5 Prozent gestiegen. Die Deutschen lieben die Verpackungen aus Kunststoff.

Mit dieser Liebe gibt es aber Probleme: Plastik ist ein komplexer Werkstoff, der sich permanent verändert. Neue Eigenschaften werden hinzugefügt, was die Geometrie und die Zusammensetzung ändert. Folien von Verpackungen werden immer dünner: Einerseits erfordert die Veränderung des Kunststoffs eine permanente Aufrüstung der Sortier- und Trenntechnologien in Recyclingstationen. Andererseits ist nicht jedes Plastik recycelbar. Nur bei manchen Kunststoffarten, insbesondere bei PET-Flaschen, ist ein geschlossener Kreislauf möglich. Aus Plastik, das nicht sortenrein ist, etwa Verpackungen von Wurst und Käse, kann kein Recyclat, einem verarbeitungsfähigen Kunststoff, mehr werden.

Der Verbandschef der Kunststoff-Erzeuger gibt zu, dass das Thema Recycling viel zu spät von der Industrie erkannt wurde. Als er Ende der 80er Jahre bei „PlasticsEurope“ anfing, war er einer der ersten Chemiker überhaupt. „Es ist ein Lerneffekt seit vielen Jahren. Und wir sind da auch noch nicht am Ende. Das wird eine Daueraufgabe sein.“ Laut Baunemann müssten die Deutschen aber kein schlechtes Gewissen haben: „Es gibt ziemlich intensive Vorschriften, übrigens nur für Kunststoffe, was drin sein darf und was beispielsweise aus Folien rauskommen darf und auf Lebensmittel übergehen darf. Das wird umfassend gesetzlich geregelt und amtlich auch überwacht.“

Einen neuen gesetzlichen Rahmen liefert das Verpackungsgesetz, das 2019 in Kraft tritt. Es besagt, dass das Kunststoffrecycling der Verpackungen weiter gesteigert wird, zunächst mit einer Quote von 58,5 Prozent, von 2022 an liegt diese bei 63 Prozent. Unter das Gesetz fallen alle Verpackungen.

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Der nächste Beitrag erscheint am Montag, den 17. September. Das Thema: Ein Tag bei der Müllabfuhr und das verflixte Recycling.

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Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Franke, Martin
Martin Franke
Redakteur vom Dienst bei FAZ.NET.
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