Niederländische Fahrradbranche

Wie ein Familienbetrieb zum globalen Fahrradriesen aufstieg

Von Klaus Max Smolka
13.10.2021
, 19:13
Gazelle-Testcenter für E-Bikes in Frankfurt
Von null auf hundert binnen zehn Jahren: Die niederländische Familiengesellschaft Pon ist vom Autohandel in den Fahrradmarkt expandiert. Sie hat sich ein Konglomerat zusammengekauft – erst in Deutschland, jetzt auch in Nordamerika

Mit einem neuerlichen Großzukauf treibt der niederländische Familienkonzern Pon Holdings seinen steilen Aufstieg zu einem der führenden globalen Fahrradanbieter voran. Die in Deutschland wenig bekannte Gesellschaft hat sich innerhalb von zehn Jahren ein Konglomerat von Fahrradmarken zusammengekauft – beginnend 2011 mit dem Erwerb von „Gazelle“ sowie als Meilenstein dem Kauf des damals größten deutschen Fahrradanbieters Derby Cycle mit Marken wie „Kalkhoff“ und „Focus“.

Nun übernimmt Pon für eine Milliarde kanadische Dollar (700 Millionen Euro) die Fahrrad-Tochtergesellschaft des kanadischen Mischkonzerns Dorel Industries. Pon holt sich damit unter anderem die global bekannte Marke „Cannondale“ ins Portefeuille, ebenso die US-Marke „Schwinn“ sowie die BMX-Rad-Anbieter „Mongoose“ und „GT“. Der Umsatz steigt um zwei Drittel: Zu den momentan 1,5 Milliarden Euro – von denen 70 Prozent auf das Geschäft mit elektromotorgestützten Fahrzeugen entfallen – kommt umgerechnet etwa eine Milliarde Euro Umsatz von den Kanadiern hinzu.

Hinter Pon steht eine der reichsten Familien der Niederlande. Zum Kerngeschäft gehört der Autohandel, einschließlich Import von Volkswagen. Zusammen mit VW und dem Vermögensverwalter Attestor übernimmt die Gesellschaft gerade für 2,5 Milliarden Euro den Autovermieter Europcar.

Beteiligung an Swapfiets

Ganz weit zurückblickend, hatte Pon Ende des 19. Jahrhunderts als Fahrradanbieter in Amersfoort begonnen. Doch verließ man die Branche und kehrte 2011 mit zwei Transaktionen erst wieder zurück: Die Gesellschaft erwarb vom Finanzinvestor Gilde den in den Niederlanden stark vertretenen Hersteller Gazelle. Kurz darauf folgte die Transaktion, welche die breite Grundlage des jetzigen Fahrrad-Imperiums schaffen sollte: Pon bot für die norddeutsche Derby Cycle, die nicht einmal ein Jahr zuvor erst an die Börse gegangen war.

Der Gedanke hinter der strategischen Rückbesinnung aufs Fahrrad: Pon wolle zu einem breiter aufgestellten „Mobilitätsunternehmen“ werden, hieß es. Besondere Hoffnung legte man darauf, dass sich Fahrräder mit Elektromotor – E-Bikes – am Markt durchsetzen würden: eine Hoffnung, die sich bestätigt hat. Als Nebenpointe der Doppeltransaktion von 2011 kehrte Gazelle wieder in ein Haus mit dem alten Eigner zurück, denn das Unternehmen hatte früher auch schon zu Derby Cycle gehört.

Im Jahr 2019 übernahm Pon schließlich den niederländischen Lastenfahrrad-Spezialisten Urban Arrow. Dass man strategisch breit denkt, beweist die Entscheidung, sich über die Wagniskapitaleinheit Ponooc an Swapfiets zu beteiligen – jenem Rad-Dauervermieter, der sich in den Niederlanden wie auch in Deutschland in kurzer Zeit auf städtischen Straßen und Radwegen ausgebreitet hat, erkennbar an den blauen Vorderreifen. Swapfiets ist eigentlich ein natürlicher Gegner von Fahrradherstellern und Händlern; schließlich hält das Abo-Modell die Kunden von Kauf und Reparatur eigener Fahrzeuge ab. Aber: Swapfiets lässt sich von der Pon-Tochtergesellschaft Gazelle beliefern, auch wenn man seine Räder selbst entwirft und mit eigener Marke auftritt.

Pon hat sich also als zweites niederländisches Fahrrad-Konglomerat neben der börsennotierten Accell („Winora“, „Batavus“, „Sparta“, „Babboe“) etabliert. Im Jahr 2017 versuchte die Familie sogar, diesen heimischen Konkurrenten zu erwerben. Accell ging auf Verhandlungen ein, brach sie aber ab, zum Missmut Pons.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Smolka, Klaus Max
Klaus Max Smolka
Redakteur in der Wirtschaft.
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