<iframe title="GTM" src="https://www.googletagmanager.com/ns.html?id=GTM-WBPR4W&gtm_auth=3wMU78FaVR9TNKtaXLbV8Q&gtm_preview=env-23&gtm_cookies_win=x" height="0" width="0" style="display:none;visibility:hidden"></iframe>
Zukunft von Pro Sieben Sat 1

Ist der Einstieg der Berlusconis erst der Anfang?

Von Rüdiger Köhn, München
 - 19:34
Max Conze, Vorstandsvorsitzender der ProSiebenSat.1 Media SE, bei der Bilanz-Pressekonferenz im März 2019zur Bildergalerie

Vor sechs Wochen noch dementierte Mediaset heftig Gerüchte über eine Fusion mit Pro Sieben Sat 1. Es gebe keine Gespräche mit der deutschen Privatsenderkette, hieß es damals. Seit mehr als einem Jahr gibt es Gerüchte über eine Übernahme der ertragsschwachen Fernsehgruppe aus Unterföhring bei München durch den italienischen Medienkonzern des einstigen Ministerpräsidenten und heute immer noch einflussreichen, omnipräsenten Silvio Berlusconi.

Am Mittwochmorgen wurden die Pro-Sieben-Gremien mit dem Vorstandsvorsitzenden Max Conze sowie die Öffentlichkeit davon unterrichtet, dass Mediaset SpA mit 9,6 Prozent jetzt zweitgrößer Aktionär des M-Dax-Unternehmens ist. Dessen Wert ist innerhalb eines Jahres um mehr als 40 Prozent auf nur noch 3,5 Milliarden Euro geschrumpft.

Das Vorgehen von Mediaset mit dem klammheimlichen Zusammenkaufen von 22,4 Millionen Pro-Sieben-Aktien zu Ausverkaufspreisen wird wohl nicht der letzte Schritt sein. Weitere Vorstöße – nun jedoch auf offener Bühne und vor Publikum – sind zu erwarten. Eine Übernahme allerdings halten Marktbeobachter für ausgeschlossen.

Neben der strategischen Vorgehensweise kann die Beteiligung auch als taktische Maßnahme gewertet werden, um Begehrlichkeiten anderer Medienhäuser als Folge des stetigen Kursverfalls auszubremsen. Und niemand weiß, wie sich die anderen Paketaktionäre verhalten, die Finanzinvestoren Capital Group (9,98 Prozent) und Black Rock (rund 6,8 Prozent).

Einstieg ohne Vorwarnung

Dem Vernehmen nach soll Unterföhring von der Meldung über den Einstieg der Italiener zumindest zum jetzigen Zeitpunkt überrascht gewesen sein. Schmallippig und diplomatisch zugleich gab sich Vorstandschef Conze in einer ersten Reaktion. „Wir begrüßen das Investment der Gruppo Mediaset und sehen dieses als einen Vertrauensbeweis in die Strategie und in die Mannschaft.“ Begeisterung klingt anders.

Mit dem Engagement hat die mächtige italienische Privatfernsehsender-Gruppe in Pro Sieben eine günstige Gelegenheit gesehen; der Aktienkurs hat sich seit November 2015 mit dem damaligen Höchstkurs von 50 Euro kontinuierlich auf Talfahrt begeben. Die Italiener dürften für das Paket wohl weniger als den aktuellen Wert von 340 Millionen Euro bezahlt haben. Für die gebeutelten Anleger öffnen sich anscheinend neue Phantasien. Die Titel jedenfalls gewannen am Mittwoch bis zu fast 9 Prozent auf rund 16 Euro, auch wenn die deutlichen Zuwächse im Handelsverlauf dahin schmolzen.

Freundliche Absichten

Der Vorstoß von Mediaset, größter Privatsender in Italien und Spanien, wird als Einstieg mit dem Ziel gewertet, das Engagement auszuweiten und zu intensivieren. Das nun abgegebene Signal deutet darauf hin, dass nach einem gemeinsamen Vorgehen mit dem Management von Pro Sieben gesucht wird – allerdings unter der Regie von Berlusconis Medienkonzern. Der strebt an, eine Fernseh-Allianz in Europa zu schmieden. Das ist das Bestreben des Sohns Pier Silvio Berlusconi, der Mediaset bereits seit 18 Jahren führt. Der Junior betonte, in freundlicher Absicht zu handeln. Er hob die Wertschätzung für den deutschen Privatsender hervor, der deutlich kleiner ist als die RTL-Gruppe des Medienkonzerns Bertelsmann.

Der Mediaset-Chef sagte am Mittwoch, dass der Einstieg eine langfristig ausgerichtete Entscheidung sei, die darauf abziele, sich zunehmend international auszurichten und so Werte zu schaffen. Mediaset sei stolz darauf, in die Zukunft des frei empfangbaren europäischen Fernsehens zu investieren. Davon profitierten am Ende beide Unternehmen.

Zugehen von Mediaset auf Pro Sieben nötig

Auch wenn Mitte April noch das Interesse an der Fusion dementiert wurde, hat Berlusconi die Gerüchteküche selbst angeheizt, als er im selben Monat von einer „europäischen Fernseh-Allianz“ sprach und sagte, Mediaset wolle der Motor dafür sein. Die Pläne sollen Ende Juli vorgestellt werden. Schon lange arbeiten Mediaset, Pro Sieben, der britische Privatsender Channel Four sowie neun kleinere Sender in der European Media Alliance zusammen. „Europäische Medienunternehmen wie wir müssen die Kräfte bündeln, wenn wir wettbewerbsfähig sein oder zumindest den möglichen Attacken von globalen Giganten widerstehen wollen, wenn es um die kulturelle Identität in Europa geht“, sagte Berlusconi am Mittwoch.

Ein Zugehen von Berlusconi auf Pro Sieben ist nötig. Denn Vorstandschef Conze, erst seit einem Jahr als früherer Chef des Staubsaugerherstellers Dyson nach Unterföhring gewechselt, lehnt eine Übernahme strikt ab. Er sehe keine „industrielle Logik“ in einer solchen Zusammenarbeit, sagte er im April. Conrad Albert, stellvertretender Vorstandschef, sekundierte: „Wenn ich auf die harten Fakten schaue und mir die Bilanz von Mediaset anschaue, weiß ich, dass eine Übernahme völlig illusorisch ist.“

Eigene Antwort auf Netflix, Amazon und Co.

Conze feilt an einer eigenen Strategie, die Sendergruppe wieder auf Vordermann zu bringen. Die Erträge stehen unter Druck. Auf der Hauptversammlung am 12. Juni müssen die Aktionäre eine halbierte Dividende beschließen, die gesenkte Jahresprognose Ende 2018 hatte den Aktienkurs schon stark unter Druck gesetzt. Der Konzernumsatz sank, auch konsolidierungsbedingt, um 2 Prozent auf 4 Milliarden Euro, das Betriebsergebnis, das mit der Unterhaltung im Fernsehen gespeist wird, ging um 4 Prozent auf rund 1 Milliarden Euro zurück.

Sinkende Werbeeinnahmen, von schwachen Einschaltquoten im Vergleich zu den öffentlich-rechtlichen ARD sowie ZDF und dem privaten Konkurrenten RTL ganz zu schweigen, hohe Investitionen in Programminhalte, neues Konsumverhalten der einst so wichtigen jungen Klientel von 14 bis 49 Jahre mit Blick auf die Streamingdienste Netflix oder Amazon haben Pro Sieben in die Defensive getrieben. Eine gemeinsame Internet-Plattform für Fernsehinhalte, zusammen mit Partnern aufgebaut, soll eine Antwort auf die dominierenden Internetanbieter geben.

Mit dem amerikanischen Medienkonzern Discovery arbeiten die Münchner an einem Netflix-Konkurrenten. Conze würde gerne das öffentlich-rechtliche ZDF, das Verlagshaus Axel Springer und auch RTL an Bord nehmen. Die aber zögern – und stärken somit auch nicht Conzes Position. Das digitale Angebot mit dem Streaming-Dienst Joyn soll dennoch im Juni starten. Er könnte europaweit ausgerollt werden. Eine Basis für eine engere Zusammenarbeit mit den Italienern?

Operativ steht Mediaset noch schlechter da als die Kette aus Pro Sieben, Sat.1 und Kabel 1. Die Berlusconi-Holding Fininvest, die Mediaset mit 44 Prozent der Anteile kontrolliert, hat nach eigenen Angaben genügend Mittel, um für Akquisitionen 1 Milliarde Euro aufzunehmen. Klingt viel, reicht aber bei weitem nicht, um bei Pro Sieben die uneingeschränkte Kontrolle zu übernehmen. Von daher kann es nur beim sanften Druck bleiben. Die Italiener müssen auf die Kooperationsbereitschaft hoffen.

Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Köhn, Rüdiger (kön.)
Rüdiger Köhn
Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in München.
Twitter
  Zur Startseite
Ähnliche ThemenProSiebenSilvio BerlusconiRTLUnterföhringNetflixMDAX