Rakete vom Kurs abgekommen

Der nächste Rückschlag für die europäische Raumfahrt

Von Christian Schubert, Paris
17.11.2020
, 18:24
Eine Mission der Rakete Vega mit zwei Erdbeobachtungssatelliten ist gescheitert. Die schlechten Nachrichten für Europas Raumfahrt häufen sich – und SpaceX eilt von Erfolg zu Erfolg.

Die Trägerrakete Vega, die zwei Forschungssatelliten ins All bringen sollte, ist in der Nacht von Montag auf Dienstag nach dem Start vom Weltraumbahnhof Kourou in Französisch-Guayana (Südamerika) von der Flugbahn abgekommen. Die Mission ist laut der Pressemitteilung von Arianespace gescheitert. Die Trägerrakete fiel in ein unbewohntes Gebiet; die zwei Satelliten an Bord seien verloren, teilte der Vorstandsvorsitzende von Arianespace, Stéphane Israël, mit. Die Rakete kam acht Minuten nach ihrem Start vom Kurs ab. Derzeit werden Telemetrie-Angaben analysiert, um die Fehlerursache festzustellen. Das für den Bau der Vega-Rakete verantwortliche italienische Unternehmen Avio verlor an der Mailänder Börse am Dienstag 16 Prozent an Wert.

Zwei Erdbeobachtungs-Satelliten sollte die Rakete in den Orbit auf rund 700 Kilometer Höhe bringen: Es handelte sich um einen spanischen Satelliten namens Seosat-Ingenio im Auftrag der Europäischen Weltraumorganisation (Esa) und des spanischen Zentrums für die Entwicklung industrieller Technologien (CDTI).

Es war der erste von Spanien für die Esa entwickelte Erdbeobachtungssatellit. Er galt als Flaggschiff des strategischen Raumfahrtplans Spaniens und sollte hochaufgelöste Bilder für verschiedene Anwendung auf der Erde liefern. Zudem befand sich der Satelliten Taranis an Bord, der im Auftrag des französischen Weltraumforschungszentrum Cnes gebaut worden war. Er sollte erstmals elektromagnetische Strahlen und das Licht 20 bis 100 Kilometern oberhalb von Gewittern messen.

SpaceX-Transporter kommt an ISS an

„Dieses Scheitern ruft uns erneut in Erinnerung, dass wir uns sehr schwierige Missionen vornehmen, wo Erfolg und Misserfolg sehr nah beieinander liegen“, teilte der Cnes-Präsident Jean-Yves Le Gall mit. Die Mitarbeiter würden sich unmittelbar auf die Fehlersuche begeben und die Mängel beheben, um rasch den nächsten Start zu ermöglichen.

Quasi zeitgleich mit dem Scheitern der europäischen Mission sind drei Astronauten und eine Astronautin an der Internationalen Raumfahrtstation angekommen. Der Raumtransporter „Crew Dragon“ des privaten amerikanischen Unternehmens SpaceX hatte sie dort auf seinem ersten regulären Flug ins All dorthin gebracht. Der Transporter war am Sonntagabend vom Weltraumbahnhof Cape Canaveral in Florida gestartet. Die bemannte Mission ist zwar anderer Natur als die der europäischen Trägerrakete.

Doch die Zusammenkunft der beiden Ereignisse zeigt, wie die amerikanische Raumfahrt derzeit Erfolge feiert, während Europa eine Reihe von Misserfolgen erlebt. Dazu gehört auch die Verschiebung des Erstfluges der Trägerrakete Ariane-6 um fast zwei Jahre auf das Jahr 2022. SpaceX hat dem europäischen Vermarktungsunternehmen Arianespace den Rang als Marktführer bei Trägerraketen längst abgenommen. Die Flüge mit den europäischen Raketen, die in der Regel von einer Vielzahl von Unternehmen in verschiedenen Ländern gebaut werden, sind teurer als die von SpaceX. Dafür hat die europäische Raumfahrt lange Zeit mit der Zuverlässigkeit ihrer Flüge geworben.

Das zweite Scheitern innerhalb von 16 Monaten

Doch damit sind nun auch Fragezeichen verbunden. Beim jüngsten Unfall handelt es sich um das zweite Scheitern einer Vega-Mission innerhalb von 16 Monaten. Am 10. Juli des vergangenen Jahres brach eine Rakete, die einen Aufklärungssatelliten der Vereinigten Arabischen Emirate ins All bringen sollte, in zwei Teile. Der Versicherungswert des Satelliten und des Starts belief sich nach Angaben der Fachpresse auf 369 Millionen Euro.

Eine Untersuchungskommission von ESA, Arianespace und Avio kam im September 2019 zu dem Schluss, dass im Bereich des Motors vom Typ Z-23 auf der zweiten Stufe der Rakete eine Überhitzung entstanden war. Der Verbrennungsvorgang des soliden Treibstoffes bei 3000 Grad Celsius war offenbar nicht genügend vom Rest der Rakete isoliert, berichtete der Avio-Vorstandsvorsitzende Giulio Ranzo. Im Untersuchungsbericht war dies als „die wahrscheinlichste Ursache“ beschrieben worden.

Volle Gewissheit bestand allerdings nicht. Der jüngste Unfall dürfte indes wahrscheinlich andere Ursachen haben, denn die ersten drei Stufen sind normal gezündet worden. Die Abweichung vom geplanten Kurs entstand nach Angaben von Arianespace erst nach der Zündung der vierten Stufe namens Avum, in der sich die Satelliten befinden. Arianespace bestätigte denn auch am Dienstagnachmittag, dass nicht ein Design-Fehler der Auslöser war, sondern ein „Qualitäts- und Produktionsproblem“. Eine Untersuchungskommission soll nun für Klarheit sorgen. Versichert waren die Satelliten nicht, hieß es.

Wichtige Trägerrakete für kleine Satelliten

Zwischen 2012 und 2019 hatte die Vega vierzehn Mal erfolgreich Satelliten ins All gebracht. Die 30 Meter hohe Vega-Rakete ist das kleinste und leichteste Modell im Angebot von Arianespace und wiegt nur ein Sechstel der Trägerrakete Ariane-5. Sie kann Tragelasten von bis zu 1500 Kilogramm etwa 700 Kilometer weit ins All transportieren. Zwischen der kleinen Vega und der großen Ariane-5 hat Arianespace Flüge mit der mittelschweren russischen Trägerrakete Sojus im Angebot, die sie auf Basis eines Kooperationsabkommens ebenfalls vermarkten darf.

Anfang September dieses Jahres hatte die Vega ihren ersten Flug nach dem Unfall von 2019 vollzogen. Er verlief erfolgreich und brachte 53 kleine Satelliten aus 13 Ländern ins All. Für die europäische Raumfahrt ist es wichtig, eine Trägerrakete für kleine Satelliten zu haben, denn bei den Betreibern geht der Trend zu kleinen und leichten Modellen. Die in Bau befindliche Ariane-6 soll denn auch so gestaltet sein, dass sie anders als die Ariane-5 viele kleine Satelliten mitnehmen kann.

Die Trägerrakete Vega wird unter italienischer Verantwortung gebaut. Bauherr ist das Unternehmen Avio, das seinen Sitz in Colleferro bei Rom hat. Weil es sich bei der Vega aber um ein europäisches Projekt handelt, sind dreizehn Nationen mit ihren Zulieferern beteiligt. Die Endmontage findet in Kourou in Französisch-Guyana, wo sich der europäische Weltraumbahnhof befindet.

Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Schubert, Christian
Christian Schubert
Wirtschaftskorrespondent in Paris.
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