Recycling von Elektroschrott

Die Minen der Wegwerfgesellschaft

Von Judith Lembke
01.05.2011
, 13:39
Schrott oder Schatz: In jedem Handy stecken Gold und Platin
Elektronikschrott birgt Schätze: In jedem Handy stecken Gold und Platin. Die hohen Rohstoffpreise machen Recycling attraktiv. Der Verbrauch steigt, doch die Minenausbeute nimmt ab. Politik und Unternehmen feilen an Strategien, um den Bedarf zu sichern.
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Deutschland wird Rohstoffland, verkündet der Verband auf seiner Internetseite. Erstaunlich ist daran weniger das vollmundige Versprechen, sondern der Absender: Es ist nicht die Vereinigung der Bergbauindustrie, die sich dieses Verdienst zuschreibt, sondern der Bundesverband der deutschen Entsorgungswirtschaft. Dass Abfall neuerdings als Sekundärrohstoff bezeichnet wird, mag man für einen Euphemismus halten, zeugt jedoch von einem Trend: Rekordpreise und knappe Ressourcen sorgen dafür, dass in Deutschland immer mehr Rohstoffe im Recycling gefördert werden.

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„Recycling ist die wichtigste heimische Rohstoffquelle“, sagt Wirtschaftsminister Brüderle. Computer, Handys und Autos sind die Minen der Wegwerfgesellschaft. Allein in einem Mobiltelefon steckt fast das ganze Periodensystem. Neben den gängigen Industriemetallen wie Kupfer und Aluminium finden sich darin auch Gold und seltene Metalle wie Gallium und Germanium. Dem „Urban Mining“, dem städtischen Bergbau, sagen Experten eine große Zukunft voraus. „Der Rohstoffbedarf lässt sich nicht nur durch die Primärgewinnung decken“, sagt Daniel Goldmann, Professor für Rohstoffaufbereitung an der Technischen Universität Clausthal. Schon jetzt gebe es einen globalen Wettbewerb um hochwertige Abfälle. Denn mit der zunehmenden Industrialisierung der Schwellenländer steigt auch ihr Rohstoffbedarf.

Die Aufbereitung strategischer Metalle muss noch verbessert werden

Das treibt nicht nur die Preise, sondern verändert auch die Perspektive: Wurde eine ausreichende Versorgung mit Rohstoffen früher als gegeben vorausgesetzt, feilen Politik und Unternehmen mittlerweile an Strategien, um den Bedarf ihrer Volkswirtschaften auch künftig zu sichern. Der Verbrauch steigt stetig, während die Minenausbeute abnimmt. Allein in den Jahren 2000 bis 2008 hat sich das Volumen der deutschen Rohstoffimporte von 54 auf 127 Milliarden Euro erhöht, heißt es in einem Bericht der Bundesanstalt für Rohstoffe. Vor allem die sogenannten Zukunftstechnologien sind Rohstofffresser: In jeder Windkraftanlage stecken bis zu acht Tonnen Kupfer, für den Bau eines Elektrofahrzeugs werden etwa 100 Kilo davon benötigt, etwa doppelt so viel wie für einen herkömmlichen Mittelklassewagen.

Mittlerweile sei schon mehr Kupfer in Form von Drähten, Dachrinnen und Autoteilen als unausgebeutet in den Minen vorhanden, überschlägt Daniel Goldmann. Allein auf amerikanischen Mülldeponien liegen mehr als drei Weltjahresproduktionen des Metalls, schätzen Fachleute. Dabei lässt sich der Rohstoff unendlich wiederverwenden, ohne etwas von seiner Qualität einzubüßen. Allerdings führen die hohen Preise - der Kupferpreis hat sich in den vergangenen zwei Jahren mehr als verdoppelt - auch zu einer höheren Rücklaufquote, sagt Christian Kawohl von Aurubis, dem größten Kupferproduzenten Europas. Zwei Drittel seines Angebots baut das Unternehmen in Minen ab, ein Drittel gewinnt es aus dem Recycling. Die Anlage in Lünen nördlich von Dortmund, wo Aurubis neben Kupfer unter anderen auch Edelmetalle recycelt, wird gerade erweitert.

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Die Wiederverwertung von Industriemetallen funktioniere in Deutschland schon ganz gut, sagt Daniel Goldmann. Die Aufbereitung von strategischen Metallen, die vor allem in der Hochtechnologie eingesetzt werden, müsse jedoch erheblich verbessert werden. Nur so könne sich ein rohstoffarmes Land wie Deutschland unabhängiger von wenigen Unternehmen und Förderländern machen.

Ein Großteil des Elektroschrotts landet in Afrika und Asien

Als China im vergangenen Jahr drastische Exportbeschränkungen für seltene Erden einführte und sich die Preise für Neodym, Lanthan und die anderen 14 Metalle und Oxide dieser Gruppe teilweise verachtfachten, wurde Unternehmen und Politikern diese Abhängigkeit schmerzhaft bewusst. Aus China kommen 97 Prozent der seltenen Erden, die für die Herstellung von Solartechnik und Windkraftanlagen unentbehrlich sind.

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Die Sicherstellung der Versorgung der Volkswirtschaft mit Rohstoffen sei ein fast ebenso wichtiger Treiber für den Ausbau des Metallrecyclings wie der ökonomische Faktor, sagt Christian Hagelüken, der die Geschäftsentwicklung der Materialtechnikgruppe Umicore leitet, die auf diesem Gebiet führend ist. Denn gerade die Lagerstätten der strategischen Metalle, die in der Zukunft noch sehr viel begehrter sein werden als heute, konzentrieren sich oft auf wenige Länder. Je mehr Hybrid- und Elektrofahrzeuge hergestellt werden, desto stärker werden auch Kobalt, seltene Erden und Platin nachgefragt. Kobalt und Platin stammen aber zum größten Teil aus wenigen Ländern in Afrika, seltene Erden aus China. Rund 20 Prozent des Bedarfs an Kobalt ließen sich aber auch mit Recycling decken, schätzt Hagelüken - schließlich sei die Metallkonzentration in Elektroschrott sehr viel höher als in den Minen. Während in einer Tonne Erz etwa 5 Gramm Gold stecken, lassen sich aus einer Tonne alter Mobiltelefone 200 Gramm des Edelmetalls gewinnen. Doch gebrauchte Handys landen immer noch eher auf dem Müll als in der Wiederverwertung. 20 Tonnen Gold werden so jedes Jahr weggeworfen. Darüber ärgert sich Hagelüken genauso wie über die Millionen von Mobiltelefonen, die einfach in den Schubladen der Haushalte verschwinden. „Gerade beim Recycling der Endprodukte muss noch sehr viel passieren“, sagt er deshalb.

Mehr als die Hälfte aller alten Elektrogeräte in Europa werden nicht ordnungsgemäß recycelt, schätzen Fachleute. Ein Großteil des Elektroschrotts landet - als Reparaturware deklariert, weil die Ausfuhr des Schrotts verboten ist - in Afrika und Asien. Dort werden die Geräte von Amateuren in Hinterhöfen auseinandergebaut, oft genug aber auch einfach abgefackelt. Das hat nicht nur verheerende Folgen für die Umwelt. Für die rohstoffarmen Länder Europas gehen damit auch wichtige Ressourcen verloren. Die Schwellenländer dagegen haben den Wert von Schrott schon lange erkannt.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Lembke, Judith
Judith Lembke
Redakteurin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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