Renesas-Chef Hidetoshi Shibata

„Die Halbleiterindustrie braucht keine Hilfe durch den Staat“

Von Patrick Welter
05.07.2022
, 11:17
Eine der Hauptsäulen der japanischen Wirtschaft: Chipherstellung im Renesas-Werk in Naka.
Der Chef des japanischen Chipherstellers Renesas, Hidetoshi Shibata, spricht über den internationalen Subventionswettlauf und die Chancen für Deutschland und Japan. Gerade ein breite räumliche Aufstellung wird immer wichtiger.
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Acht Jahre lang stand die Halbleiterfabrik in Kofu in der ländlichen Präfektur Yamanashi westlich von Tokio leer. Renesas Electronics benötigte das Gebäude nicht mehr und wurde nach eigenen Angaben mit keinem potentiellen Käufer oder Mieter handelseinig. Jetzt aber investiert Renesas 90 Milliarden Yen (rund 635 Millionen Euro), um die Fabrik neu zu eröffnen. Von 2024 an sollen in einem Reinraum auf 18.000 Quadratmetern mit 300-Millimeter-Wafern Leistungshalbleiter produziert werden. Diese Computerchips regulieren Stromflüsse und gewinnen mit dem Schwenk zu Elektroautos an Bedeutung. Renesas vermarktet die Entscheidung als Beitrag zur Abkehr von der Kohlenstoffwirtschaft. Im Endausbau der neuen alten Fabrik wird das Unternehmen seine Produktionskapazität an Leistungshalbleitern verdoppeln.

Die Investition in Yamanashi spiegelt die andauernden Engpässe in der Halbleiterindustrie, aber auch die große Weltpolitik wider. „Wer es mit Leistungshalbleitern ernst meint, braucht seine eigenen Produktionskapazitäten“, sagt Renesas-Chef Hidetoshi Shibata im Gespräch mit der F.A.Z. Die Investitionsentscheidung gründe aber auch im größeren Bewusstsein für geopolitische Risiken. „Mit der Lage in der Ukraine, die zu Jahren der Spannungen zwischen den Vereinigten Staaten und China hinzukommt, wird überall auf der Welt das Verhältnis zwischen Effizienz und Resilienz des Geschäfts hinterfragt“, sagt Shibata. Es wird nach seiner Meinung bedeutender, Forschung und Entwicklung, aber auch die Produktion auf unterschiedliche Regionen aufzuteilen.

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Das hat Folgen für die Verteilung der Standorte der Halbleiterwirtschaft in der Welt. „Regionen wie Europa oder Japan werden viel wichtiger werden, wenn es nicht mehr wie früher vor allem um Effizienz geht“, sagt Shibata, Chef eines der wichtigsten Zulieferer für die Automobilbranche gerade in Japan.

Räumliche Streuung wird immer wichtiger

Renesas erwirtschaftet mit seinen 21 000 Mitarbeitern fast 30 Prozent seines Umsatzes in Japan und weitere 47 Prozent in China und im restlichen Asien. Europäische Kunden tragen rund 15 Prozent zum Umsatz bei. Shibata betont ein besonderes Interesse an weiteren Investitionen in Deutschland, weil das Land mit seinem Fokus auf Elektroautos und Industrie wichtige Kunden versammele. „Zumindest bislang“ aber habe Renesas keine konkreten Pläne für neue Produktionsstätten in Deutschland. Ständig aber suche Renesas nach „neuen Talenten“, um die Forschung und Entwicklung in Deutschland und Europa zu stärken, unterstreicht Shibata. Mit der Übernahme der britischen Dialog Semiconductor im vergangenen Jahr hatte Renesas seine Aktivitäten auch in Deutschland gestärkt. Rund 1000 Mitarbeiter an acht Standorten arbeiten für Renesas in Deutschland.

Sieht Europas Bedeutung wachsen: Hidetoshi Shibata in der Hauptverwaltung von Renesas.
Sieht Europas Bedeutung wachsen: Hidetoshi Shibata in der Hauptverwaltung von Renesas. Bild: Patrick Welter

Zur räumlichen Diversifizierung gehört, dass Renesas etwa 200 Mitarbeiter in Lemberg im Westen der Ukraine forschen und entwickeln lässt. Das Team arbeite hart, um die Arbeit aus dem Büro oder von zu Hause in Gang zu halten, sagt Shibata. Bislang gebe es dort keine signifikanten Störungen.

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Nicht nur Halbleiterunternehmen, auch Regierungen folgen zunehmend der Theorie der notwendigen räumlichen Streuung, unter anderem in Deutschland und in Japan. Der Subventionswettlauf um die Ansiedlung neuer Halbleiterfabriken ist eröffnet. Bis zu 476 Milliarden Yen (3,4 Milliarden Euro) gibt das japanische Industrieministerium an Taiwan Semiconductor Manufacturing Company (TSMC) für den Bau einer Halbleiterfa­brik im südwestjapanischen Kumamoto, an der sich als Juniorpartner und als wichtige inländische Kunden auch das Elektronikunternehmen Sony und der Autozulieferer Denso beteiligen.

Ist Shibata von Renesas neidisch darauf, dass die Regierung so viel Geld an ein ausländisches Unternehmen ausreicht? „Die kürzeste Antwort ist: Ja, absolut“, sagt Shibata. Seine Antwort wirft ein Schlaglicht darauf, dass Gaben der eigenen Regierung an ausländische Unternehmen immer auch heimische Unternehmen benachteiligen. Doch Shibata nimmt es sportlich. „Es ist eine Schande und schade, dass es in Japan kein Unternehmen gab, das das Interesse der Regierung fand.“ Es gebe viel Luft nach oben für private Unternehmen wie Renesas, stärker und größer zu werden, um die Aufmerksamkeit aller in Japan Beteiligten zu erlangen. Regierungen begründen Subventionen für die Halbleiterwirtschaft meist mit den vielen Milliarden an Investitionen, die jede neue Generation an Computerchips erfordert. Shibata lässt dieses Argument nicht gelten. „Ich glaube nicht, dass die Unterstützung der Halbleiterwirtschaft durch den öffentlichen Sektor oder Regierungen zwangsläufig notwendig ist“, sagt er. Doch sobald ein einzelnes Land mit der Unterstützung bestimmter Aktivitäten begonnen habe, müssten andere Länder nachziehen, um die Startbedingungen zumindest vergleichbar zu machen. Für die Investitionen in Yamanashi erhält Renesas nach Shibatas Angaben kein Geld vom Staat. Die Antragsfrist sei in dieser Runde schon abgelaufen gewesen. Künftige Finanzhilfen des Staats aber schließt er nicht aus.

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Eine Nachfragekorrektur scheint unumgänglich

Renesas und der 49 Jahre alte Shibata haben Erfahrung mit staatlicher Unterstützung und Industriepolitik. Entstanden war das Unternehmen bis 2010 aus der Fusion der Halbleitersparten der Elektronikgrößen Hitachi, Mitsubishi Electric und NEC. Es war der Versuch, im Halbleitergeschäft für Japan gegen die Konkurrenz aus Amerika und Taiwan zu retten, was noch zu retten war. 2012 wurde das finanziell angeschlagene Unternehmen von einem Konsortium des staatlichen Beteiligungsfonds INCJ und einer Reihe von Kunden von Toyota und Nissan über Denso bis Canon, Nikon und Panasonic herausgepaukt. Der letzte noch verbliebene große Chiphersteller sollte vor dem Zugriff ausländischer Investoren bewahrt werden.

Shibata war an der Rettung beteiligt, in einer führenden Position im INCJ. Er beschreibt die Ereignisse „nicht notwendigerweise“ als Bail-out, sondern als Bemühen, Renesas unter der Disziplin einer Beteiligungsgesellschaft zu revitalisieren. Das scheint unter der Leitung Shibatas, der 2013 zu Renesas wechselte und 2019 den Chefposten übernahm, gelungen. Die Verlustjahre bis 2014 hat das Unternehmen hinter sich gelassen. Der staatliche Beteiligungsfonds INCJ hat seinen Aktienanteil durch Verkäufe von 69 Prozent auf zuletzt 12,6 Prozent zurückgeführt. Mit einer Reihe von Zukäufen wie Intersil und IDT in Amerika und Dialog in Europa baute Renesas in den vergangenen Jahren seine Position in einem Wachstumsmarkt international aus.

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Die aktuelle Marktentwicklung aber beschreibt Shibata mit einiger Sorge. Während der Pandemie haben Kunden und Nutzer von Halbleitern ihre Lager reichlich aufgestockt und zum Teil wohl auch Überkapazitäten aufgebaut, um gegen Engpässe in den Lieferketten gewappnet zu sein. Das Phänomen ist in der Elektronikindustrie nicht neu und führt in der Regel zu einer Korrektur. Erste Anzeichen dafür erkennt Shibata in der sich abschwächenden Nachfrage am Endverbrauchermarkt für Computer und Smartphones. „Ob man es mag oder nicht, andere Bereiche werden dieser Entwicklung wahrscheinlich folgen“, sagt er. „Vielleicht gegen Ende dieses Jahres und für einige Zeit im nächsten Jahr“ werde es eine Nachfragekorrektur auch in anderen Bereichen geben.

Die Risiken anderer Störungen in der Weltwirtschaft, von Lockdowns in China über die Inflation im Westen bis zu angespannten Lieferketten, kommen zu dieser zyklischen Entwicklung noch dazu. „Aller Wahrscheinlichkeit nach werden diese Störungen die Korrektur größer ausfallen lassen“, vermutet Shibata. Das sei vielleicht die größte Folge dieses neuen Phänomens. Wird es zu einer globalen Rezession kommen? „Ich hoffe nicht“, sagt der Renesas-Chef. „Aber wir werden sehen.“

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Welter, Patrick
Patrick Welter
Korrespondent für Wirtschaft und Politik in Japan mit Sitz in Tokio.
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