Ronald Pofalla im Portrait

Der Kronprinz

Von Marc Felix Serrao
31.01.2017
, 21:20
Der ehemalige CDU-Politiker Ronald Pofalla will ganz an die Spitze der Deutschen Bahn.
Ronald Pofalla will Chef der Deutschen Bahn sein. Dafür tut der frühere CDU-Politiker alles. Der Abgang von Rüdiger Grube ist seine Chance – oder das Ende eines großen Traums.
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Rüdiger Grube ist ein kleiner Mann, und damit ihn jeder sehen kann, steht er an diesem Abend Mitte Januar auf einem Podest. Der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Bahn hat zum Neujahrsempfang in Berlin geladen, er will erzählen, wie modern der Staatskonzern unter ihm geworden ist. Grube trägt keine Krawatte, die gilt inzwischen selbst unter älteren Managern als altmodisch. Auch der Ort passt zur Botschaft.

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Die „DB Mindbox“ am S-Bahnhof Jannowitzbrücke ist der "Accelerator" der Bahn. Unter dem roten Backsteingewölbe arbeiten Start-ups an Geschäftsideen, die mit Mobilität und Infrastruktur zu tun haben. Grube könnte der Großvater der meisten Gründer hier sein. Jetzt verkündet der 65-Jährige, dass nicht nur die Bahn an der Spitze des Fortschritts stehe, sondern er selbst als eine Art silberhaariger Captain Future voransaust. „Was mich betrifft, werde ich neben dem Bereich Digitalisierung auch die Federführung von ,Zukunft Bahn' übernehmen“, liest er vom Blatt ab. Das Motto „Zukunft Bahn“ meint alle Maßnahmen, die den Service verbessern, vor allem die Pünktlichkeit.

Ganz hinten in der Mindbox lauscht Ronald Pofalla den Worten seines Chefs. Der 57-Jährige lässt ein halbvolles Rotweinglas vor seinem Bäuchlein von einer Hand in die andere wandern und verzieht keine Miene, auch nicht, als sein Name fällt. Der frühere CDU-Politiker und bisherige Vorstand für Wirtschaft, Recht und Regulierung leitet seit Jahresbeginn das Ressort Infrastruktur mit knapp 80.000 Mitarbeitern. Das ist, für alle Nicht-Eisenbahner, das Herz des Konzerns. Hier entscheidet sich, ob die Bahn ihren Daseinszweck erfüllen kann, Menschen pünktlich von A nach B zu bringen. Bei jährlich etwa 130 Millionen Fahrten im Fernverkehr bewegt das nicht nur Captain Grube, sondern die halbe Republik.

Drei denkbare Szenarien nach Grubes Abgang

Ronald Pofalla bewegt die Frage auch. Der Mann, der an diesem Abend in der letzten Reihe steht, will den Mann auf dem Podest beerben. Das sagt er nicht offen, aber das sagen alle, die ihn kennen. Es wäre eine spektakuläre zweite Karriere. Pofalla war von 2005 bis 2009 Generalsekretär der CDU und danach bis 2013 Kanzleramtschef. 24 Jahre lang saß er für den nordrhein-westfälischen Wahlkreis Kleve im Bundestag. Ein halbes Leben für die Politik. Und nun das. Kann so ein Mann den Riesenkonzern Bahn mit seinen 300.000 Mitarbeitern lenken? Es gibt Leute, die sagen: absolut. Andere sagen: um Gottes Willen, bloß nicht!

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Der Kronprinz selbst stand für ein Gespräch nicht zur Verfügung, weder an diesem Abend noch danach. Die Vorsicht ist nachvollziehbar. Eigentlich sollte der Aufsichtsrat Grubes Vertrag an diesem Montag bis Ende 2020 verlängern – und Pofalla in der Zeit für den Spitzenposten vorbereitet werden. Doch dann kam alles anders: Der Aufsichtsrat wollte Grube dem Vernehmen nach nur bis 2019 beschäftigen. Vor allem die Unternehmerseite soll mit seiner Leistung unzufrieden gewesen sein. Daraufhin trat Grube noch am Montag im Streit zurück. Bis ein Nachfolger gefunden ist, führt Finanzvorstand Richard Lutz den Konzern.

Kanzlerin Angela Merkel (links) galt als wichtigste Beraterin des CDU-Politikers.
Kanzlerin Angela Merkel (links) galt als wichtigste Beraterin des CDU-Politikers. Bild: dpa

Damit hatte keiner gerechnet. Auch Verkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) nannte Grubes Abgang eine „so nicht zu erwartende Wendung“. Was das Machtvakuum für Pofalla bedeutet, will derzeit niemand kommentieren. Drei Szenarien sind denkbar. Entweder entscheidet sich der Aufsichtsrat für einen Übergangskandidaten, der dann in ein paar Jahren Platz macht – aber wer tut sich so etwas an? Oder er findet auf die Schnelle einen echten Ersatz von außen.

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Das Profil hat es in sich: Der (oder die) Neue müsste a) ein erfahrener Spitzenmanager sein, der sich b) mit politischen Zwängen auskennt und c) bereit ist, für eine angesichts der Konzerngröße unterdurchschnittliche Gesamtvergütung von zuletzt knapp zweieinhalb Millionen Euro zu arbeiten. Ein Name, der schon früher fiel, ist Andreas Meyer. Der Jurist war bis 2006 Manager der Deutschen Bahn und ist seit zehn Jahren Chef der ebenfalls staatseigenen Schweizer Bundesbahnen.

Pofalla ist immer für Überraschungen gut

Oder aber Pofalla übernimmt jetzt gleich das Ruder. Es gibt Bahn-Experten, die meinen, für den CDU-Mann sei das Rennen gelaufen. Grubes Abgang komme zu früh; er habe im Infrastrukturressort noch nicht beweisen können, dass er den Spitzenjob im Kreuz hat. Ideal ist das Timing für ihn sicher nicht. Aber der Mann ist für Überraschungen gut.

Als Pofalla 2015 zur Bahn wechselte, dachten viele, der Politiker wollte sich bei einem Vorstandsgehalt von aktuell knapp 700.000 Euro jährlich plus Boni noch ein paar lockere Jahre im Staatskonzern machen. Das erste halbe Jahr war Pofalla nur „Generalbevollmächtigter für politische und internationale Beziehungen“. Das Vorspiel war nötig, da sein flotter Wechsel aus der Politik viel Kritik provozierte. Heute, nach eineinhalb Jahren im Vorstand, wissen auch die Bahnmanager: Der kann was. Genauer: Der kann gefährlich werden.

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Volker Kefer, Pofallas Vorgänger im Ressort Infrastruktur, galt lange als Grubes Nachfolger. Dann wurden dem heute 61-Jährigen die aus dem Ruder laufenden Kosten der Großbaustelle „Stuttgart 21“ zum Verhängnis. Ende 2016 verließ er den Konzern. Grube und Pofalla hätten Kefer „entsorgt“, sagt einer, der die Beteiligten kennt.

Wer weiß, vielleicht kommt der Geschasste jetzt zurück? Wahrscheinlich ist das nicht. Aber wenn man im Bahnkonzern vor Montag herumgefragt hätte, ob sich jemand vorstellen kann, dass Grube hinwirft, wäre man ausgelacht worden. Von den anderen Herren im Vorstand galt bislang keiner als CEO-tauglich. Nur Pofalla. Der sei ein anderes Kaliber, hungriger und härter.

Ein gutes Auge für die richtigen Leute

Grubes Kronprinz arbeitet schon sein Leben lang an seinem Aufstieg. Der Vater war Fabrikarbeiter, später Wachmann, die Mutter ging putzen. Sie starb an Krebs, da waren die drei Kinder gerade aus dem Haus. Irgendetwas müssen die Eltern richtig gemacht haben. Pofallas älterer Bruder ist Unternehmer geworden, seine Zwillingsschwester Kauffrau. Er selbst hat die wildeste Karriere gemacht, von der Hauptschule im nordrhein-westfälischen Örtchen Weeze übers Kanzleramt an die Spitze eines der größten Konzerne des Landes. Also fast.

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Pofalla studierte erst Sozialpädagogik, danach legte er noch ein Jurastudium drauf. Seine eigentliche Ausbildung aber erhielt er bei der CDU, der er seit seinem 16. Lebensjahr angehört. Pofalla hat die Ochsentour gemacht, vom Gemeinderat in Weeze über den Kreis, den Bezirk und das Land bis zum Bund. Die kleinen und großen Deals der Politik, die Bündnispflege und die Feindbekämpfung: All die Dinge, die er heute in Vollendung beherrscht, hat er hier gelernt. Pofalla ist 31 Jahre alt, als er 1990 über die Landesliste zum ersten Mal in den Bundestag kommt. Sein jungenhaftes Aussehen und die helle Stimme vollenden den Eindruck des netten Nachwuchspolitikers vom Niederrhein. Eine gute Tarnung.

Der Mann aus Weeze identifiziert schnell die richtigen Leute. „Pizza Connection“ nannte sich das Netzwerk aus der Bonner Osteria Sassella, wo junge Konservative und junge Grüne sich trafen, kritisch beäugt von ihren Altvorderen. Mit der fünf Jahre älteren Angela Merkel freundet Pofalla sich schon Anfang der Neunzigerjahre an. Sie wird seine wichtigste Begleiterin.

Auf den ersten Blick hat Grube Pofalla geschadet

Die Verbindung hält selbst, als Merkel ihrer Partei als Generalsekretärin in der Spendenaffäre 1999 empfiehlt, sich von Helmut Kohl zu lösen. Pofalla ist damals seit sechs Jahren Mitglied der Anwaltskanzlei Holthoff-Pförtner. Kohls Kanzlei. CDU-Leute, die glauben, Nibelungentreue zahle sich in der Politik aus, werfen Merkel damals Verrat vor. Nicht Pofalla.

Vorstandsvorsitzender
Bahnchef Grube tritt zurück
© reuters, reuters

Sechs Jahre später wird Merkel Kanzlerin und Pofalla ihr Generalsekretär. 2009 macht sie ihn zum Kanzleramtschef. Pofallas Bilanz ist durchwachsen. Er macht Fehler, etwa, als er im Sommer 2013 die Spitzeleien des amerikanischen Geheimdienstes NSA verharmlost - und im Herbst herauskommt, dass selbst das Handy der Kanzlerin abgehört wurde. Die Prügel bezieht er, nicht die Kanzlerin. Wenn er ihr geschadet hätte, dann wäre das nach Merkels Regeln sein politisches Ende gewesen.

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Die Frage ist: Was wird aus seinem zweiten Leben? Hat Grube seinem Kronprinzen durch den plötzlichen Abgang geschadet? Auf den ersten Blick: ja. Auf den zweiten Blick macht der Rücktritt „mit sofortiger Wirkung“ aber auch stutzig. Warum ist Grube nicht geblieben, bis der Aufsichtsrat einen geeigneten Nachfolger gefunden hat und eine geordnete Übergabe stattfinden kann? Wollte er Pofallas Chancen dadurch erhöhen?

Der Aufsichtsrat ist jetzt unter Zugzwang. Die Bahn ist der politischste Konzern des Landes, und in acht Monaten ist Bundestagswahl. Auch Angela Merkel hat ein Interesse an einer raschen Personalentscheidung. Kronprinz Pofalla ist ein alter Freund der Kanzlerin. Aber das weiß auch die SPD. Sie wird die Personalie so kurz vor der Wahl ganz sicher nicht einfach durchwinken. Will Merkel ihren Mann an die Spitze bugsieren, dann muss sie ihrem Koalitionspartner dafür an anderer Stelle irgendeinen wirklich guten Deal oder Posten anbieten. Ist Pofalla das wert? Oder, unpolitischer gefragt: Soll der Mann überhaupt Bahnchef werden?

„Ich kann deine Fresse nicht mehr sehen.“

Da sind zuerst die sogenannten Soft Skills. Pofalla steht im Ruf, sehr charmant sein zu können, wenn alles so läuft, wie er will. Aber wehe, wenn nicht. Als sich Talkshow-Profi Wolfgang Bosbach 2011 in der Diskussion über die Euro-Rettung nicht auf Regierungslinie bringen lassen wollte, brüllte ihn der damalige Kanzleramtschef mit den Worten an: „Ich kann deine Fresse nicht mehr sehen.“ Später bat Pofalla um Entschuldigung, und Bosbach nahm an. Seither heißt es aus Pofallas Umfeld, das Ganze sei ein Ausrutscher gewesen. Sicher, er sei machtbewusst, aber Kritik halte er aus, er fordere sie sogar ein.

Andere Stimmen, auch aus dem Berliner Bahntower, behaupten das Gegenteil. Etliche Führungskräfte des Konzerns sind oder wurden seit Pofallas Antritt im Vorstand gegangen, allen voran die frühere Leiterin der Rechtsabteilung, Marianna Motherby. Offiziell ist sie im vergangenen Sommer im Einvernehmen ausgeschieden. Unsinn, heißt es im Unternehmen. Pofalla sei so oft cholerisch geworden, dass sie das Handtuch geworfen hat.

Kann ein ehemaliger Spitzenpolitiker ein großes Unternehmen leiten? Pofalla will es unbedingt.
Kann ein ehemaliger Spitzenpolitiker ein großes Unternehmen leiten? Pofalla will es unbedingt. Bild: Katja Hoffmann/laif

Auch die fachliche Qualifikation des Quereinsteigers wirft Fragen auf. Vorbilder gibt es in Deutschland keine. Der letzte Spitzenpolitiker, der sich in die Spitzenwirtschaft gewagt hat, war Pofallas Parteifreund Roland Koch. Hessens früherer Ministerpräsident wurde 2011 Vorstandschef des Mannheimer Baukonzerns Bilfinger. Er hielt sich drei Jahre, dann stolperte er über zwei Gewinnwarnungen binnen weniger Wochen.

Großkonzerne sind Schlachtfelder der besonderen Art

Politiker glauben gerne, sie hätten den härtesten Job der Welt. Er ist auch hart, beruflich wie privat; Pofalla ist zum dritten Mal verheiratet. Aber Großkonzerne sind Schlachtfelder der besonderen Art. Sicher hilft es, wenn man viele Informationen aufnehmen kann und wenig Schlaf braucht. Aber es reicht nicht, um an der Spitze Erfolg zu haben. Gute CEOs haben ein hohes Abstraktionsvermögen, sie sind rechenstark und können Märkte lesen wie andere Leute Comics.

Wer es gut meint mit Pofalla, könnte einwenden, dass die Bahn ja gar kein echtes Unternehmen, sondern eine Art rollender Wurmfortsatz der Politik ist. Pläne früherer Regierungen und Konzernchef Hartmut Mehdorns Lieblingsprojekt, die Bahn an die Börse zu bringen? Vom Tisch. Wettbewerb? Die Bahn hat im Schienennetz bis heute das Sagen. Das reduziert den Konkurrenzdruck auf ein Minimum. Seit Jahren beschweren sich private Verkehrsunternehmen, dass sie gegängelt werden. Wenn etwa ein verspäteter ICE durch einen Verkehrsknotenpunkt fahre, so der Vorwurf, dann müssten sie warten und ihre Fahrgäste später für den Rückstand entschädigen.

Bahn-Konkurrenten fürchten Pofalla

Die Firma Transdev (Nord-West-Bahn, Bayerische Oberlandbahn u.a.) hat den Staatsriesen deshalb vor dem Landgericht Frankfurt verklagt. „Wir sehen mit großer Sorge, dass der DB-Vorstand offenbar das Rad der Geschichte zurückdrehen will, indem er längst überholt geglaubte Strukturen aus Bundesbahn-Zeiten wieder etabliert, als würde es keine zwei Jahrzehnte Bahnreform, keinen Wettbewerb auf der Schiene und keine mit der DB konkurrierenden Verkehrsunternehmen in Deutschland geben“, sagt Vorstandschef Christian Schreyer. Die Bahn-Konkurrenten fürchten, Pofalla werde noch stärker dafür sorgen, dass auf der Schiene die Interessen seines Konzerns durchgesetzt werden.

Das ist die Pointe. Für eine privatisierte Bahn wäre Pofalla vermutlich unterqualifiziert, aber für die Bahn als Staatskonzern passt einer wie er. Der Mann atmet Politik. Er kennt den Eigentümer besser als jeder andere im Konzern. Und er dürfte alles dafür tun, die Pünktlichkeit der eigenen Züge zu erhöhen, selbst wenn er den Wettbewerb damit ausbremst. Den allermeisten Reisenden wird das egal sein.

Was kann Pofallas Aufstieg noch verhindern? Bis zu dieser Woche war die Bundestagswahl Ende September der größte Unsicherheitsfaktor: Wenn die Kanzlerin wiedergewählt wird, egal mit welchem Partner, dann hätte Pofalla politisch nichts mehr im Weg gestanden. Doch dann gab es diese Aufsichtsratssitzung, an deren Ende Rüdiger Grube nicht mehr Captain Future, sondern Vergangenheit war. Der Mentor ist weg. Der Kronprinz muss alleine kämpfen.

Quelle: F.A.S.
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