Christian Klein

SAP-Chef fordert ein Digitalministerium

Von Bernd Freytag
20.09.2021
, 19:07
Christian Klein, der Chef des Software-Riesens SAP.
Um die Digitalisierung voranzutreiben brauche es „Mut und Führung von oben“, sagt der SAP-Chef Christian Klein. Doch selbst die eigenen Kunden hadern noch mit dem Möglichkeiten der Digitalisierung.
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SAP-Chef Christian Klein hat sich vor der Bundestagswahl für ein eigenes Digitalministerium ausgesprochen. Er sei enttäuscht, wie wenig in der bisherigen Debatte über das wichtige Thema Digitalisierung geredet worden sei, sagte er bei einem Pressegespräch vor dem jährlichen Kongress der Kundenvereinigung DSAG. SAP haben neben der Corona-Warn-App weitere Vorschläge unterbreitet, um die Pandemie zu bekämpfen. Ein Programm zur Belegung von Intensivbetten etwa oder eines zur Steuerung von Zuschüssen für Restaurantbetreiber. Er würde sich wünschen, er müsse deswegen nicht mit acht Ministerien sprechen. Um die Digitalisierung voranzutreiben brauche es „Mut und Führung von oben“.

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Die Voraussetzungen in Deutschland – Verwaltung, Universitäten, Gesundheitswesen – seien eigentlich sehr gut. Was fehle, sei ein Bewusstseinswandel. Als Beispiel nannte er die Diskussion um die von SAP mitentwickelte Corona-Warn-App. „35 Millionen Menschen teilen über Facebook freiwillig ihre Daten, und wir diskutieren ernsthaft, ob wir die Daten für die Pandemie mit den Gesundheitsämtern teilen.“ In Deutschland müsse weniger emotional, mehr faktenbasiert über Daten gesprochen werden. Klein, Sohn eines CDU-Landtagsabgeordneten, hat nach eigenem Bekunden schon per Brief gewählt. Wen, sagt er nicht.

Das Treffen der DSAG zeigt allerdings, dass die Digitalisierung auch bei den SAP-Nutzern und damit in großen Teilen der Wirtschaft nicht so schnell vorankommt wie erhofft. Noch würden die Potentiale nicht ausgeschöpft, sagte DSAG-Vorstandschef Jens Hungershausen zu der traditionell vor dem Treffen durchgeführten Kundenbefragung. „Die Akzeptanz von Cloud-Lösungen bei den Anwendungen ist noch ausbaufähig.“

Die IT-Budgets sind nach Hungershausens Worten durch die Pandemie zwar nicht so stark in Mitleidenschaft gezogen worden wie noch im Vorjahr befürchtet. Dennoch habe Corona zu einem Dilemma geführt. Viele Unternehmen seien aktuell mit der Existenzsicherung beschäftigt, es fehle der Mut zu Veränderungen. „Der Schwung von 2020 hat nachgelassen.“ Zuversichtlich, mit der Digitalisierung schnell voranzukommen, seien nur noch 54 Prozent der von der DSAG befragten Unternehmen. Im Vorjahr seien es noch 61 Prozent gewesen. Umgekehrt zeigt sich: Die Zahl derer, die nach eigener Einschätzung nur langsam vorankommt mit der Digitalisierung sei von 34 auf 38 Prozent gestiegen.

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Die DSAG vertritt nach eigenen Angaben 3700 Unternehmen und ist deshalb für SAP der wichtigste Gradmesser im deutschsprachigen Raum. Abermals Kritik äußert die Vereinigung an den Integrationsbemühungen des Konzerns. Klein hatte in einem bemerkenswerten Strategieschwenk vor einem Jahr die Reißleine gezogen und versprochen, vor weiteren Zukäufen zunächst die für mehr als 30 Milliarden Euro zugekauften Lösungen zu integrieren. Das Integrationsversprechen galt auf Druck der Altkunden auch für sogenannte „On-Pre­mise“-Lösungen, also für Programme, die nicht via Cloud gemietet werden, sondern herkömmlich auf Rechnern der Kunden installiert.

Veränderung muss her

Im Rahmen der Befragung beurteilen jetzt allerdings nur 28 Prozent der Unternehmen den Stand der Integration mit gut. Je 14 Prozent nannten sie unzureichend oder gar mangelhaft. Hungershausen sagte, das Ergebnis sollte ein Weckruf sein für SAP.

Klein, der den Altkunden schon deutlich mehr entgegengekommen ist als sein Vorgänger Bill McDermott, zeigte sich verstimmt. SAP habe mit der Integration sehr große Fortschritte gemacht, jetzt müssten die Kunden aber auch ihre Systeme migrieren. Auch Apple stelle schließlich nicht jede neue Entwicklung auch noch für ein altes iPhone 6 bereit. Die wichtigsten SAP-Konkurrenten hätten sich schon ganz von On-Premise-Lösungen verabschiedet.

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SAP biete den Kunden nach Kleins Worten „weiter jede Menge Hilfestellungen an“. Das eigens aufgelegte Migrationsprogramm „Rise“ werde sehr gut angenommen. Er wisse aus eigener Erfahrung, welche Anstrengungen in einer solchen Transformation nötig seien. Als zuständiger Ressortvorstand habe er auch bei SAP dafür „einige Wände durchbrechen“ müssen.

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Klein zeigte sich davon überzeugt, dass die Zukunft in der Cloud liege. Um das volle Potential auszuschöpfen, reiche es nicht, die Software technisch zu migrieren. Gefordert sei eine umfassende Anpassung der Geschäftsprozesse, sagte er. „Der Wandel muss sich ganzheitlich vollziehen.“

Als Beispiel, welche Möglichkeiten die Datenverwaltung in der Cloud biete, nannte er den Klimawandel. Heute redeten zwar alle Unternehmer über Klimaziele, „aber die wenigsten kennen ihren CO2-Fußabdruck“. Über ein cloudbasiertes Geschäftsnetzwerk sei es hingegen möglich, auch den CO2-Ausstoß von Lieferanten und Transportunternehmen mit zu erfassen und in die eigene Bilanz einzurechnen.

Quelle: tag.
Bernd Freytag  - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Bernd Freytag
Wirtschaftskorrespondent Rhein-Neckar-Saar mit Sitz in Mainz.
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