Schiffsreisen

Eine Kreuzfahrt, die wird billig

Von Ulrich Friese und Johannes Ritter
16.05.2009
, 10:00
„Mein Schiff” am Cruise Terminal im Hamburger Hafen
Früher waren Kreuzfahrtschiffe ein Tummelplatz der Reichen und Schönen. Heute verbringen auch die Ärmeren und weniger Schönen dort ihren Urlaub. Schon wieder wirbt ein neues Kreuzfahrtschiff um die Gunst der Pauschaltouristen. Aber Anbieter Tui kommt ziemlich spät zur Party.
ANZEIGE

Der Raum heißt „Glanzlicht“. Wer ihn betritt, denkt: eine Zahnarztpraxis, für Privatpatienten. So weiß, so edel. Doch der Blick nach draußen lässt keine Missverständnisse aufkommen. Wir sind neun Stockwerke über dem Wasser und schauen vom Wasser über den Hamburger Hafen. Das Stockwerk heißt „Aqua“ und gehört zu „Mein Schiff“. So heißt das neue Kreuzfahrtschiff des Reisekonzerns Tui, das in der Nacht zum Samstag seine große Taufe erlebte. Im „Glanzlicht“ arbeiten Fachärzte für ästhetisch-plastische Chirurgie – ein Novum im bunten Angebotsreigen der Kreuzfahrtplaner. Die Schönheitsspezialisten spritzen Botox und glätten die Falten oder weißeln die Zähne. Operiert wird aber nicht: „Unsere Gäste sollen hier ja nicht mit Schlauchbootlippen oder einem Pflaster auf der Nase herumlaufen“, sagt Richard Vogel.

Vogel führt die Tui Cruises GmbH und hat damit auch das (wirtschaftliche) Kommando über „Mein Schiff“. Seine beiden Gesellschafter, der weltgrößte Reisekonzern Tui aus Hannover und der amerikanische Kreuzfahrtriese Royal Caribbean, gaben ihm das nötige Startkapital – und ein Schiff: die 1996 gebaute „Galaxy“. Vogel durfte 50 Millionen Euro in die Hand nehmen, um den 13 Jahre alten, amerikanischen Kahn auf die Höhe der Zeit und den Geschmack deutscher Kunden zu bringen. Von außen sieht man das dem Schiff nicht an. Es wirkt altbacken und konventionell. Innen jedoch kommt es überall dort frisch und angenehm daher, wo die grausamen Verirrungen amerikanischer Schiffsdesigner herausgerissen wurden.

Kein Privatvergnügen der Reisen mehr

ANZEIGE

Aber reicht das aus, um den Einstieg in das Kreuzfahrt-Massengeschäft – bislang tummelte sich Tui über Hapag-Lloyd-Kreuzfahrten nur im Luxussegment – zu einem wirtschaftlichen Erfolg zu führen? „Ja“, sagt Vogel. Er räumt ein, dass sich die Rahmenbedingungen seit dem Start des Gemeinschaftsprojekts im Jahr 2007 verschlechtert hätten. Aber das Marktpotential für das Tui-Schiff, das Platz für 2000 Passagiere hat, sei nach wie vor groß genug. Das behaupten auch die Wettbewerber. Denn auch sie haben tüchtig neue Schiffe bestellt, die nun – inmitten der Wirtschaftskrise – gefüllt werden müssen. Allein in diesem Jahr wollen die führenden Reedereien in Europa und in Nordamerika mehr als zehn Schiffe taufen. Tui-Partner Royal Caribbean will spätestens im Herbst die größte „schwimmende Kleinstadt“ der Welt vom Stapel laufen lassen: „Oasis of the Seas“ lautet der protzige Name für den 1,2 Milliarden Dollar teuren Erlebnistempel auf See, der Platz für 5400 Passagiere sowie kurzweilige Zerstreuung auf sieben verschiedenen Zwischendecks bieten soll.

Hotel oder Schiff? Beides: Von Zuschauerbooten umringt fährt das Tui-Kreuzfahrtschiff „Mein Schiff” im Hamburger Hafen zur Taufe.
Hotel oder Schiff? Beides: Von Zuschauerbooten umringt fährt das Tui-Kreuzfahrtschiff „Mein Schiff” im Hamburger Hafen zur Taufe. Bild: dpa

Relativ bescheiden nehmen sich dagegen die geplanten Schiffstaufen des deutschen Marktführers Aida Cruises oder des italienischen Konkurrenten Mediterranean Shipping Company (MSC) aus, die mit ihren Neuheiten wie „Aida Luna“ (2050 Passagiere) oder „MSC Splendida“ (3300) ihre Marktpositionen verteidigen wollen. Nach Ansicht von Falk-Hartwig Rost herrscht immer noch Goldgräberstimmung bei den Anbietern von Kreuzfahrten: „Diese Form von Pauschaltourismus ist kein Privatvergnügen der Reichen mehr, sondern längst für Normalverdiener attraktiv und erschwinglich“, sagt der Deutschland-Statthalter von MSC Kreuzfahrten. Sein Unternehmen hat sich auf das preislich gehobene Marktsegment für Mittelmeer-Touren spezialisiert und will vom Wachstum der Branche profitieren.

ANZEIGE

1,2 Millionen Touristen in die Karibik oder nach Skandinavien

Befördern die neun MSC-Kreuzer bislang etwa 800 000 Passagiere pro Jahr, soll sich die Flotte Mitte kommenden Jahres auf elf Schiffe vergrößern und dann mindestens 1,2 Millionen Touristen pro Jahr in die Karibik oder bis an die Küste von Skandinavien schippern. Auch Branchenführer Carnival sowie dessen Tochtergesellschaften Aida und Costa Crociere locken die Aussichten auf wachsende Märkte in Europa, wobei der deutsche Markt hinter Großbritannien auf dem zweiten Platz rangiert. Dank des hohen Zuspruchs verbuchten die Anbieter von Hochseekreuzfahrten in Deutschland 907 000 Passagiere im vergangenen Jahr. Das entspricht einem Wachstum von fast 19 Prozent. Der Trend dürfte sich auf mittlere Sicht mit zweistelligen Zuwachsraten pro Jahr fortsetzen. Bis 2012, so schätzt der heimische Branchenverband DRV, dürfte die Zahl der deutschen Kreuzfahrttouristen auf 1,5 Millionen klettern.

Gemessen am Marktvolumen der Touristikindustrie, nimmt sich der Kreuzfahrtumsatz in Deutschland, der 2008 um 18 Prozent auf 1,7 Milliarden Euro zulegte, freilich sehr bescheiden aus: Immerhin steigerten die heimischen Reiseveranstalter ihre Erlöse im vergangenen Jahr um 5,5 Prozent auf 21,4 Milliarden Euro. Gleichzeitig wuchsen die Ausgaben der deutschen Urlauber von 60,6 Milliarden auf 61,5 Milliarden Euro. „Das Potential für Kreuzfahrtreisen ist in Deutschland riesig“, sagt MSC-Manager Rost, wobei er seine favorisierte Zielgruppe mit jenen 35 Millionen Touristen beziffert, die in Deutschland jedes Jahr eine Pauschalreise für sich oder ihre Familie buchen. Ähnlich lautet das Ziel von Tui Cruises: Künftige Stammkunden will der Neueinsteiger bei den heimischen „Baby-Boomern“ rekrutieren: Also den Vertretern der geburtenstarken Jahrgänge, die mehr als 35 Jahre alt und über ein Haushaltsnettoeinkommen von mindestens 3000 Euro pro Monat verfügen.

ANZEIGE

Bisherige Hotelurlauber sollen auf die Schiffe gelotst werden

Aida glaubt, fortan noch stärker im Revier von Pauschalreiseanbietern wie Tui wildern zu können: „Wir leben davon, dass wir bisherige Hotelurlauber auf unsere Schiffe lotsen“, sagt Michael Thamm, Chef der deutschen Aida Cruises, „das könnte in diesem wirtschaftlich schwierigem Klima sogar noch einfacher sein.“ Seine Gesellschaft, die den deutschen Markt für Hochseekreuzfahrten mit einem Marktanteil von 40 Prozent dominiert, registriert für die kommende Sommersaison Buchungsraten, die 25 Prozent über den Werten des Vorjahres liegen. Im Vorgriff auf die steigende Nachfrage sollen insgesamt 2 Milliarden Euro in sechs neue Schiffe investiert werden. Probleme bei der Finanzierung seines Vorhabens hat Thamm nicht: „Dank unseres kapitalstarken Mutterkonzerns sind alle Neubauten bis 2012 gesichert“, sagt er.

Im Gegensatz zu Carnival will der amerikanische Rivale Royal Caribbean den zukunftsträchtigen Markt nicht einer Tochtergesellschaft vor Ort oder gar dem neuen Bündnispartner Tui Cruises überlassen. „Wir bauen unser Engagement in Europa weiter aus, indem wir acht Schiffe dort einsetzen“, kündigte Adam Goldstein, der Präsident des amerikanischen Konzerns, an. Dass die Kreuzfahrtriesen aus Übersee ihre Vergnügungsdampfer nun verstärkt in das „alte Europa“ schicken, hat freilich auch mit der weniger erfreulichen Entwicklung in ihrem Heimatmarkt zu tun. Wegen der Wirtschaftskrise kämpft so mancher Anbieter mit Auslastungsproblemen. Und selbst wenn die Schiffe voll sind, so bedeutet dies noch lange nicht, dass sie auch ordentlich Geld verdienen. Denn die Amerikaner haben ein anderes Preiskonzept: Sie locken mit niedrigen Übernachtungspreisen – und verlangen anschließend hohe Preise an Bord. Doch dieser Ausgleich funktioniert nicht mehr: Auf See halten die Amerikaner jetzt ihr Geld zusammen.

Die Amerikaner treffen nicht unbedingt den Geschmack der Deutschen

Auch wenn die großen amerikanischen Schiffe nicht unbedingt den Geschmack der Deutschen treffen. Gepaart mit den vielen neuen Schiffen, die europäische Anbieter in diesem und im nächsten Jahr auf Tour schicken, erhöhen sie das Angebot merklich. Dass der Markt schon jetzt nicht mehr so rosig ist wie in den vergangenen Jahren, zeigt sich an folgenden Ereignissen: Im April nahm der Bremer Seereisenanbieter Transocean die „Astoria“ aus dem Verkehr – immerhin das Schiff, das einst als ZDF-„Traumschiff“ auf den sieben Meeren unterwegs war. Im Dezember hatte Phoenix-Reisen bereits den Betrieb des Kreuzfahrtschiffes „Maxim Gorki“ eingestellt. Nun könnte man einwenden: Das waren alte Schiffe, die gegenüber die Phalanx der adretten Frischlinge einfach nicht mehr wettbewerbsfähig waren. Doch das griffe zu kurz. Längst ist erkennbar, dass das erhöhte Angebot auf der einen und die Wirtschaftskrise auf der anderen Seite Spuren hinterlassen in der sonnenverwöhnten Kreuzfahrtbranche.

ANZEIGE

Denn viele Anbieter drehen hart an der Preisschraube – zugunsten der Gäste, also nach unten. Der europäische Marktführer Costa hat schon im vergangenen Jahr für Aufsehen gesorgt, als er seine Kataloge für 2009 neu auflegte, um darin Preissenkungen von bis zu 30 Prozent unterzubringen. Im März stellte Deutschland-Statthalter Heiko Jensen die Kreuzfahrtkataloge für 2010 vor. Darin wimmelt es von „Bonus-Preisen“ und „Super-Spar-Preisen“. So lässt sich beispielsweise eine Wochentour rund um Dubai für 399 Euro buchen; im laufenden Jahr sind dafür noch mindestens 599 Euro fällig. Je nach Fahrtgebiet finden sich in der Spitze also abermals Preisnachlässe von bis zu 30 Prozent. Und das betrifft nicht nur die Paketreisepreise. Auch für etliche Extras und Dienstleistungen an Bord müssen viele Costa-Kunden fortan bis zu 20 Prozent weniger berappen. Die Preisschlacht ist also schon in vollem Gange. Dies dürfte – Auslastung hin oder her – nichts Gutes verheißen für die künftigen Renditen im Kreuzfahrtgeschäft.

Für den Winter sieht es noch düster aus

Und was heißt das für „Mein Schiff“? „Wir sind auch nicht davor gefeit, flexibler mit den Preisen zu arbeiten“, sagt Tui-Cruises-Chef Vogel. Mit den Buchungen für den Sommer ist er zufrieden, sagt er, ohne auch nur eine konkrete Zahl nennen zu wollen. Für den Winter sieht es aber offenbar noch ziemlich düster aus. Trotzdem hält Vogel an seinem Wachstumsplan fest: Bis 2012 sollen zwei weitere Tui-Schiffe in See stechen. Und wie soll das nächste Tui-Schiff dann heißen? „Dein Schiff“? Oder „Unser Schiff“? Vogel lächelt gequält. „Auch der nächste Name fängt auf jeden Fall mit ‚Mein‘ an“, sagt er, ohne mehr verraten zu wollen. Wie wäre es mit: „Meine Güte“.

Quelle: F.A.Z.
Ulrich Friese - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Ulrich Friese
Redakteur in der Wirtschaft.
Autorenporträt / Ritter, Johannes
Johannes Ritter
Korrespondent für Politik und Wirtschaft in der Schweiz.
Twitter
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot
Kapitalanalge
Pflegeimmobilien als Kapitalanlage der Zukunft
Sprachkurse
Lernen Sie Englisch
Immobilienbewertung
Verkaufen Sie zum Höchstpreis
Zertifikate
Ihre Weiterbildung im Projektmanagement
SUV
Premium-SUVs zum Gebrauchtwagenpreis
Baufinanzierung
Erhalten Sie Ihren Bauzins in 3 Minuten
ANZEIGE