VW übernimmt Europcar

So will Volkswagen Carsharing profitabel machen

Von Carsten Germis
29.07.2021
, 16:44
Eine Filiale von Europcar
Immer mehr Menschen wollen Autos nur noch fahren, wenn sie sie wirklich brauchen. Doch noch lohnt sich Car Sharing kaum. VW-Chef Diess will das ändern.

Volkswagen will mit der milliardenschweren Übernahme des Leihwagenunternehmens Europcar zu einem führenden Mobilitätsanbieter aufsteigen. Konzernchef Herbert Diess kündigte am Donnerstag an, den europäischen Autovermieter in eine Plattform für Angebote rund um Carsharing, Mitfahrdienste und Abo-Modelle umzubauen. Volkswagen wolle kein Leihwagengeschäft kaufen, sagte er. „Es geht darum, Synergien für neue Mobilitätsdienstleistungen zu heben.“

Das französische Unternehmen, das vor 15 Jahren schon einmal dem Wolfsburger Konzern gehörte, werde mit der Übernahme zum Kern der neuen Strategie, mit der Diess den Autobauer auf den Wandel der Mobilität vorbereitet, hieß es. Ein Konsortium unter Führung von Volkswagen hatte sich am Vorabend mit den Europcar-Eignern auf den Preis für die Übernahme geeinigt.

Europcar hat eine Autoflotte von mehr als 350.000 Fahrzeugen und mehr als 3500 Leihstationen in mehr als 140 Ländern mit mehr als fünf Millionen Kunden im Jahr. Diess schwebt vor, auf der Grundlage dieses Netzwerks eine Plattform aufzubauen, auf der Angebote vom Leihwagen bis zum Carsharing gebucht werden können. Volkswagen brauche eine Plattform, die die steigende Nachfrage bedienen, aber auch eine breite Palette an Angeboten anbieten könne.

Andere Dienste sollen in Europcar integriert werden

Er rechne damit, dass der Markt schnell wachse, sagte Diess. „Der Mobilitätsmarkt verändert sich rasant.“ Kunden wünschten sich zunehmend neue Angebote, beispielsweise Abo- oder Sharing-Modelle als Alternative zum eigenen Auto. Europcar verfüge über ein breites Netz von Standorten an Flughäfen, Bahnhöfen und in den Innenstädten. „Das wird uns dabei helfen, unsere ambitionierten Ziele zum Ausbau der Mobilitätsdienstleistungen schneller zu erreichen“, sagte Diess.

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Auch andere Automobilunternehmen richten sich auf ein verändertes Nutzungsverhalten vor allem jüngerer Kunden ein, die Autos nicht mehr besitzen, sondern für kurze Zeit mieten oder abonnieren wollen. Volkswagen verfügt unter der Marke WeShare in einigen Städten bereits über Aktivitäten im Carsharing und bietet mit den Sammeltaxis der Konzerntochter Moia bereits in Hamburg und in Hannover seit einiger Zeit Mitfahrdienste an. Das Problem: Der Ausbau kommt nur langsam voran, außerdem wirft das Geschäft in der Anfangsphase kaum Geld ab. Volkswagen will WeShare und andere Dienste deswegen schnell in Europcar integrieren.

„Die Kombination von Vermietung und Carsharing ist wahrscheinlich der einzige Weg, um Carsharing profitabel zu machen“, sagte Diess in einer Telefonkonferenz mit Journalisten anlässlich der Präsentation der Geschäftszahlen für das erste Halbjahr. Einer der Konkurrenten, auf den VW auch schon ein Auge geworfen hatte, ist ebenfalls auf diesem Weg.

Europcar ist fast drei Milliarden schwer

Der Münchner Autovermieter Sixt verfügt bereits über eine Mobilitätsplattform, mit deren Hilfe das klassische Verleihgeschäft, Carsharing und Fahrdienste zusammenwachsen sollen. Darüber können auch Autos abonniert werden. Volkswagen bietet den Europcar-Eignern gemeinsam mit dem Londoner Vermögensverwalter Attestor Limited und dem niederländischen Mobilitätsanbieter Pon Holdings als Partner 50 Cent je Aktie, womit das Pariser Unternehmen 2,5 Milliarden Euro wert wäre.

Einschließlich Schulden und Pensionsverpflichtungen ist Europcar fast drei Milliarden Euro schwer. Der Deal soll möglichst noch in diesem Jahr über die Bühne gehen. Die Mindestschwelle für die Annahme des Übernahmeangebots liegt bei 67 Prozent. Das Konsortium mit Volkswagen hat verbindliche Zusagen von Anteilseignern, die zusammen 68 Prozent der Aktien von Europcar halten. Die französische Börsenaufsicht AMF und die Kartellbehörden müssen der Übernahme noch zustimmen. Das Angebot soll bis Ende des dritten Quartals bei der AMF eingereicht werden.

Finanziell kann der Wolfsburger Autokonzern diese neue Übernahme gut stemmen. Dank deutlich gestiegener Auslieferungen margenstarker Autos der Premiummarken Audi und Porsche wie guter Ergebnisse der Finanzsparte von VW hat das Unternehmen im ersten Halbjahr einen Rekordgewinn von 11,4 Milliarden Euro erzielt. Der Umsatz kletterte um 35 Prozent auf knapp 130 Milliarden Euro. Das operative Ergebnis lag bei 8,8 Prozent.

Audi und Porsche haben sich besonders stark entwickelt

„Besonders das zweite Quartal war außergewöhnlich stark“, sagte Finanzvorstand Arno Antlitz. Auch beim Netto-Cashflow habe VW mit 10,2 Milliarden Euro trotz der hohen Investition in die Elektromobilität und die Digitalisierung ein sehr solides Ergebnis erzielt. VW erhöhte deswegen auch seine Prognose für das Gesamtjahr und stellt nun eine Rendite zwischen 6 und 7,5 Prozent in Aussicht, je ein halber Prozentpunkt mehr als bisher erwartet. Besonders stark haben sich in den ersten sechs Monaten die Premiummarken Audi und Porsche entwickelt und damit zu dem guten Ergebnis maßgeblich beigetragen. Porsche ragte mit einer Umsatzrendite von 17,6 Prozent heraus, auch Audi hatte mit 10,7 Prozent eine zweistellige operative Umsatzrendite. Die Kernmarke VW brachte es auf 4,4 Prozent.

Das gute Ergebnis erzielte Volkswagen auch deswegen, weil es die Produktion während des Chipmangels in der Autoindustrie auf seine margenstarke Modelle konzentrierte und die Lager räumte. Wegen des Chipmangels habe Volkswagen „eine sechsstellige“ Zahl an Autos nicht bauen können. Es sei aber besser, ein Auto zu wenig zu bauen als zu viele, sagte Diess.

Den Ausblick für die weltweiten Auslieferungen dämpfte der Konzern wegen der Chip-Krise, geht aber noch von einem „spürbaren“ Anstieg um etwa zehn Prozent zum wegen der Corona-Pandemie schwachen Vorjahr aus. Beeinträchtigungen wegen des Chipmangels erwartet Volkswagen jetzt eher im zweiten Halbjahr, rechnet aber wegen des Modellmixes mit dem Schwerpunkt auf margenstarken Modellen damit, dass die Umsatzerlöse „voraussichtlich signifikant über dem Vorjahreswert liegen“.

Auch mit der Entwicklung der Elektromobilität zeigte sich der VW-Chef zufrieden. 171.000 Elektroautos hat der Konzern im ersten Halbjahr verkauft, mehr als doppelt so viele wie in den ersten sechs Monaten des Vorjahres. „Wir sollten im nächsten Halbjahr weiter starkes Wachstum haben“, sagte er. Mit einem Marktanteil von 26 Prozent sei man klar Marktführer bei E-Autos in Europa.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Germis, Carsten (cag.)
Carsten Germis
Wirtschaftskorrespondent in Hamburg.
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