Spielzeug

Puppen und Plüschtiere kommen zurück

Von Timo Kotowski
04.12.2014
, 09:53
Warten auf Weihnachten: Plüschtiere im Werk der Bad Kösener Spielzeug-Manufaktur in der Nähe von Leipzig
Im Kinderzimmer wird wieder geknuddelt und gewickelt. Der Absatz von Felltierchen und Babyfiguren steigt - doch Kuschelbären und Puppen haben sich verändert.
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Wenn guter Rat im Kinderzimmer fehlt, dann soll Cayla helfen. Sie kann das Wetter vorhersagen, sie weiß Geschichten zu erzählen, sie hilft bei Grundschul-Hausaufgaben. Dabei ist Cayla bloß eine Puppe. Doch der Spielwarenhersteller Vivid sieht das anders. Vollmundig verspricht das Unternehmen aus Großbritannien, die 45 Zentimeter große Mädchenfigur sei „nicht nur eine Puppe“, sie sei „fast wie eine richtige Freundin, die Millionen Dinge zu erzählen hat“. Unklar bleibt, ob das ein Versprechen oder eine Drohung ist. Im Werbefilmchen zeigt Vivid die Puppe umringt von einer Schar von Freundinnen - eine synthetische Spielgefährtin soll eben nicht die leibhaftigen ersetzen.

Bräunliche Plastikhaut, lange blonde Haare und eine Jeansjacke, die das Batteriefach und den Schalter für eine Bluetooth-Datenverbindung verdeckt, so stellt sich Cayla vor. Und tatsächlich geht ihr der Stoff zum Nachbrabbeln fast nie aus, wenn sie mit dem Internet verbunden ist. Die Verbindung müssen Mütter oder Väter über ihr Smartphone einrichten, damit die künstlich-intelligente Figur heimlich auf Wikipedia-Seiten nachschlagen kann. Doch trotz aller Vernetzung antwortet die Puppe zuweilen: „Das weiß ich nicht“. Zumindest berichten das Käufer in Onlineforen.

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Baby Born ist bei Amazon unter den Top Ten

Für den Trend zum Hightech-Spielzeug steht Cayla trotzdem. „Spielzeugklassiker wie Puppen wurden technisch weiterentwickelt und bieten in Kombination mit einer Smartphone-App mehr Spielspaß“, ist Willy Fischel, der Geschäftsführer des Spielwarenhändlerverbands BVS, überzeugt. Für Kinder sollen die Spielgefährtinnen mehr als Figuren sein, für die Spielwarenbranche bleiben sie Puppen. Vom BVS mit dem Verkaufsförder-Siegel „Top 10 Spielzeug“ ausgestattet, ist Cayla Hoffnungsträgerin der Branche, die die Rückkehr der Puppen in die Kinderzimmer ausgerufen hat. Zuletzt war deren Anteil am 2,7 Milliarden Euro umfassenden deutschen Spielwarenmarkt auf weniger als 10 Prozent geschrumpft. Der Bausteinmarktführer Lego schafft allein mehr als 17 Prozent. Zu Weihnachten 2014 sollen Cayla und Co. dafür sorgen, dass wieder mehr als jeder zehnte für Spielzeug bestimmte Euro für Puppen ausgegeben wird.

„Dieser Bereich ist wieder stark im Aufwind“, sagt Joachim Stempfle vom Marktforscher Npdgroup zum Puppengeschäft. Und zu diesem Befund trägt auch der deutsche Hersteller Zapf Creation bei. Die Franken haben ihre traditionsreiche Kleinkindfigur zur 43 Zentimeter großen „Baby Born interactive“ hochgerüstet. Sie geht auf einem Spezialschlitten rodeln, lässt sich geduldig baden, füttern und aufs Töpfchen setzen. „Seit Erscheinen der neuen Baby Born hat sich die Puppe und ihr Zubehör wieder einen festen Platz auf den Wunschzetteln der Mädchen gesichert“, sagt Marktforscher Stempfle. Um 25 Prozent wuchs nach Zahlen des Handelsbeobachters das Geschäft bis Ende Oktober im Vergleich mit dem Vorjahreszeitraum. Der Versandhändler Amazon listet Baby Born in diesen Tagen in der Liste der zehn meistbestellten Spielwarenartikel. Es wird wieder gewickelt, gefüttert und getätschelt im Kinderzimmer.

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Die Augen blinzeln mit LED-Licht

Und es wird auch wieder geschmust. Kuscheltiere werden ebenfalls mit einer neuen Welle der Liebkosungen bedacht. Lange schien es so, als wollten Kinder immer seltener mit Plüschtieren kuscheln. Doch schon 2013 wuchs das Plüschsegment in einem insgesamt stagnierenden Markt um knapp 10 Prozent. 2014 setzt sich der Trend fort. „Nachdem der traditionelle Plüsch in den letzten Jahren immer weiter an Bedeutung verloren hat, kommt nun im zweiten Jahr so richtig Bewegung in diesen Bereich“, sagt Stempfle.

Sieht süß aus, ist aber nun verboten: Cayla, die interaktive Puppe.
Sieht süß aus, ist aber nun verboten: Cayla, die interaktive Puppe. Bild: Foto Vivid

Allerdings hat der traditionelle Teddybär im Kampf um die Zuneigung von Mädchen und Jungen Nebenbuhler bekommen. Braunes Fell, dicke Nase und Knopfaugen reichen nicht mehr, um liebgehabt zu werden. Die Lieblinge 2014 sind bunt gefleckte Einhörner, Leoparden in Türkis oder Hündchen mit blauen Ohrmuscheln - wie beispielsweise die Beanie-Tiere des Herstellers Ty. Was nicht aus dieser Welt scheint, stößt in irdischen Spielstuben auf größte Begeisterung.

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Am Beginn der neuen Kuschelwelle stand im vergangenen Jahr mit Furby auch ein Phantasiewesen in Form eines undefinierbaren Flauschknubbels. 2013 war es das meistverkaufte Spielzeug-Einzelprodukt in Deutschland. Sein Fell ist grell bunt. Ähnlich wie die vernetzten Puppen wurde das Tierchen vom Hersteller Hasbro für den Einsatz im Kinderzimmer technisch gepäppelt. Die Augen blinzeln mit LED-Licht, die Ohren wackeln mit der Energie aus Batterien, sprechen kann das Hightech-Knäuel auch, ja sogar einen Charakter entwickeln - je nachdem, ob sein Fell behutsam gestreichelt oder forsch beklopft wird.

Eltern können die Puppenkonfiguration per Smartphone einstellen

Die aufgeflammte Liebe zu Püppi und Plüschi haben auch die Prüfer von „Öko-Test“ entdeckt. In den jüngsten Ausgaben ihres Magazins werden allerdings Felltierchen zum „Armutszeugnis“ für Hersteller und Puppen zum „Trauerspielzeug“ erklärt. Zehn von 23 untersuchten Plüschfiguren bekamen die Noten „mangelhaft“ oder „ungenügend“, ebenso elf von 20 geprüften Puppen. Ausfallene Wimpern, abreißbare Etiketten und Spuren von giftigem Blei entdeckten die Prüfer. Die Hersteller fühlen sich zu Unrecht an den Pranger gestellt. Denn die Tester legen strengere Maßstäbe an, als die ihrer Meinung nach „in mancher Hinsicht zu laxe Spielzeugrichtlinie der EU“ vorschreibt. Und so erhält ein Prüfbefund zwei Lesarten. Der deutsche Spielwaren-Herstellerverband DVSI kontert: „Tatsächlich belegen die Ergebnisse von „Öko-Test“, dass die geprüften Puppen die gesetzlichen Grenzwerte bis auf eine Ausnahme einhalten.“

Der Rückkehr der Babypuppen und Felltierchen hat dieser Streit bislang nicht geschadet. 112 Jahre nachdem Margarethe Steiff den ersten Plüschbären vorstellte und 82 Jahre nachdem Zapf Creation die ersten Puppen fertigte, haben Kuscheltiere und Babypuppen den Schein des Altmodischen abgelegt. Mit den Ahnen ihrer Produktsegmente haben die Neuheiten des Jahres nur wenig gemein. Doch auch aus Cayla kann eine ganz normale Puppe werden. Wie viel sie spricht, können Eltern in der Puppenkonfiguration per Smartphone einstellen. Und der Ausschalter befindet sich unter dem Jeansjäckchen auf dem Rücken.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Kotowski, Timo
Timo Kotowski
Redakteur in der Wirtschaft.
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