Uniper in Not

Angst vor dem Dominoeffekt am Gasmarkt

EIN KOMMENTAR Von Helmut Bünder, Düsseldorf
30.06.2022
, 17:12
Ein Uniper-Mitarbeiter kontrolliert eine Gasspeicheranlage in Kraiburg am Inn.
Wie verzweifelt die Lage ist, zeigt sich daran, dass sich mit Uniper sogar der größte deutsche Gashändler einen Einstieg des deutschen Staates vorstellen kann. Und nun?
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Es war nur eine Frage der Zeit, bis der größte deutsche Gashändler ins Straucheln kommen würde. Wie kein anderes Energieunternehmen hängt Uniper direkt an der Gaspipeline Nord Stream 1, der die Russen den Hahn zu mehr als der Hälfte abgedreht haben. Um seine Lieferverpflichtungen gegenüber der Industrie, Stadtwerken und anderen Gasversorgern zu erfüllen, muss Uniper große Mengen Gas anderweitig beschaffen – zu einem Mehrfachen der kalkulierten Kosten, jedoch ohne den Mehrpreis an seine Kunden weitergeben zu können.

Das konnte nicht lange gut gehen, und das wird auch andere Gasunternehmen einholen. Zwei Wochen nach Drosselung der russischen Lieferungen ruft Uniper als erster Versorger nach Staatshilfe, weil ihm das Geld auszugehen droht. Es wäre ein Dominoeffekt mit verheerenden Folgen für den gesamten Gasmarkt.

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Wie verzweifelt die Lage ist, zeigt sich daran, dass sich Uniper sogar einen Einstieg des deutschen Staates vorstellen kann. Das Pikante daran: Deutschlands wichtigster Gasimporteur gehört einem mehrheitlich staat­lichen finnischen Versorger, der Uniper schon mit Krediten von 8 Milliarden Euro unter die Arme gegriffen hat und nun die Bundesregierung in der Verantwortung für seine Tochtergesellschaft sieht.

Teils hat sich Berlin selbst in die schwierige Lage manö­vriert. Seit einer Woche gilt auf dem Gasmarkt die Alarmstufe – nur hat sich de facto dadurch nichts am Ge­schehen geändert. Dafür müsste eine Klausel aktiviert werden, die es er­möglichen würde, höhere Beschaffungskosten einfacher an die Kunden weiterzugeben.

Die gerade erst mit heißer Nadel gestrickte Regelung hat freilich ihre Tücken. Verschiedene Kundengruppen wären sehr unterschiedlich be­troffen, die Preisgestaltung ließe sich kaum überwachen. Ohne eine Nachjustierung wird es nicht gehen.

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Im Grundsatz allerdings wird kein Weg daran vorbeiführen, den Preismechanismus wirken zu lassen: Knappheitssignale müssen dort ankommen, wo Gas gespart werden kann – und die sozialen Folgen müssen ge­zielt über sozialpolitische Ins­tru­men­te ausgeglichen werden.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Bünder, Helmut (bü.)
Helmut Bünder
Wirtschaftskorrespondent in Düsseldorf.
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