Chef von Universal Music

Von Londons Punkszene an die Spitze der Musikwelt

Von Benjamin Fischer
19.08.2021
, 14:16
Lucian Grainge mit Billie Eilish im Januar 2020
Seit rund 10 Jahren führt Lucian Grainge den größten Musikkonzern der Welt. Die Übernahme der EMI-Labelsparte war sein erster großer Coup – ist aber nur ein Grund, warum Universal Music heute mit 35 Milliarden Euro bewertet wird.
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Die Worte von Doug Morris haben Gewicht in der Musikwelt. Im Laufe seiner Karriere stand der mittlerweile 82 Jahre alte Amerikaner immerhin auch an der Spitze von allen drei heutigen Branchenriesen Warner, Sony und Universal Music. Entsprechend beständig hält sich eine Bemerkung über seinen Nachfolger an der Universal-Spitze, Lucian Grainge. Trügerisch harmlos wirke dieser mit seinem kleinen netten Gesicht und der schmalen Brille, „doch dahinter verbirgt sich in Wirklichkeit ein Killerhai“.

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Ebendieser Grainge übernahm im Januar 2011 das Zepter, während Morris einige Monate später als Sony-Music-Chef anheuerte. Damals schienen die rosigen Aussichten von heute und der Investoren-Run auf Musikrechte sehr weit weg. Doch wie gut der „Killerhai“ aus London Universal aus der Krise geführt und auf die neue, primär digitale Musikwelt eingestellt hat, zeigt schon ein nüchterner Zahlenvergleich: Mitte 2013 soll die Muttergesellschaft Vivendi ein Übernahmeangebot von Softbank in Höhe von 6,5 Milliarden Euro abgelehnt haben. Im Zuge des jüngsten Anteilsverkaufs im Vorfeld des für September geplanten Börsengangs wurde Universal nun mit 35 Milliarden Euro bewertet – und manche Analysten sehen noch erheblich Luft nach oben. Der heute 61 Jahre alte Manager kann dies auch als Bewertung seiner eigenen Arbeit verstehen.

Wette mit EMI ging bestens auf

Ende der 1970er-Jahre, in denen sich der junge Grainge in der legendären Londoner Punk-Szene tummelte, wo The Clash oder die Sex Pistols groß wurden, lief das Geschäft noch anders. Durch seinen Vater, der mehrere Plattenläden besaß, und seinen Bruder, einen Label-Manager, bekam er aber schon früh einen Einblick. All dies hinterließ offensichtlich nachhaltig Eindruck: Direkt nach der Schule heuerte er 1979 bei einem Musikverlag im Bereich „Artist & Repertoire“ (A&R) an – zuständig für die Suche nach neuen Trends, Talenten und deren Betreuung. Die Rock-Band Psychedelic Furs war sein erster Fang. Nachdem er von 1986 an die britische Verlagssparte des Musikunternehmens Polygram, das 1999 in der heutigen Universal Music Group aufging, aufgebaut hatte, wechselte er 1993 auf die Label-Seite. Über die Leitung der britischen Universal-Dependance und ab 2005 des gesamten Geschäfts außerhalb der USA rückte er letztlich an die Spitze des weltgrößten Musikkonzerns.

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Als Morris’ Nachfolger soll er damals schon länger festgestanden haben. Auf seiner Visitenkarte standen freilich auch diverse Erfolgsgeschichten: der Aufstieg von Amy Winehouse, das Take That-Comeback oder das Weglocken der Rolling Stones von EMI. Für den großen Arsenal-London-Fan und seine Familie ging damit der Umzug nach Amerika einher. Anstatt Universal wie Morris von New York zu führen, entschied sich Grainge allerdings kurzfristig für Los Angeles, Hauptsitz vieler wichtiger Universal-Gruppen, aber vor allem eben auch näher an den Tech-Riesen. Der passende Ort, um das Musik-Geschäft auf digital zu trimmen. Grainge gehörte auch zu jenen, die früh von Spotify und dem Modell Streaming überzeugt waren, das dem Markt für Musikaufnahmen jüngst das sechste Wachstumsjahr in Folge beschert hat.

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Vivendi ließ ihm stets relativ freie Hand

Der Streaming-Boom ist nicht zuletzt ein Katalog-Boom. In einer Welt, wo fast alle Musik permanent streambar ist, bringen Jahre bis Jahrzehnte alte Werke ohne nennenswerte neue Investitionen weiterhin beständig Geld ein. Auch vor diesem Hintergrund war die Übernahme der Labelsparte von EMI vielleicht Grainges Meisterstück. Für 1,9 Milliarden Dollar sicherte Universal sich 2012 unter anderem die Rechte an den Aufnahmen der Beatles. Viel Geld in einer Zeit, als die Branche durch die Piraterie tief in der Krise steckte. Zumal Wettbewerbshüter auch noch den Verkauf des Coldplay-Labels Parlophone verfügten.

Doch Grainge wollte die Chance auf den Griff nach der britischen Musik-Ikone keinesfalls verstreichen lassen. „Das war Lucians erster genialer Coup als Universal-Chef“, blickt Thomas Hesse, damals Sony-Music-Manager, im Gespräch mit der F.A.Z. zurück. Sony sei zu dieser Zeit im Begriff gewesen, Boden gutzumachen. Doch mit der „Essenz des EMI-Geschäfts wurde die Marktführerschaft von Universal auf dem Recorded-Markt zementiert“. Gerne lässt Grainge bis heute fallen, wie viele den Kauf damals für eine schlechte Idee hielten – und wie er einmal mehr den richtigen Riecher hatte.

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Von seinem ersten Chef habe er als junger Talentsucher in der ersten Rezession der Branche gelernt, „dass du deine A&R-Investitionen beschützen musst wie ein Hund seinen Besitzer“, führte er Anfang 2020 in einem seiner raren Interviews im Branchenmagazin Billboard aus. Gespart und Stellen gestrichen wurden in der Krise auch unter Grainge. Er habe aber immer das Selbstbewusstsein gehabt, in Musik und Künstler zu investieren. Vivendi hat dem Briten für diesen Kurs über die Jahre relativ freie Hand gelassen, und dieser lieferte starke Ergebnisse – neben der Musik beispielsweise auch mit dem Merchandising-Arm Bravado. Läuft alles nach Plan, hält der französische Medien-Konzern nach dem Börsengang allerdings nur noch 10 Prozent. Eine neue Situation für den umtriebigen Manager. Wobei schon heute 20 Prozent der Anteile einem Konsortium rund um den chinesischen Tech-Konzern Tencent gehören.

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Lange Liste an Stars

Grainge kann darauf verweisen, dass der Universal-Umsatz seit seinem Amtsantritt 2011 von rund 4,2 Milliarden Euro auf im vergangen Jahr 7,4 Milliarden Euro angewachsen ist. Dazu kommt aktuell die jüngst vermeldete Ebitda-Marge in Höhe von 21,5 Prozent zum Halbjahr 2021. Und auch das bislang größte Ausrufezeichen auf dem seit einiger Zeit florierenden Handel mit Musikrechten setzte Universals Verlagsarm mit dem Kauf des Dylan-Kataloges.

Im Tagesgeschäft ist der vielgeehrte Manager – 2016 wurde er in seiner Heimat sogar zum Ritter geschlagen – derweil nach eigenem Bekunden kaum involviert. „Viel Freiraum und viel Unterstützung“, so fasste er seinen Führungsstil einmal in einem Variety-Interview zusammen. Großen Wert legt er dabei auf Wettbewerb im eigenen Haus. So verfügt Universal im Gegensatz zu Warner und Sony über gleich fünf Kernlabels, die allesamt Stars vorweisen können: Während Billie Eilish oder Olivia Rodrigo auf Interscope / Geffen / A&M vertrauen, steht Justin Bieber etwa bei Def Jam unter Vertrag. Da sei er oft als Schiedsrichter gefragt, so Grainge, aber das verdeutliche ja, dass das System funktioniere. Als Beleg lässt sich die jüngste Liste des Label-Dachverbandes IFPI der zehn erfolgreichsten Acts 2020 anführen: Neun der genannten arbeiteten mit Universal-Labels zusammen, 2019 waren es acht.

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„Wir haben gerade erst angefangen“

Die Digitalisierung hat es Künstlern erheblich einfacher gemacht, vieles selbst in die Hand zu nehmen oder sich Dienstleister als Partner zu suchen und dabei die Rechte an ihrer Musik zu behalten – mit der Aussicht auf einen höheren Anteil an den Tantiemen. Universals Vermarktungsmacht, die breite globale Aufstellung, das Star-Aufgebot sowie die immensen finanziellen Mittel ob des riesigen Katalogs bleiben jedoch ein beachtliches Faustpfand. Und natürlich will man selbst vom wachsenden Indie-Sektor profitieren: Erst Anfang des Jahres wurde die etablierte Dienstleistungssparte als Virgin Music Label & Artist-Services neu aufgestellt, die nicht zuletzt den Vertrieb für das Indie-Label von Grainges Sohn Elliot übernimmt.

Vor dem Hintergrund der größeren Auswahl für Künstler war auch der Deal mit Taylor Swift ein cleverer Schachzug. Hatte die konflikterprobte Künstlerin vor ihrem Wechsel zu Republic Records neben allerlei Rekorden doch gerade mit dem erbitterten Streit um die Rechte an ihren alten Aufnahmen für Schlagzeilen gesorgt. Diese verbleiben im Rahmen des Vertrags mit dem Universal-Label bei ihr, was sie in den sozialen Medien auch allen mitteilte. Ihre Bedingung, dass Universal beim Verkauf seiner Spotify-Aktien die Einnahmen ungeachtet unbeglichener Vorschüsse – wie zuvor schon Sony – mit den Künstlern teilt, erfüllte der Branchenveteran sicher ebenfalls gerne. Denn das Zeichen, was von Swifts Entscheidung an andere Stars ausging, dürfte einiges wert sein.

Grainge scheint Universal so gut aufgestellt zu haben für die nahe Zukunft. Er selbst hegt daran keinerlei Zweifel: „Wir haben gerade erst angefangen“, erklärte er im Juni. Was Musik in den Ohren der künftigen Anteilseigner sein dürfte, muss für manche in der Branche wie eine Drohung klingen. Doug Morris jedenfalls wird sich wohl bestätigt fühlen.

Quelle: F.A.Z.
Autorenbild/ Benjamin Fischer
Benjamin Fischer
Redakteur in der Wirtschaft.
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