Tourismus 2022

Aufgestaute Reiselust

Von Timo Kotowski
17.01.2022
, 18:27
Urlaub wie vor der Pandemie? Touristen im italienischen Küstenort Manarola in der Region Cinque Terre
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Die Urlaubsträume der Deutschen sind groß wie selten zuvor. Es mangele nicht an Zeit, Geld und Reiselust, haben Forscher ermittelt. Doch wegen der Pandemie sind die Buchungszahlen noch klein.
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Freie Zeit, das nötige Geld und Lust auf Reisen – das sind nach Ansicht der Forschungsgemeinschaft Urlaub und Reisen (FUR) die Zutaten, die zur Urlaubsbuchung führen. Und die Kombination aus allen dreien scheint aktuell in so vielen deutschen Haushalten vorhanden wie nie zuvor. Mit 48 Prozent hat knapp die Hälfte der 2500 für die jährliche FUR-Reiseanalyse Befragten angegeben, dass im Jahr 2022 freie Tage, passende wirtschaftliche Verhältnisse und Entdeckungslust sicher vorhanden sind.

„Solch einen Wert haben wir seit Beginn der Erhebung dazu im Jahr 2009 noch nie erlebt“, sagte der Kieler Tourismusforscher Martin Lohmann am Freitag. Vor einem Jahr zeigten sich nur 38 Prozent derart reisewillig. Vor zwei Jahren, als Corona noch nicht Alltagsthema war, waren es bloß 44 Prozent.

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Ein Rekordjahr für die Reisebranche ist dennoch nicht ausgemacht. „In den nächsten zwei bis drei Jahren werden Pandemie-Spuren aus dem Tourismus verschwinden“, sagte Lohmann. „Das geschieht aber nicht von heute auf morgen und schon gar nicht 2022.“ Die „aufgestaute Reiselust“, die die Forscher diagnostizieren, führe „nicht automatisch zu einer bombigen Nachfrage.“ Es gebe bloß gute Voraussetzungen.

9 Prozent schließen Urlaubsreise aus

Der Reisekonzern TUI hatte im Dezember erklärt, im deutschen Geschäft für den Sommer 2022 das Vorkrisenniveau erreichen zu wollen. Dazu beitragen soll auch, dass mit dem zusammengebrochenen Thomas-Cook-Konzern ein großer Wettbewerber weggefallen ist.

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Noch beutelt die Pandemie die Branche. Lohmann sollte eigentlich vor Publikum auf der Stuttgarter Reisemesse CMT referieren, doch die Branchenschau ist durch Videotermine ersetzt. Dass laut den Forscherdaten nur 9 Prozent der Befragten kategorisch Urlaubsreisen für 2022 ausschließen, taugt daher bloß als Hoffnungsschimmer, dass Buchungen noch ausstehen.

Halb so viele Frühbucher wie vor Corona

Nach Zahlen des Reisemarktforschers TDA war das Frühbuchergeschäft bis Ende November nur knapp halb so groß wie vor der Pandemie üblich. Dass der Dezember mit mehr Buchungen begann, erklärte TDA damit, dass damals Inzidenzen in Deutschland sanken und die Omikron-Welle noch nicht spürbar war. Im Januar, wichtigster Monat im Frühbuchergeschäft, ist das nun anders.

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Keinen Beleg fanden die Forscher um Lohmann indes, dass das Reiseverhalten nach der Pandemie gänzlich anders aussehen könnte. „Die Großen bleiben groß“, sagte er in Bezug auf populäre Auslandsziele wie Spanien, Italien oder die Türkei. Inlandsurlaub bliebe im Trend, Fernreisen, zum Beispiel nach Thailand, würden nur eine untergeordnete Rolle spielen. „Das liegt aber nicht daran, dass dort niemand mehr hinfahren will, sondern Barrieren und Einschränkungen für Reisen wirken sich aus.“ 2021 hätten wechselnde Reisebeschränkungen und verknappte Flug- und Hotelkapazitäten die Nachfrage stärker gedämpft als die Angst für Infektionen.

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„Inflation keine Nachfragebremse“

Für einen Abgesang auf Pauschalreisen, die Veranstalter wie TUI , FTI und Alltours verkaufen, sieht Lohmann ebenso keinen Anlass, obwohl die Pandemie Hochkonjunkturphasen für Ferienhäuser und Campingreisen brachte. „Wer in der Vergangenheit mit einem Reiseveranstalter gereist ist, möchte das auch wieder tun – auch wenn er es 2020 und 2021 möglicherweise nicht getan hat“, sagte Lohmann.

Die Entscheidung, ob eine Pauschalreise oder ein Ferienhaus gewählt werde, hänge weiter vom Ziel ab. Für Mallorca sei das Paket mit Flug und Hotel meist die günstigste Variante, in vielen deutschen Regionen sei die Ferienwohnung Standard. Reisekonzerne hatten in der Pandemie damit geworben, dass sie sich in Notfällen um Kunden kümmern, während individuell Reisende das selbst erledigen müssen. Ob die Corona-Krise den Pauschalanbietern sogar Auftrieb geben könnte, ist aus dem Forscherdaten aber ebenso wenig abzulesen.

Der internationale Tourismus ging laut Lohmann 2021 im Verhältnis zu 2019 um mehr als 70 Prozent zurück – auf das Niveau von 1987. In Deutschland verzichteten besonders Ältere über 60 Jahre und Personen aus Haushalten mit geringem Einkommen auf Urlaube. Dass Preissteigerungen zum Branchenhemmnis beim Neustart werden, befürchtet er nicht. „Es ist weniger für Reisen ausgegeben worden, das Geld ist aber noch da in den Haushalten. Die Inflation wird keine Nachfragebremse sein.“

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Kotowski, Timo
Timo Kotowski
Redakteur in der Wirtschaft.
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