Grenzöffnung ab November

Wo die Tücken auf USA-Reisen liegen

21.09.2021
, 19:49
Wieder mehr USA-Flüge: Vor Corona waren sie Umsatzgarant für Lufthansa.
Die Wirtschaft jubelt über die endlich angekündigte Grenzöffnung der USA. Doch für Touristen sind noch einige Fragen offen – zum Beispiel das Reisen mit Kindern. Die Probleme sind allerdings klein im Vergleich zu Reisen nach China.
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Dass sich der Chef persönlich äußert, wenn einzelne Strecken wieder mehr bedient werden, ist bei großen Fluggesellschaften selten. Doch zur Lockerung der Corona-Einreiseregeln für die Vereinigten Staaten ergreift der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Lufthansa, Carsten Spohr, das Wort.

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Er spricht von einem „großen Schritt aus der Krise“, von einer „hervorragenden Nachricht für die transatlantische Partnerschaft“. Familien und Freunde dürften sich endlich wiedersehen, Geschäftspartner ihre Beziehungen wieder persönlich weiterentwickeln. Gut für Lufthansa sollen die Lockerungen auch sein: Amerika-Flüge waren vor Corona wichtige Umsatzgaranten.

Es berichten Mark Fehr, Hendrik Ankenbrand, Timo Kotowski, Julia Löhr, Tillmann Neuscheler und Winand von Petersdorff.

Am Montagabend hatte die amerikanische Regierung bekanntgegeben, dass von November an Geimpfte aus Europa wieder einreisen dürfen. Für Fluggesellschaften ist damit die Aussicht auf eine Belebung des Verkehrs über den Atlantik und steigende Ticketeinnahmen verbunden. Bislang durften sie fast nur Amerikaner, Fracht und wenige Europäer mit Ausnahmegenehmigung befördern.

Auch in der deutschen Wirtschaft ist die Erleichterung nach rund 20 Monaten der Beschränkungen groß. „Damit wird ab November die aktuell größte Hürde im bilateralen Handel beseitigt“, sagte Ulrich Ackermann, Leiter Außenwirtschaft im Maschinenbauverband VDMA. Die Branche war von dem Einreiseverbot besonders betroffen, weil nicht nur Kundengespräche, sondern auch Reparaturen und Wartungsarbeiten an Maschinen in den USA nur mit wochenlangen Wartezeiten oder gar nicht möglich waren. Der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) beziffert die wirtschaftlichen Schäden des Travel Ban für deutsche Unternehmen auf eine „zweistellige Milliardenhöhe“, sagte der Außenwirtschaftschef des Verbands, Volker Treier.

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Einige Details zu neuen Regeln fehlen noch

Noch fehlen letzte Details für die Reiseerleichterungen. Sicher ist, dass in die Vereinigten Staaten Einreisende nachweisen müssen, dass sie vollständig geimpft sind – und zwar vollständig nach Kriterien des amerikanischen Seuchenschutzamtes CDC. Die sind nach Impfungen mit den Stoffen von Moderna, Johnson & Johnson und Pfizer/BioNTech erfüllt. Zusätzlich werden nach CDC-Angaben Personen eingelassen, die mit Vakzinen von der Notfall-Liste der Weltgesundheitsorganisation immunisiert wurden: Dazu gehören die Produkte von AstraZeneca, Sinopharm (China) und Serum Institute (Indien). Unklar ist der Status für Personen, die Impfstoffe kombiniert haben.

In jedem Fall muss der letzte Impftermin mindestens zwei Wochen zurückliegen, alle Passagiere müssen zusätzlich einen negativen Test vorweisen, der bei Anreise nicht älter als drei Tage ist. Airlines will das CDC anweisen, Telefonnummern und Mail-Adressen der Passagiere zu registrieren für ein neues System zur Nachverfolgung.

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Flugverband beklagt bleibende Hürden

Für Ungeimpfte führen die neuen Regeln zu Verschärfungen: Sie werden in der Regel gar nicht einreisen können. Das gilt nach bisherigem Stand auch für ungeimpfte Kinder. Zudem wird der Weg in die USA fast unmöglich für Bürger aus Ländern, in denen sie keinen Zugang zu Impfstoffen haben.

Darauf weist der Weltfluglinienverband IATA hin. Seine Forderung: Negative Tests als Einreiseerlaubnis akzeptieren und Tests auf ungeimpfte Reisende konzentrieren, statt sie auch vom Geimpften zu verlangen. „Wir müssen in eine Lage kommen, in der Reisefreiheit für alle wieder verfügbar ist“, sagt IATA-Chef Willie Walsh.

Wie lange trägt die Nachholwelle?

Geschäftlich und privat zeichnet sich ein Nachholbedarf bei Atlantikquerungen ab. „Für die deutsche Wirtschaft sind die USA der größte Absatzmarkt und zugleich drittgrößter Zulieferermarkt“, sagte Wolfgang Niedermark, Mitglied der Hauptgeschäftsführung des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI). „Mit rund 860.000 Arbeitsplätzen stellen deutsche Unternehmen den drittgrößten ausländischen Arbeitgeber in den USA.“

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Die Flugsuche Skyscanner meldete am Dienstag, dass nach der Lockerungsnachricht binnen einer Stunde auf ihren Seiten der Datenverkehr durch Fluganfragen um 28 Prozent zugenommen habe. Aktuell ständen die USA bei Suchen aus Deutschland auf Platz zwei aller Zielländer.

              Hier wird es bald voller: Fluggäste verlassen den Ankunftsbereich im Flughafen von Miami in Florida.
Hier wird es bald voller: Fluggäste verlassen den Ankunftsbereich im Flughafen von Miami in Florida. Bild: AFP

Für Fluggesellschaften ist nun die nächste Unsicherheit, wie groß die Nachholwelle wird und wie lange sie anhält. Christoph Carnier, Präsident des Geschäftsreiseverbands VDR, hatte jüngst schon gesagt: „Es wird einen Nachholeffekt geben. Aber wie wird das Reisegeschehen danach dauerhaft aussehen?“ 73 Prozent der deutschen Großunternehmen planen laut einer VDR-Umfrage für den Klimaschutz Schritte zur Verringerung ihrer Emissionen – in der Pandemie zum Alltag gewordene Videokonferenzen statt Reisen zählen dazu.

Jan Brorhilker, Chief Operating Officer von EY Deutschland, gibt für das Beratungsunternehmen diesen Kurs vor: „Wir orientieren uns am Ziel, die globale Erderwärmung auf 1,5 Grad zu beschränken. Aus dem Grund wollen wir nicht notwendige Reisen nahezu vollständig reduzieren und setzen stattdessen auf digitale Lösungen.“ Im Fall von „nicht vermeidbaren persönlichen Treffen“ werde es aber Dienstreisen in die USA geben.

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Lufthansa bietet wieder 200 USA-Flüge je Woche

Ähnlich äußert sich Wolfgang Dörner, Personalchef von BCG. Die Lockerung eröffne zwar wieder neue Möglichkeiten für die Arbeit mit Kunden. „Wir haben aber auch erfolgreich neue Arbeitsweisen mit einem Mix aus Präsenz und Zusammenarbeit auf Distanz etabliert, durch die wir Wert für unsere Kunden schaffen, Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern mehr Flexibilität ermöglichen und unsere reisebedingten CO2-Emissionen senken.“ KPMG hängt derweil den Schutz der Beschäftigten hoch: „Dienstreisen werden deshalb bei uns weiterhin nur genehmigt, wenn ihre Notwendigkeit und Dringlichkeit nachgewiesen wurde.“

Die Erleichterungen für Fernflüge westwärts nähren in der Luftfahrt schon Sorgen, dass Gesellschaften Flugpläne schnell aufstocken – wie im Sommer auf Urlauberstrecken Richtung Mittelmeer. Dort stieg mitunter das Sitzplatzangebot stärker als die Ticketnachfrage, was zu niedrigeren Ticketpreisen führt. Lufthansa teilte am Dienstag mit, für die bevorstehende USA-Öffnung mit rund 200 wöchentlichen Verbindungen zu 17 Zielen in den Vereinigten Staaten gerüstet zu sein.

China hält an scharfen Regeln fest

Zeitgleich bleiben Hürden für Fernflüge ostwärts nach Asien. Für Touristen und ausländische Studenten ist es nach wie vor praktisch unmöglich, in das Reich der Mitte zu reisen. China fahre nach wie vor „eine rigide Einreisepolitik“, kritisiert auch Ackermann vom Maschinenbauerverband VDMA. Ausländische Geschäftsleute brauchen für die Einreise eine Einladung der Regierung. Die wird in der Regel nur an hochrangige Manager umsatzstarker Konzerne vergeben, die im Land viele Menschen beschäftigen und viele Steuern zahlen.

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Jene, die über eine chinesische Aufenthaltsberechtigung verfügen, können nicht einfach einreisen. Wer in China arbeitet, darf zwar fliegen – aber nur direkt von Frankfurt. Weil es wenige Direktflüge gibt, sind die schnell ausgebucht, Tickets in der Economy-Klasse kosten mitunter 3000 bis 6000 Euro. Vor Abflug müssen die Passagiere in einer App der chinesischen Regierung Ergebnisse von drei Tests (PCR und zwei Antikörperbestimmungen IgM und IgG) hochladen, die nur an bestimmten Stellen vorgenommen werden dürfen und über das Einverständnis zum Einchecken entscheiden – was oft nicht erteilt wird, weil Regeln geändert werden.

Ohne grünen Code kein Flug

Wer keinen grünen Abflugcode in der App erhält, muss am Boden bleiben und hat Mühe, in absehbarer Zeit einen neuen Flug zu finden. Doch auch dem, der es nach China schafft, droht Ungemach. In Peking müssen die Passagiere nach Landung für drei Wochen in Quarantäne in einem isolierten Hotelzimmer, das die Regierung zuweist. In Schanghai darf die dritte Woche zuhause verbracht werden, was sich angesichts steigender Fallzahlen bald ändern könnte.

Auch wer nie an Covid erkrankt ist, kann nach Einreise von Behörden aufgrund oft nicht nachvollziehbarer Gründe für mehrere Wochen ins Krankenhaus gesteckt werden. Dies ist so oft vorgekommen, dass das Auswärtige Amt mahnt, dass in diesem Fall mit mehreren täglichen Bluttests und auch Rektalabstrichen zu rechnen sei.

Quelle: F.A.Z.
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