Vereinigte Staaten

Banken planen Milliardenfonds zum Schutz vor Kreditklemme

Von Claus Tigges, Washington
14.10.2007
, 20:56
Führende amerikanische Banken wollen ihre langfristigen Kreditrisiken bündeln. Mit einem 100 Milliarden Dollar großen Fonds ziehen sie die Lehre aus den jüngsten Marktturbulenzen. Claus Tigges berichtet aus Washington.

Führende amerikanische Banken planen offenbar die Schaffung eines Notfallfonds in Höhe von bis zu 100 Milliarden Dollar, um zu vermeiden, dass Turbulenzen an den Finanzmärkten zu einer wirtschaftlich gefährlichen Kreditklemme führen. Wie es am Wochenende hieß, führen unter anderen Citigroup, J.P. Morgan Chase und Bank of America Gespräche darüber, wie ein Austrocknen des Kreditgeschäfts verhindert werden kann, falls Banken hohe Verluste aus riskanten Geschäften erleiden, etwa aus zweitklassigen Hypothekendarlehen an Schuldner mit schlechter Bonität. Das Finanzministerium in Washington unter Führung des langjährigen Investmentbankers Henry Paulson moderiert die Diskussion der Kreditwirtschaft.

Im Mittelpunkt der Beratungen stehen sogenannte Strukturierte Investmentvehikel („Structured Investment Vehicles, SIV“). Dabei handelt es sich um von Banken geschaffene, unabhängige Geschäftseinheiten. SIV verschulden sich dank ihrer Nähe zur großen Mutterbank zu günstigen Konditionen kurzfristig auf dem Kapitalmarkt. Das Geld legen sie vielfach in längerfristigen und höher verzinsten Anleihen an, die beispielsweise mit Forderungen aus Hypothekendarlehen besichert sind. Sie investieren aber auch in Anleihen mittelgroßer Unternehmen, die sich ihrerseits auf dem Kapitalmarkt refinanzieren.

Eine Reihe dieser SIV hatte auf dem Höhepunkt der Hypothekenkrise im August erhebliche Schwierigkeiten, notwendiges neues Geld aufzunehmen, weil Zweifel an der Qualität ihrer Anleihen bestanden. Zu den Marktteilnehmern, die Anleihen der SIV erwerben, zählen Geldmarktfonds, Landkreise und Gemeinden sowie andere verhältnismäßig risikoscheue Investoren, die lange auf die gute Bonität der SIV vertraut haben. Nach Angaben der Ratingagentur Moody's war die Citigroup Ende August mit insgesamt rund 100 Milliarden Dollar in SIV engagiert. Weltweit verfügten SIV über rund 400 Milliarden Dollar.

Fonds soll gefährliche Kettenreaktion verhindern

Der neue Fonds, der als Master-Liquidity Enhancement Conduit (M-LEC) bezeichnet wird und dessen Einrichtung womöglich an diesem Montag bekanntgegeben wird, soll eine gefährliche Kettenreaktion im Finanzsystem verhindern: Wären SIV gezwungen, mit Hypothekendarlehen besicherte Anleihen in Milliardenhöhe auf den Markt zu werfen und dadurch deren Kurse in die Tiefe zu drücken, müssten Banken, Hedge-Fonds und andere Marktakteure hohe Abschreibungen ihrer Investments vornehmen. Das könnte zu einer allgemeinen Zurückhaltung der Banken in der Vergabe von Darlehen führen und die Wirtschaft womöglich in eine Rezession gleiten lassen.

Vorgesehen ist offenbar, dass der neue Fonds im Ernstfall die riskanten Wertpapiere der SIV kauft und zu diesem Zweck selbst kurzfristige Anleihen begibt. Diese Wertpapiere sollen weniger riskant sein und die Märkte beruhigen, weil die führenden Banken dafür bürgen.

Auslöser der Turbulenzen an den Finanzmärkten im Sommer waren Schwierigkeiten auf Teilen des amerikanischen Hypothekenmarkts, insbesondere dem Subprime-Markt für Darlehen an schlechte Schuldner. Viele der Darlehensnehmer sind inzwischen mit ihren Zahlungen in Rückstand geraten, die Zahl der Zwangsversteigerungen von Häusern steigt. Das hat viele Banken und andere Marktakteure in Schwierigkeiten gebracht, die sich dort direkt oder indirekt über Anleihen engagiert haben. Daraufhin kam es zu erheblichen Spannungen im Finanzsystem und einem Liquiditätsengpass auf dem Geldmarkt und dem Markt für Unternehmensanleihen, auf den führende Notenbanken mit der Bereitstellung zusätzlicher Liquidität reagiert haben.

Quelle: F.A.Z., 15.10.2007, Nr. 239 / Seite 13
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