Versicherungen für Ärzte und Hebammen

Die Tücken des medizinischen Fortschritts

Von Philipp Krohn
27.12.2012
, 06:41
Wer bei Geburten hilft, setzt sich auch einem Risiko aus. Deshalb steigen für Ärzte und Hebammen die Haftpflichtprämien. Versicherer ziehen sich zurück. Ein Deckungsnotstand ist die Folge.

Der Schweizer Aktienindex SMI kannte am 17. Oktober einen klaren Verlierer: Papiere der Zurich-Versicherung verloren 2,7 Prozent an Wert. Das Unternehmen hatte bekanntgegeben, dass es zusätzliche Reserven bilden musste - 550 Millionen Dollar überwiegend für Haftpflichtversicherungen in Deutschland, mit denen sich Ärzte, Ingenieure und Architekten gegen die Folgen beruflicher Fehler absichern. Bis zum 29. Oktober fiel der Kurs weiter um 6,7 Prozent. Innerhalb von knapp zwei Wochen verringerte sich der Börsenwert des Unternehmens um mehr als 3 Milliarden Dollar. Wegen eines kleinen Geschäftszweigs in einem Markt, der gerade mal 10 Prozent des gesamten Konzernumsatzes ausmacht.

Zwei Monate später in einem Kölner Hotel: Vor loderndem Kamin sitzt Ralph Brand, seit neun Monaten Deutschlandchef des Schweizer Versicherers. Er spricht von genauen Analysen, die seither laufen. „Ich bin zuversichtlich, dass die Rückstellungen ausreichen“, sagt er. Was genau schieflief, sei noch nicht zu beantworten. Er plane keine Sanktionen für die Verantwortlichen. Wichtige Konsequenzen hat das Management aber inzwischen gezogen. Nach dem Rückzug aus der Haftpflichtversicherung für Architekten wird zum 1. Januar auch das Geschäft mit Krankenhäusern eingestellt.

Der Fall ist nur das auffälligste Beispiel für eine Herausforderung, mit der die gesamte Versicherungsbranche zu kämpfen hat. Die Langzeitfolgen von beruflichen Fehlern werden in einigen Berufen immer schwieriger zu kalkulieren. Und so steigen die Prämien für Berufsgruppen, die für Schäden mit besonders langer Wirkung oder spätem Eintritt verantwortlich sein können: Architekten, Ingenieure und Heilberufe wie Hebammen und Ärzte. Alle operierenden Ärzte klagen über wachsende Prämien. Am dramatischsten die Entwicklung, wenn sie mit Geburten zu tun haben. Versicherungsmakler warnen: Für Humangenetiker, die Föten auf Erbkrankheiten testen, gebe es einen Deckungsnotstand, der einem Berufsverbot nahekomme. Denn kein Arzt darf auf eine Haftpflichtversicherung verzichten.

Viele Ärzte befürchten eine steigende Klagefreude

Die Ursachensuche führt tief hinein in den Statistikkeller des Gesamtverbands der Deutschen Versicherungswirtschaft. Seit 1991 haben sich die Kosten von Krankenhäusern um 3,3 Prozent im Jahr gesteigert, obwohl sie Betten abgebaut haben. In dieser Zeit legten die Verbraucherpreise nur um 1,8 Prozent zu. Wichtigster Treiber ist der Schadenaufwand je Einzelfall, der sich um 7 Prozent im Jahr verteuert. Patienten, die nach einem Arztfehler bei der Geburt früher schon in jungen Jahren gestorben sind, leben durch den medizinischen Fortschritt heute deutlich länger.

Gerichte sprechen ihnen ein fiktives Erwerbseinkommen zu, das ihnen durch ihre Behinderung entgeht. Kostentreibend wirken auch steigende Pflegekosten. Anders als bei Sachschäden dauert die Abwicklung lang: Erst nach fünf Jahren sind Personenschäden zu einem Viertel beglichen. Zudem machen Großschäden über 100.000 Euro mehr als die Hälfte des Schadenaufwands aus. Im Jahr, in dem der Schaden eintritt, liegt der Anteil nur bei einem Fünftel. Zudem hat sich das Verhalten der Krankenkassen geändert: Sie stehen unter Kostendruck und nehmen die Haftpflichtversicherer öfter als früher in Regress.

Die Suche nach Ursachen führt in das Büro von Ulrich Schäfer: Der Rechtsanwalt der Großkanzlei Wolter Hoppenberg bearbeitet seit einem Vierteljahrhundert Fälle des Arzthaftpflichtrechts. Die Klagefreude nehme zu. „Früher war man eher bereit, etwas hinzunehmen. Die Kaskomentalität der Bevölkerung ist größer geworden“, sagt er. Gerichte urteilten heute eher im Sinne der Kläger. Bei schweren Geburtsschäden kristallisieren sich Schmerzensgelder von 500.000 Euro heraus. Amerikanische Verhältnisse seien das aber nicht, betont der Anwalt: „Denn es geht nicht um Strafzahlungen, sondern um zivilrechtliche Ansprüche.“ Im November hatte der Bundestag zudem das Patientenrechtegesetz beschlossen. Krankenkassen müssen Patienten mit Gutachten unterstützen, wenn die einen Kunstfehler vermuten.

Viele Ärzte befürchten, dass das die Klagefreude steigern wird. Schon jetzt sind die Prämien für bestimmte Ärzte kaum zu bewältigen. Zahlte ein geburtshelfender Gynäkologe noch 2008 im günstigsten Fall eine Jahresprämie von 14200, hat sie sich in nur vier Jahren auf 34.000 Euro mehr als verdoppelt. Die Folge: Die Geburtshilfe wird stark zurückgefahren. Seit 1991 sank die Zahl der Kliniken mit Geburtshilfe von 853 kontinuierlich bis zum Jahr 2010 auf 453. Von den einst 300 Geburtshelfern, die sich über einen Versicherungspool der R+V haftpflichtversichert haben, sind heute nur noch 120 übrig. Einigen gelang es, unter einen Krankenhausvertrag zu schlüpfen.

„Wir sind nah an einem Berufsverbot für Humangenetiker“

„Ich muss 138 Geburten betreuen, um allein meine Haftpflichtprämie aufzubringen“, sagt Axel Valet, der die Arbeitsgemeinschaft Belegärzte im Berufsverband der Frauenärzte vertritt. Noch 2008 waren 25 Prozent der Gynäkologen als Belegärzte tätig, heute seien es nur noch 11 Prozent. „Im Durchschnitt verdient ein Arzt 100 Euro an einer Geburt. Dafür steht kaum einer nachts auf“, sagt er.

Die Schwierigkeit, sich zu versichern, hat Valet selbst erlebt. Bis 2011 hatte er eine Police der Sparkassenversicherung. Ende November des Jahres zog sich das Unternehmen aus der Haftpflicht für Gynäkologen zurück. Valet hatte sechs Wochen Zeit, um für das darauffolgende Jahr Versicherungsschutz zu finden. Weil er sein Risiko über die Police des Krankenhauses abdecken kann, mit dem er zusammenarbeitet, konnte er seine Jahresprämie auf 29.000 Euro begrenzen.

Hamburg im September: Gegenüber der Elbphilharmonie hat der Verband Deutscher Versicherungsmakler zum Jahrespressegespräch geladen. Adelheid Marscheider ist eines der Vorstandsmitglieder. „Wir sind nah an einem Berufsverbot für Humangenetiker“, kritisiert die selbständige Maklerin aus dem fränkischen Eggolsheim. 30 Mitarbeiter eines Medizinischen Versorgungszentrums, das sie betreut, standen zum 1. Juli ohne Versicherungsschutz da. Ihr bisheriger Versicherer entzog die Deckung. Da es keine Schadenstatistiken für Fehler von Ärzten gebe, die vorab das Erbgut von Föten prüfen, sei es unmöglich, Rückstellungen richtig zu ermitteln.

Mit 180.000 Unterstützern in den Kanzlerinnen-Dialog

Selbst über den Londoner Versicherungsmarkt Lloyd’s, der sonst oft einen Ausweg bietet, fand sie keine Deckung. Nur die österreichische Donau-Versicherung bot Schutz an. Drei Monate später hat sich Marscheiders Ärger nicht gelegt: „Ich appelliere an die gesellschaftspolitische Verantwortung der Versicherer“, sagt sie. Mit einem runden Tisch will sie dafür sorgen, dass der Deckungsnotstand aufgehoben wird. Immer stärker ziehen sich die Unternehmen aus der Ärztehaftpflicht zurück. Von den 140 deutschen Haftpflichtversicherern haben zwar 28 Verträge mit Krankenhäusern im Bestand, 40 mit Ärzten. Aktiv bietet aber nur noch rund ein Dutzend von ihnen Policen an. Die Nürnberger versichert seit 2004 keine Krankenhäuser und Gynäkologen mehr, die Alte Leipziger deckt keine Gynäkologen, die Generali keine Geburtshilfe mehr.

Noch nicht zurückgezogen hat sich die Axa. Mit ihrer Tochtergesellschaft Deutsche Ärzteversicherung trägt sie ihren Anspruch allerdings auch schon im Namen. „Wir reklamieren für uns, dass wir der Standesversicherer sind“, sagte deren Vorstandsvorsitzender Jörg Arnold vor zwei Jahren dem „Deutschen Ärzteblatt“. „Wir möchten das Geschäftsfeld nicht abstoßen. Wir können es aber nur betreiben, wenn es profitabel ist“ Damals klagte er, dass von jedem Euro Prämieneinnahme 2Euro für Schäden ausgegeben wurden. Arnold musste sanieren. Die Entwicklung der Verträge seither will das Unternehmen nicht nennen, man versichere als einer der wenigen Anbieter weiterhin auch Gynäkologen mit Geburtshilfe. Diese müssen aber nach Angaben aus der Branche inzwischen 80.000 Euro Jahresprämie aufbringen. Die Zusage, die Risiken weiterhin zu decken, ist bei diesem kaum wettbewerbsfähigen Angebot also eher theoretisch zu verstehen.

Doch nach gesellschaftlicher Unterstützung haben die Frauenärzte bislang noch nicht gesucht. Anders als die freiberuflichen Hebammen. 180.000 Unterstützer einer Online-Petition hatten sie vor zwei Jahren gesammelt. Angela Merkel lud die Standesvertreter zum Kanzlerinnen-Dialog. Das Sozialgesetzbuch wurde reformiert: „Bei der Berücksichtigung der wirtschaftlichen Interessen der freiberuflichen Hebammen ... sind insbesondere Kostensteigerungen zu beachten, die die Berufsausübung betreffen“, heißt es in dessen fünftem Buch heute. Die hohen Haftpflichtprämien sollen sich die Hebammen über ihre Tarifverhandlungen zurückholen. Dauerhaft gelöst sieht der Deutsche Hebammenverband das Problem aber nicht. „Unsere derzeitigen Versicherungssummen von 6 Millionen Euro könnte in einigen Jahren bei Klagen schon nicht mehr reichen“, sagt Präsidiumsmitglied Susanne Steppat. Schon bald müsse die Regelung womöglich nachgebessert werden.

Von der Entwicklung überrollt worden

Auch Frauenarzt Axel Valet sieht die Tendenz steigender Haftpflichtprämien ungebremst. „Rein privatwirtschaftlich dürfte sich das Problem nicht lösen lassen“, glaubt er. Die Bundesärztekammer sieht wegen der hohen Kosten Gesprächsbedarf mit denjenigen, die für die Ärztevergütung verantwortlich sind. „Diese Belastungen werden wir mit dem Krankenkassen besprechen müssen“, heißt es in der Kammer. Passenderweise würden dann diejenigen an den steigenden Kosten beteiligt, die mit ihren Regressforderungen mitverantwortlich für die höheren Versicherungsprämien sind.

Der Rückzug der Zurich-Versicherung und der Provinzial Nordwest hat auch mehr als 200 Krankenhäuser vor erhebliche Schwierigkeiten gestellt. Der harte Schnitt wäre nach Auffassung von Branchenkennern vermeidbar gewesen. Die Zurich selbst gibt an, in allen Jahresgesprächen mit den Kunden auf die steigenden Kosten aufmerksam gemacht zu haben. Immer wieder aber sei man von der Entwicklung überrollt worden. Schon vor zwei Jahren musste sie für diese Risiken zusätzlich nachreservieren. Solche Spätschadenreserven müsse man kontinuierlich statt auf einen Schlag bilden, sagen Wettbewerber.

„Die Situation in diesem Jahr ist mit der 1990 zu vergleichen, als der staatliche Versicherer der DDR alle Versicherungen mit Krankenhäusern kündigte“, sagt Manfred Klocke, Hauptgeschäftsführer von Ecclesia, dem führenden Makler im Krankenhausgeschäft, der mehr als ein Viertel des Marktes betreut. Von 560 seiner Krankenhauskunden mussten 130 durch den Rückzug der beiden Versicherer neue Anbieter finden. Seien die Prämien im Bestand um rund 50 Prozent gestiegen, mussten die Kunden mit neuen Abschlüssen zwischen 60 und 120 Prozent mehr zahlen.

Mit 200 Millionen Euro lasse sich das System stabilisieren

Nach dem Ausscheiden der zwei Versicherer haben andere ihre Krankenhaus-Portfolios erhöht - die Allianz etwa, die zwar in der allgemeinen Haftpflicht für Firmenkunden Marktführer ist, aber im Heilwesen zurückhaltender agiert. Und vor einigen Wochen hat sich HDI Gerling mit einem neuen Angebot auf den Markt vorgewagt. Für Schäden oberhalb von 5 Millionen Euro bietet das Unternehmen Deckungen, in Einzelfällen schon ab 2 Millionen. Allerdings sind diese Deckungen nach dem Anspruchserhebungsprinzip („claims made“) gestaltet. Das bedeutet, dass die Police Versicherungsschutz für das Jahr bietet, in dem der Anspruch auf Schadensersatz erhoben wird. Nach dem bisher üblichen Verfahren zahlt der Versicherer, der die Deckung während des Schadensereignisses gewährt hatte.

Auf dem Londoner Markt streben die Versicherer zunehmend an, „claims-made“-Policen auch in Deutschland zu verkaufen. Sie werden jedes Jahr neu ausgehandelt und erlauben den Versicherern, sich gegen Spätfolgen abzusichern. Makler allerdings befürchten, dass dadurch gefährliche Deckungslücken entstehen. „Diesen Dammbruch wollen wir vermeiden, weil sonst die Rechtssicherheit fehlt, ob Versicherer wirklich zahlen“, sagt Ecclesia-Geschäftsführer Klocke. Der Deckungsnotstand der Humangenetiker könnte sich auch auf andere Zweige des Heilwesens erstrecken. „Meine Befürchtung ist, dass es als nächstes die Gynäkologen mit Geburtshilfe trifft, dann die Akutmediziner und irgendwann auch die Kliniken insgesamt“, sagt Maklerin Marscheider. Hilfreich wäre es, die Krankenkassen an den Kosten für die höheren Haftpflichtprämien zu beteiligen, meint Klocke. Schon mit 200 Millionen Euro lasse sich das System der Krankenhaus-Haftpflicht stabilisieren. „Angesichts der Gewinne der Krankenkassen müssten wir uns das doch eigentlich leisten können.“

Quelle: F.A.Z.
Philipp Krohn  - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Philipp Krohn
Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Menschen und Wirtschaft“.
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