Vorstandschef Joe Kaeser

Was hat dieser Mann mit Siemens vor?

Von Georg Meck
04.05.2014
, 08:04
Am Mittwoch präsentiert Vorstandschef Joe Kaeser seine Strategie für Siemens: „Was nicht effizient ist, schaffen wir ab.“
Siemens-Chef Joe Kaeser krempelt den Elektrokonzern um: Er will mehr Spaß, mehr Umsatz und die ICE-Sparte wegtauschen. Am liebsten in Frankreich.
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Wenn Wachstum das Elixier eines Unternehmers ist, dann steht Siemens für eine Geschichte des Misserfolgs, ja des Leidens und Versagens: Der Konzern, eine Ikone der deutschen Industrie, hat vor 15 Jahren schon mehr Geld eingenommen als heute. „Mehr Profit und mehr Wachstum“ hat der Vorstandsvorsitzende - der Mann hieß Heinrich von Pierer - seinerzeit versprochen: „Wir wollen weiter nach vorne“, hat er zum Jahreswechsel 2004/05 als Abschiedsgruß hinterlassen.

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Es ist anders gekommen, zehn Jahre und drei Vorstandsvorsitzende später ist offenkundig: Statt nach vorne ging es für Siemens allenfalls seitwärts, der Konzern schlug Haken mal in die eine, mal in die andere Richtung. Die Siemens-Männer haben tüchtig Firmen gekauft - und dabei teils kräftig daneben gelangt. Zu den glücklicheren Momenten zählen jene, als sie Teile wie Osram an die Börse und damit in die Freiheit entlassen haben. Ausgliedern und abstoßen entwickelte sich zur Spezialität. Manchmal hat sich das gelohnt. Das Stammgeschäft nach vorne zu treiben, mit eigener Technologie die Konkurrenz auf Abstand halten, das gelang seltener.

Strapazen sind ihm anzusehen

Der Manager, der dies nun ändern will, heißt Joe Kaeser, ist sein gesamtes Berufsleben in der Firma und war einst Strategiechef unter Pierer. Die Seele, den Stolz und den Spaß an Innovationen, will er Siemens zurückgeben, so tönt er seit seiner Amtsübernahme im vorigen Sommer. Und wachsen soll die Firma unbedingt, gerne auch mit Übernahmen wie er es jetzt in Frankreich mit Alstom probiert - mit ungewissem Ausgang. Festzuhalten ist schon jetzt: Kaesers niederbayerischer Charme zieht im Volk wie an den ominösen Märkten besser als die Technokraten-Rhetorik seines Vorgängers Peter Löscher.

Es ist anzunehmen, dass der Manager, 1957 im Bayerischen Wald geboren, noch immer jeden Morgen aufwacht erfüllt vom Stolz, es nach 34 Jahren Siemens an die Spitze geschafft zu haben - die Strapazen des Amtes jedoch sind ihm anzusehen: Grauer ist er geworden, misstrauischer auch, so sagen Leute aus seinem Umfeld. Joe Kaeser spielt nun in einer anderen Liga, in der mit Kanzlerin und Staatspräsidenten, das wirft ihn bis in die Abendnachrichten, was nicht lustig sein muss, wie der verunglückte Auftritt nach seinem Putin-Besuch zeigt.

Siemens läuft General Electric hinterher
Siemens läuft General Electric hinterher Bild: F.A.Z.

Hat der Neue also das Zeug zum Staatsmann wie es zur Stellenbeschreibung für einen Siemens-Chef gehört? Heinrich von Pierer sprach auf dem Höhepunkt seiner Macht vor der UN-Vollversammlung, war als Bundespräsident im Gespräch, für niedere Minister-Ämter sowieso. Joe Kaeser kultiviert seine Mitgliedschaft in der Freiwilligen Feuerwehr in Niederbayern, dort lebt seine Familie, dorthin zieht es ihn am Wochenende.

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Den hauseigenen Spitzendiplomaten gibt noch immer mit Vorliebe Gerhard Cromme, der Aufsichtsratsvorsitzende, der sich im Schmiergeldskandal zum starken Mann im Hause Siemens aufgeschwungen hat. Cromme hat den damaligen Nobody Löscher geholt und ihn 2013 schließlich geopfert, als es für ihn selbst brenzlig wurde – seither haftet an ihm der Makel als Auslaufmodell.

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Herbe Attacken

Im Januar, auf der Hauptversammlung, haben ihn die Investoren herb attackiert, worauf Cromme versichert hat, sich um einen Nachfolger zu kümmern. Bis jetzt hat er keinen gefunden – oder keinen finden wollen, wie seine Gegner ätzen, die darauf hoffen, dass Kaeser einen Weg findet, Cromme in einem Akt der Emanzipation elegant abzuservieren: „Erst dann haben wir einen wirklichen Neuanfang.“ Am Mittwoch nun wird der Siemens-Chef in Berlin, dem Geburtsort des Konzerns, seinen Masterplan verkünden: Siemens wird umorganisiert, mal wieder. Tausende Mitarbeiter werden in den Organigrammen hin und hergeschoben, die Zentrale erhält mehr Recht, die Vorstände rücken wieder ein Stück weg vom Tagesgeschäft.

Spannender für den Rest der Welt ist das, was Kaeser ausgeheckt hat an „Portfolio-Maßnahmen“, wie es in der Finanzszene heißt, wenn ein Unternehmen neu zusammen gepusselt wird: Auf dem Konzern steht Siemens weiterhin drauf, nur was drin steckt, das ändert sich radikal. Es muss sich ändern, wenn man Kaeser glaubt: Ein Viertel der Divisionen erwirtschaftet demnach 80 Prozent des Gewinns, der Rest schleppt sich durch. 20 Geschäftsbereiche, die zusammen für ein Fünftel des Umsatzes stehen, werfen überhaupt keinen Profit ab, so hat der Konzernchef jüngst Investoren den Zwang zum Umbau erläutert: „Wenn etwas ineffizient ist, dann schaffen wir es ab.“

Endgültig verloren gibt Siemens den Endkunden: „Das Konsumentengeschäft können wir nicht“, hat der Vorstand schon erkannt, als in der Handy-Sparte Milliardenverluste aufgelaufen sind. Heute liefert Siemens dem gewöhnlichen Verbraucher nur noch Hörgeräte, und auch das nicht mehr lange. Der Rückzug ist eingeleitet, ebenso wie der Ausstieg aus dem Geschäft mit Kühlschränken und sonstigem Küchengerät, wo sie im Moment noch halbe-halbe machen in einem Gemeinschaftsunternehmen mit Bosch. Vorsorglich hat man sich schon abgesichert, wie Bosch mit dem Markennamen Siemens nach einer Trennung umzugehen hat.

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Gespött in jedem Speisewagen

Der Endkunde, dieses launische Wesen, macht im Zweifel nur Ärger, Staaten und Großindustrie sind zuverlässigere Abnehmer. Zumindest schlägt da nicht jede Panne gleich aufs Image durch. Wenn dagegen mal wieder ein ICE-Zug nicht geliefert wird, macht dies Siemens zum Gespött in jedem Speisewagen. Da die Züge überdies nur magere Renditen einspielen, zieht Kaeser den Schluss: Da muss etwas passieren. Die Bahnsparte dem Konkurrenten Alstom geben, und gegen dessen Energiegeschäft tauschen - das wäre nach seinem Geschmack, deswegen stürzt er sich in die politisch aufgeladene Übernahmeschlacht um die Franzosen.

Die Starken stärken, dem Rest Beine machen - das ist Kaesers Maxime; Management ist kein Hexenwerk die unterschwellige Botschaft: „Am Ende muss man nur mehr richtig als falsch machen.“ Aber ist es wirklich richtig, Milliarden zu bieten für einen halbgaren französischen Konzern wie Alstom? Noch dazu eingespannt von der Regierung in der Paris, wo doch jedermann weiß, dass Industriepolitik selten Gutes bewirkt?

Zumindest als Symbol, nach innen wie außen, ist der Alstom-Deal für Kaeser wichtig: Wir sind wieder da. Wir stehen nicht abseits, wenn andere in Hinterzimmern versuchen, den Markt zu verteilen. General Electric, der Erzrivale aus Amerika, war vorgeprescht mit einer Milliardenofferte, freudig begrüßt vom Alstom-Management, abgelehnt von der französischen Regierung. Der tut Kaeser nun den Gefallen, in die Rüstung des Weißen Ritters zu schlüpfen, um den GE-Deal zu torpedieren. Nach einer Woche Schlacht sieht es freilich so aus, als habe Siemens die schlechteren Karten.

Das ist womöglich auch besser so, wenn dem Urteil der Börse zu trauen ist: Die Aktionäre sind erschreckt über Kaesers Ausflug nach Paris. Erreicht hat er damit zumindest eines: Siemens demonstriert Handlungsfähigkeit. Vor einem Jahr, als in München Vorstand gegen Vorstand kämpfte, und der Aufsichtsrat mal diesen und mal jenen stützte, da wäre ein Konter wie jetzt gegen GE nicht denkbar gewesen. So aber signalisiert Kaeser: Wir spielen wieder mit, wagen etwas. Höchste Zeit, dass sich was dreht.

Quelle: F.A.S.
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