In Milliardenhöhe

VW stockt Investitionen ins Elektroauto deutlich auf

Von Carsten Germis, Wolfsburg
15.11.2019
, 15:34
Volkswagen-Chef Diess setzt mit Milliardeninvestitionen darauf, dass sich Elektroautos in den nächsten Monaten am Markt durchsetzen werden. Er warnt vor irrationalen Debatten über Alternativen.

Volkswagen beschleunigt die Wende zum Elektroauto und die digitale Vernetzung seiner Fahrzeuge. In den nächsten fünf Jahren will der Konzern knapp 60 Milliarden Euro in diese Technik investieren. „Wir erhöhen in den folgenden Jahren mit unseren Investitionen noch einmal das Tempo“, sagte Volkswagen-Chef Herbert Diess am Freitag in Wolfsburg, nachdem der Aufsichtsrat die neue Investitionsplanung für die Jahre bis 2024 beschlossen hatte.

Der VW-Chef sagte, bereits in wenigen Monaten werde man nicht mehr über „Offenheit bei den Antriebskonzepten“ für Autos reden. „Die E-Mobilität wird sich dann durchgesetzt haben“, sagte er. „Die irreführende und zum Teil irrationale Diskussion um vermeintliche Alternativen wird im Sand verlaufen“.

Aufsichtsratschef Hans Dieter Pötsch sagte: „Wir treiben die Transformation des Volkswagen-Konzerns mit Entschlossenheit voran und fokussieren mit unseren Investitionen auf die Zukunftsfelder der Mobilität“. Im Vergleich zur Planungsrunde des Vorjahres stockt VW die Investitionen damit um rund zehn Prozentpunkte auf. Allein für die Elektromobilität will das Unternehmen rund 33 Milliarden Euro ausgeben. Die Investitionen für Elektromobilität, Hybridmodelle und vernetztes Fahren machen damit mehr als 40 Prozent der Investitionen in Sachanlagen und der gesamten Forschungs- und Entwicklungskosten aus.

75 reine Elektromodelle in den nächsten zehn Jahren

Bislang war ein gutes Drittel geplant gewesen. „Wir werden die erheblich verschärften EU-Flottengrenzwerte ab 2020 einhalten“, sagte Diess. Elektrifizierung sei der mit großem Abstand kostengünstigste Weg zu CO2-freier Mobilität „und somit richtig für die Gesellschaft, unsere Mitarbeiter und deren Arbeitsplätze und letztlich auch für unsere Aktionäre“.

Mit den höheren Investitionen setzt sich VW beim Absatz seiner Elektroautos ehrgeizigere Ziele. Bis 2029 will das Unternehmen rund 26 Millionen reine Elektroautos ausgeliefert haben, dazu fast sechs Millionen Hybridfahrzeuge. Bislang waren bis 2028 rund 22 Millionen Elektroautos geplant. In den nächsten zehn Jahren will VW bis zu 75 reine Elektromodelle auf den Markt bringen, dazu etwa 60 Hybridfahrzeuge. „In zehn Jahren werden dann in der EU über 40 Prozent aller neuen Pkw unseres Konzerns elektrisch fahren“, sagte Diess.

Der VW-Chef setzt bei der Elektrifizierungsoffensive auf den Größenvorteil des Konzerns mit seinen Marken von VW über Audi und Porsche bis zu Seat und Skoda. „Wir wollen unsere Skalenvorteile nutzen und größtmögliche Synergien heben“, sagte er. Wegen der schwächeren Autokonjunktur setzt Diess gleichzeitig weiter auf strikte Kostensenkung. VW arbeite „an der Steigerung unserer Produktivität, unserer Effizienz und Kostenposition“, sagte er. „Wir müssen weiter effizienter, produktiver und profitabler werden.“

Modularer Elektrobaukasten als Basis für verschiedene Modelle

Helfen soll VW dabei der für die Elektroautos mehrerer Marken entwickelte Modulare Elektrobaukasten (MEB). Im umgebauten VW-Werk im sächsischen Zwickau hat Anfang des Monats die Serienproduktion des auf dem MEB basierenden neuen ID.3, des ersten reinen Elektroautos von VW, begonnen. Vom Sommer 2020 an will VW den ID.3 auf allen europäischen Märkten anbieten.

Etwa 20 Millionen Elektroautos sollen den neuen Planungen zufolge bis 2029 allein auf dieser MEB-Plattform gebaut und verkauft werden. In Hannover soll künftig der ID.Buzz produziert werden, der Elektroerbe des legendären VW-Busses. Für Emden bestätigte der Aufsichtsrat die Planung, von 2022 an den ID.Next, einen Elektro-Stadtgeländewagen (SUV), zu bauen.

In Deutschland sollen Elektroautos in Zwickau, Emden, Hannover, Dresden und bei Porsche in Zuffenhausen gebaut werden. Im Ausland werden Foshan und Anting in China, Chattanooga in den Vereinigten Staaten und Mlada Bolesav in der Tschechischen Republik umgerüstet. In Anting begann dieser Tage die Vorproduktion des ID., der dort Ende 2020 in einer speziell für China entwickelten Version auf den Markt kommen soll.

Der bisher in Emden produzierte Passat soll - ebenso wie der Skoda Superb - in das geplante neue Werk in der Türkei verlagert werden. Hier liegt die endgültige Entscheidung über eine Fabrik nahe Izmir seit den türkischen Militäraktionen in Nordsyrien allerdings vorerst weiter auf Eis. Die Entscheidung zu dem neuen Mehrmarkenwerk soll nach Angaben von VW nun bis zum Jahresende fallen.

„Amerikaner nicht unterschätzen“

Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil (SPD), der für das Land als zweitgrößtem Anteilseigner im VW-Aufsichtsrat sitzt, wies darauf hin, dass nun neben der Automobilindustrie auch die Politik in der Pflicht sei, um einer klimaschonenden Mobilität den Weg zu ebnen. „Das schönste Elektroauto bringt uns umweltpolitisch nicht weiter, wenn seine Batterien mit Kohlestrom hergestellt und aufgeladen werden“, sagte Weil. Der Klimaschutz in Deutschland stehe inmitten einer Bewährungsprobe: Ohne Windenergie würden die ambitionierten Ziele, die wir uns gesetzt haben, nicht erreichbar sein.“

Die neuen Planungen, über die der Aufsichtsrat jetzt beschloss, hatte Volkswagen bereits vorbereitet, bevor Tesla-Chef Elon Musk überraschend ankündigte, in der Nähe von Berlin eine Giga-Fabrik des amerikanischen E-Auto-Pioniers zu bauen. Die Ankündigung von Musk und die spürbar aufgestockten Investitionen von VW zeigen aber, dass die Branche fest darauf setzt, dass sich das Elektroauto auch in Europa durchsetzen wird.

Diess hatte schon in der Vergangenheit immer davor gewarnt, die Amerikaner zu unterschätzen. „Tesla ist nicht nur Elektroauto, sondern auch ein hochvernetztes Auto“, sagte er der FAZ im Frühjahr. Während Tesla bei der Vernetzung einen Vorsprung habe, sei VW in der Produktion, bei der Hardware noch überlegen.

Ehemaliger BMW-Vorstand soll neuer Audi-Chef werden

Der VW-Aufsichtsrat beschloss am Freitag zudem, den früheren BMW-Vorstand Markus Duesmann zum neuen Audi-Chef und in den Konzernvorstand berufen. Da BMW den Manager zum April 2020 ziehen lässt, kann er dann die Führung des Autobauers in Ingolstadt übernehmen, hieß es.

Diess hatte den einstigen BMW-Einkaufsvorstand schon 2018 aus München abgeworben. Audi-Chef Bram Schot wird zum 31. März aus dem Unternehmen ausscheiden, wie heißt „in bestem Einvernehmen“. Zu Duesmann Aufgaben im Konzern gehört künftig auch die Konzernforschung und -entwicklung, die aktuell bei VW-Chef Diess liegt. Diess wird im Gegenzug die Verantwortung für den Konzernvertrieb übernehmen.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Germis, Carsten (cag.)
Carsten Germis
Wirtschaftskorrespondent in Hamburg.
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