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Milliardenverlust

Warum sich die Bahn nicht an die Abstandsregeln hält

Von Kerstin Schwenn, Berlin
Aktualisiert am 30.07.2020
 - 13:28
Ein Mitarbeiter des DB-Fernverkehrswerk Dortmund saugt mit einem Staubsauger den Fußboden in einem Zugabteil eines ICE-Zuges.
Die Corona-Krise hat die Deutsche Bahn „in die schlimmste finanzielle Krise seit ihrem Bestehen gestürzt“, verkündet Chef Richard Lutz – und verteidigt den Verzicht auf das Abstandsgebot im Zug.

Angesichts der steigenden Zahl von Corona-Neuinfektionen sind viele Bahnfahrer verunsichert. Sie scheuen das Risiko, in oft wieder gut gefüllten Zügen auf engem Raum für längere Zeit mit anderen zusammenzusitzen. Trotzdem will die Deutsche Bahn die Auslastung ihrer Züge nicht künstlich begrenzen. Es soll weiterhin weder eine Reservierungspflicht geben noch ein striktes Abstandsgebot von 1,50 Metern.

„Zum Glück steigen Nachfrage und Auslastung jetzt wieder“, sagte Bahnchef Richard Lutz am Donnerstag in Berlin. „Wir beobachten sogar eine kleine Sonderkonjunktur, weil viele Leute in Deutschland Urlaub machen. Gleichzeitig wollen wir Situationen vermeiden, in denen sich ein höheres Risiko ergeben könnte.“ Deshalb werde vermehrt gereinigt, desinfiziert und gelüftet. Die Bahn-App DB Navigator sei um die Anzeige der Auslastung ergänzt worden. „Über eine Reservierungspflicht diskutieren wir zurzeit nicht – auch, weil unsere Kunden genau diese Flexibilität unseres offenen Systems schätzen“, sagte Lutz.

Mit Rekordinvestitionen gegen die Krise

Der Bahnchef verteidigte außerdem den Verzicht auf das Abstandsgebot im Zug. Um das Risiko einzudämmen, gebe es die Maskenpflicht, die weitgehend befolgt werde. Hartnäckige „Maskenverweigerer“ würden in Abstimmung mit der Bundespolizei im Extremfall zum Schutz der Mitfahrer und Bahn-Mitarbeiter „von der Beförderung ausgeschlossen“, sagte Lutz. Er wies darauf hin, dass es bisher keine Hinweise gebe, dass die Ansteckungsgefahr in Zügen besonders hoch sei. „Nach heutigen Erkenntnissen ist Bahnfahren auch in Corona-Zeiten sicher.“ Dafür sprächen erste Ergebnisse aus Studien sowie der niedrige Krankenstand in der Bahn-Belegschaft.

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Wirtschaftlich kann es sich die Deutsche Bahn tatsächlich nicht leisten, die Auslastung ihrer Züge zu begrenzen. Der Konzern wird im laufenden Jahr voraussichtlich mehr als 5 Milliarden Euro Verlust verbuchen müssen, zum Halbjahr sind es schon 3,7 Milliarden Euro. Das bestätigte Finanzvorstand Levin Holle. Bahn-Chef Lutz sagte, die Corona-Pandemie habe die Bahn „in die schlimmste finanzielle Krise seit ihrem Bestehen gestürzt“. Die Zahl der Fahrgäste sank in den ersten sechs Monaten um 37 Prozent auf knapp 663 Millionen, der Umsatz ging um 11,8 Prozent auf 19,4 Milliarden Euro zurück. Für das gesamte Jahr befürchtet der Vorstand einen Umsatzrückgang von 44 auf 38,5 Milliarden Euro. Mit einer echten Erholung rechnet er erst im Jahr 2022.

Gegen die Krise will der Konzern sich mit Rekordinvestitionen stemmen. Im ersten Halbjahr seien netto 2,8 Milliarden Euro investiert worden, berichtete Lutz, im gesamten Jahr seien 5,6 Milliarden Euro geplant. Holle sagte, die Verschuldung des Konzerns solle in diesem Jahr möglichst auf 27 Milliarden Euro begrenzt bleiben – rund 3 Milliarden Euro mehr als zu Jahresanfang. Dies kann aber nur gelingen, wenn sich die EU-Kommission nicht dem Vorhaben der Bundesregierung widersetzt, im Zuge des Konjunkturpakets das Eigenkapital der Bahn um 5 Milliarden Euro aufzustocken. Holle rechnet mit einem positiven Ausgang der Brüsseler Beihilfeprüfung bis zum Jahresende.

50 Prozent der üblichen Auslastung

Schon länger ist klar, dass der Umsatzeinbruch wegen Corona im Fernverkehr, Regionalverkehr und Güterverkehr in Anbetracht der hohen Fixkosten fast eins zu eins auf das Konzernergebnis durchschlägt. Nun kommt noch eine Sonderabschreibung von 1,4 Milliarden Euro auf den Wert der Tochtergesellschaft DB Arriva hinzu, in der das Auslandsgeschäft im Nahverkehr gebündelt ist. Holle betonte, dies habe die Corona-Sonderprüfung der Wirtschaftsprüfer zum Halbjahr ergeben.

Ferner muss die Bahn aber noch eine halbe Milliarde Euro Verlust aus einer weiteren Sonderabschreibung sowie Zinsen verdauen. Bei der chronisch defizitären Güterbahn DB Cargo habe sich dagegen kein Wertberichtigungsbedarf gezeigt, sagte Holle. Die Güterbahn macht seit Jahren Verluste in dreistelliger Millionenhöhe, im vergangenen Jahr gab es ein negatives Ergebnis vor Steuern und Zinsen von gut 300 Millionen Euro. Den für das Jahr 2020 in der Planung angepeilten Verlust von 350 Millionen Euro hat DB Cargo schon zur Jahresmitte eingefahren. Im Zuge des Lockdowns waren Aufträge etwa aus der Autoindustrie fast ganz weggebrochen. Der Transport von Toilettenpapier und Nudeln konnte das nicht wettmachen – zumal auch diese Güter inzwischen wieder auf der Straße befördert werden.

Da die Fahrgastzahlen im Personenverkehr während des Lockdown auf 10 Prozent schrumpften und jetzt erst rund 50 Prozent der üblichen Auslastung erreicht werden, schreiben auch DB Fernverkehr und DB Regio rote Zahlen. Im ersten Halbjahr habe der Konzern einen Betriebsverlust (Ergebnis vor Zinsen und Steuern) von 1,8 Milliarden Euro verzeichnet, heißt es in Aufsichtsratskreisen. Im zweiten Halbjahr sei mit monatlichen Verlusten von rund 250 Millionen Euro zu rechnen, zum bisherigen Verlust summieren sich also noch einmal 1,5 Milliarden Euro. Das Minus im Halbjahr wäre sogar noch dramatischer ausgefallen, hätte die Bahn im Januar und Februar nicht ein Rekordplus bei Fahrgästen und Ergebnis erreicht – eine Folge der Mehrwertsteuersenkung auf Fernverkehrtickets zu Jahresbeginn.

Das globale Logistikgeschäft der Tochtergesellschaft DB Schenker ist derzeit die einzige betriebliche Sparte, die schwarze Zahlen schreibt. Von Januar bis Juni wuchs das Schenker-Ergebnis sogar noch, und zwar um rund 17 Prozent im Vergleich zum ersten Halbjahr 2019. Auch für das gesamte Jahr erwartet der Bahnvorstand hier einen Gewinn. In der Bahn wird diese Entwicklung als Bestätigung dafür angesehen, Schenker im Portfolio zu behalten. Aus der Politik kommen immer wieder Forderungen, die „Auslandsbeteiligungen“ Schenker und Arriva abzustoßen und sich auf das heimische Bahn-Geschäft zu konzentrieren.

Tatsächlich wollte der Bahn-Vorstand Arriva im vergangenen Jahr verkaufen. Keines der Angebote im Verkaufsverfahren erreichte jedoch nur annähernd den erhofften Erlös von mehreren Milliarden Euro. Als Begründung wurden die Unsicherheit durch den Brexit und die Verstaatlichungen auf dem britischen Bahnmarkt genannt. Mit rund 60 Prozent Umsatz ist Großbritannien der Hauptmarkt von Arriva. Der Verkauf wurde abgesagt. In der Corona-Krise sind sowohl Großbritannien als auch Italien und Spanien besonders belastet, ebenfalls wichtige und nun extrem verlustreiche Märkte. Holle kündigte an, man werde alle Arriva-Märkte im einzelnen überprüfen und teilweise personell neu aufstellen.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Schwenn, Kerstin
Kerstin Schwenn
Wirtschaftskorrespondentin in Berlin.
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