Stress in der Lieferkette

Was Unternehmen gegen den Materialmangel tun

Von Mark Fehr
14.08.2021
, 14:27

              Begehrte Klümpchen: Kunststoffgranulate etwa für Baumaterial in einem Aufbereitungsbetrieb in Sachsen-Anhalt
Auch die wichtige Kunststoffbranche leidet unter der Knappheit und den stark gestiegenen Preisen für Vorprodukte. Eine Umfrage zeigt, welche Maßnahmen die Hersteller dagegen ergreifen wollen.
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Die Kunststoffindustrie gehört zu den Branchen, die am stärksten unter dem weitverbreiteten Mangel an Vorprodukten leiden. In vielen Wirtschaftszweigen ist die Nachfrage nach Material und Zulieferteilen schneller gewachsen, als die von den Lockdowns der Vergangenheit noch immer beeinträchtigten Lieferketten und Produktionskapazitäten Schritt halten konnten. Die damit verbundenen Lieferschwierigkeiten und rasant gestiegenen Beschaffungspreise könnten die Erholung der Konjunktur ausbremsen, bevor sie richtig an Fahrt gewinnt.

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Auch die Kunststoffindustrie hat sich von den Folgen der Pandemie schneller erholt als erwartet. Ihre Produkte kommen in nahezu allen Lebensbereichen zum Einsatz, etwa als Gehäuse von Computern und anderen elektronischen Geräten, als Bauteile in Autos, Flugzeugen und Maschinen oder als alltägliche Verpackungsmaterialien und Hygieneprodukte. Ein Drittel der Unternehmen rechnet mit einem wachsenden Geschäft für das zweite Halbjahr, wie die Ende Juli veröffentlichte Konjunkturumfrage durch das Branchenmedium KI – Kunststoff Information ergab.

Doch gleichzeitig belasten explodierende Materialkosten und Materialknappheit die Branche. Laut KI-Umfrage haben neun von zehn befragten Unternehmen leidvolle Erfahrungen damit gemacht. Die beeinträchtigte Lieferfähigkeit von Vorlieferanten hat sich in der ersten Jahreshälfte als größte Herausforderung gezeigt – ganz anders als zu Jahresbeginn erwartet. Ein Teilnehmer der Umfrage wird wie folgt zitiert: „Derzeit können wir etwa 15 Prozent unseres Auftragsvolumens nicht produzieren.“ An der per E-Mail verschickten Umfrage teilgenommen haben 491 Unternehmen vom 7. Juni bis 2. Juli.

Ungleiche Machtverhältnisse zwischen Zulieferern und Abnehmern

Eine Besserung der Situation erwarten 40 Prozent der Unternehmen frühestens im kommenden Jahr. Auch eine Anfang August veröffentlichte Umfrage durch das ifo-Institut ergab, dass Hersteller von Gummi- und Kunststoffwaren stark unter der Knappheit an Vorprodukten leiden. Ihnen machen demnach vor allem die stark gestiegenen Preise für Kunststoffgranulate zu schaffen. Stärker von Materialmangel betroffen sind laut ifo-Umfrage lediglich die Autoindustrie und die Hersteller von elektrischer Ausrüstung, die beide unter dem Mangel an Computerchips leiden.

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Kunststoffhersteller beziehen ihre Vorprodukte zu einem bedeutenden Teil von großen Chemiekonzernen. Die Machtverhältnisse zwischen Zulieferern und Herstellern sind also ganz anders gelagert als etwa in der Autoindustrie. Während dort wenige mächtige Automarken ein Heer von oft kleineren Zulieferern dirigieren, handelt es sich bei den Abnehmern chemischer Vorprodukte oft um kleinere oder mittelgroße Spezialisten. Sie können kaum etwas dagegen tun, wenn die Lieferanten die Preise erhöhen oder mit dem Hinweis auf höhere Gewalt Lieferungen stoppen.

Zu welchen Gegenmaßnahmen greifen die betroffenen Unternehmen angesichts knapper Vorprodukte und steigender Preise? Laut KI-Umfrage wollen 61 Prozent ihre Lieferanten wechseln oder den Kreis der Zulieferer erweitern. Knapp die Hälfte will demnach auch prüfen, ob ein Umstieg auf andere Materialien möglich ist. Ein knappes Drittel der von Materialmangel geplagten Unternehmen plant den Auf- und Ausbau seiner Silo- und Lagerkapazitäten. Und ein Viertel der Befragten denkt darüber nach, sich mit anderen Herstellern zu Einkaufskooperationen zusammenzuschließen oder recycelte Vorprodukte einzusetzen. Ein Umfrageteilnehmer wird auch wie folgt zitiert: „Wir werden kurzfristig in Europa die Produktionskapazitäten schaffen.“

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Eine breite Rückverlagerung von Produktion ist allerdings weder für die Kunststoffindustrie zu erwarten noch für die gesamte deutsche Wirtschaft. So ergab eine weitere durch das ifo-Institut am Dienstag veröffentlichte Studie, dass die meisten Industrieunternehmen trotz der aktuellen Schwierigkeiten an ihren internationalen Lieferketten festhalten wollen. Nur jedes zehnte von 5000 befragten Unternehmen will demnach vermehrt Vorprodukte und Material auf heimischen Märkten beschaffen. Stattdessen will die Mehrzahl ihre Lagerhaltung ausbauen und die Zahl der Zulieferer erhöhen.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Fehr, Mark
Mark Fehr
Redakteur in der Wirtschaft.
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