Brauereien

Welche Biermarken die Pandemie besonders hart trifft

Von Tillmann Neuscheler
21.01.2021
, 14:53
Im Lockdown trinken die Verbraucher zwar auch zu Hause mehr Bier. Aber eben nicht so viel, wie sonst in Kneipen und auf Festivals. Ein „rabenschwarzes Jahr“ schimpft der Brauerbund. Doch es gibt auch Gewinner.

So wenig Bier wie im vergangenen Jahr haben die Deutschen seit Jahrzehnten nicht mehr getrunken: Pro Kopf waren es laut einer Schätzung des Deutschen Brauerbundes nur noch 95 Liter – fast fünf Liter weniger als ein Jahr zuvor. Der deutsche Biermarkt hat laut Aussagen des Veltins-Generalbevollmächtigten Michael Huber in diesem Jahr so viel verloren wie in den vergangenen zehn Jahren zuvor. Nach ersten Prognosen schrumpfte der Absatz insgesamt um rund 6 Prozent – das entspricht 5,5 Millionen Hektolitern oder, bildlich gesprochen, 55 Millionen Bierkisten weniger. „Die Situation ist dramatisch und in der Nachkriegszeit ohne Beispiel“, sagt der Hauptgeschäftsführer des Brauerbundes, Holger Eichele. Von einem „rabenschwarzen Jahr“ spricht auch Radeberger-Chef Guido Mockel.

Während das Geschäft mit Fassbier für die Gastronomie zeitweise vollständig zum Erliegen kam, legte der Verkauf von Flaschenbier bei einigen Brauereien aber sogar zu, weil die Verbraucher in den eigenen vier Wänden mehr getrunken haben als sonst. Das hat Folgen für die Branche: Je mehr sich eine Brauerei auf die Gastronomie und damit auf Fassbier spezialisiert hat, umso verheerender sind jetzt die Verluste.

In den Jahren vor Corona haben die Brauereien im Schnitt rund 20 Prozent ihres Umsatzes mit Fassbierverkäufen erwirtschaftet. Weil bei den großen Brauereien wie Krombacher, Radeberger, Beck’s und Veltins der Gastro-Anteil vergleichsweise niedrig ist, kamen sie mit leichten Blessuren davon. So verlor die zum weltgrößten Bierkonzern AB Inbev gehörende Marke Beck’s nach Angaben des gewöhnlich sehr gut informierten Branchendienstes „Inside Getränke“ insgesamt nur rund 2 Prozent verkaufte Menge, Veltins nur 3,5 und Krombacher weniger als 5 Prozent. Einige wenige Marken wie Mönchshof (plus 19,8 Prozent), Jever (plus 3,5) und Augustiner (plus 2,6) konnten den Absatz sogar steigern. Sehr hart treffen die Einschnitte dagegen Warsteiner. Die einst größte deutsche Brauerei muss einen Absatzverlust von mehr als 16 Prozent verkraften, auch weil sie im vergangenen Jahr die Preise erhöht hat und über einen sehr großen Gastronomieanteil von fast der Hälfte des Absatzes verfügt.

Bei vielen kleinen Regionalbrauern liegt der Gastroanteil sogar noch höher – bis zu 90 Prozent. Viele von ihnen hat die Pandemie daher mit voller Wucht getroffen. Laut Brauerbund leiden vor allem kleine Betriebe mit bis zu 30 Mitarbeitern unter der Schließung der Gastronomie und der Absage von Festivals und Schützenfesten. Viele mussten erhebliche Mengen an Fassbier von der Gastronomie zurücknehmen und vernichten, ohne dafür Entschädigung zu erhalten.

So gut wie möglich haben sich die Brauereien an die neue Situation angepasst: „In der Flaschenabfüllung haben wir in diesem Jahr unter Volllast gearbeitet, während daneben die Fassbierabfüllung monatelang stillstand“, erzählt Veltins-Chef Huber im Gespräch mit der F.A.Z. Damit es zu weniger Kontakten unter den Mitarbeitern kommt, habe die Brauerei zwischen den Schichten eine 30-Minuten-Pause eingeführt. Veltins musste im Fassbiergeschäft einen Einbruch von mehr als 56 Prozent hinnehmen, konnte ihn aber durch den Mehrverkauf von Flaschenbier abfedern. Unter dem Strich schrumpfte der Umsatz der Brauerei aus dem Sauerland um knapp 5Prozent.

„Verkraftbar“, kommentiert Huber die Situation mit Blick auf die Entwicklung der vergangenen Jahre, in denen Veltins vom Erfolg verwöhnt war und gegen den Branchentrend jahrelang gewachsen ist. Für den kommenden Sommer zeigt sich der Veltins-Chef wieder optimistisch. Zwar werde der Lockdown womöglich noch bis Ende März verlängert, doch dann werde sich die Situation vermutlich „ruckartig verbessern“. Er rechnet mit vollen Biergärten im Sommer. Veltins kündigte an, über ein Dutzend Mitarbeiter neu einzustellen.

Nach dem erdrutschartigen Einbruch im Frühjahr hatte es schon im vergangenen Sommer für die Bierbranche zeitweise nach einer spürbaren Erholung ausgesehen. „Die Monate August und September liefen außerordentlich erfreulich“, sagt Veltins-Chef Huber: „Für kurze Zeit hatten wir wieder ein anderes Leben.“ Der Bierabsatz in diesen beiden Monaten lag wegen des schönen Wetters, der vielen Zuhausegebliebenen und der ausgeweiteten Außengastronomie für kurze Zeit sogar leicht über dem Wert des Vorjahres, doch dann schlug die zweite Welle ins Kontor.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Neuscheler, Tillmann Jörg
Tillmann Neuscheler
Redakteur in der Wirtschaft.
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