Künftiger TUI-Chef

Der heimattreue Weltreisende

Von Timo Kotowski
02.07.2022
, 10:42
Sebastian Ebel wird im Herbst der neue TUI-Chef.
Sebastian Ebel wird neuer TUI-Chef. Er mag Braunschweig und Fehmarn. Nun muss er das Geschäft mit Reisen um die ganze Welt fit für die Nach-Corona-Zeit machen. Seine lange Geschichte im und mit dem Konzern dürfte ihm dabei helfen.
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Kürzlich war Sebastian Ebel wieder auf Fehmarn, ein im Netz gepostetes Foto vom 1904 erbauten Leuchtturm Staber­huk deutet daraufhin. Dazu gab es ein paar nachdenkliche Zeilen, wie der Bau des Fehmarnbelttunnels nach Dänemark den Tourismus auf der Ostseeinsel verändern werde. Veränderungen im Tourismus werden Ebel künftig auch anderswo sehr beschäftigen. Zum Oktober wechselt er im größten Reisekonzern TUI vom Finanzressort auf den Vorstandsvorsitz. Freie Tage verbringt er, so ist zu hören, indes gern auf Fehmarn, auch wenn TUI viel mehr Urlauber auf griechische Inseln und erst recht nach Mallorca bringt.

Eine Heimatverbundenheit gehört zu dem Manager aus Braunschweig. Dort wurde er geboren, dort wuchs er auf, er studierte dort, und der Sportklub Eintracht Braunschweig ist für ihn eine Herzensangelegenheit. Zwölf Jahre bis 2020 war er dessen Präsident, in dieser Zeit gelang sogar die Rückkehr in die Erst Fußball-Bundesliga – wenn auch nur für eine Saison. Beruflich hat er fast die gesamte Welt im Blick, TUI lässt am Mittelmeer, in der Karibik, in Thailand und demnächst auch im Senegal urlauben. Und es sind keine Zweifel zu hören, dass es ein langgehegter Wunsch Ebels war, im Konzern sehr hoch aufzusteigen. Vorstandschef Fritz Joussen nutzt eine Ausstiegsklausel in seinem Vertrag zum vorzeitigen Rückzug, das macht den Weg nun für Ebel frei. Der Aufsichtsratsvorsitzende Dieter Zetsche bescheinigt, Ebel habe „strategisch wie operativ einen klaren Anspruch an die Entwicklung der TUI“.

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Die Buchungszahlen sind aktuell gut, trotz Inflation lassen sich Kunden nach zwei Corona-Jahren nicht vom Reisen abhalten. TUI rechnet damit, an Werte vor der Pandemie anknüpfen zu können. Die Finanzlage ist verbesserungsbedürftig, obwohl TUI am Freitag die Rückzahlung einer stillen Einlage des Bundes über 671 Millionen Euro meldete. Von der Krise sind TUI vor allem Schulden geblieben. Die Nettofinanzschulden von zuletzt 3,9 Milliarden Euro lassen sich aber aus laufenden Einnahmen nicht zügig tilgen.

Der Mann fürs Lösen von Problemen

Den Konzern und dessen Geschichte dürfte Ebel besser kennen als alle anderen auf der Führungsetage. Die meiste Zeit seiner Laufbahn war er bei TUI. Er fing 1991 im Controlling an, der Konzern hieß damals noch Preussag und war nicht nur auf Reisen fokussiert. 1997 wechselte er kurz zum damaligen VIAG-Konzern, kehrte 1998 ins Urlaubsgeschäft zurück. Nach der Umbenennung in TUI rückte Ebel in den Vorstand. Von 2008 bis 2013 folgten Abstecher zur Autowerkstattkette ATU und zu Vodafone Deutschland, wo er mit Joussen zusammenarbeitete. Der holte ihn nach seinem Wechsel zu TUI wieder dorthin.

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Die meiste Zeit galten die beiden als enges Gespann. Für Problemfälle im TUI-Reich war Ebel der Mann, der sie in den Griff bekommen sollte. Das galt für die Luxusseereisen von Hapag-Lloyd-Kreuzfahrten. Es galt für das in ein Feriendorf zu verwandelnde Toskana-Örtchen Castelfalfi. Das Projekt war eine teure Altlast, die der frühere Vorstandschef Michael Frenzel hinterlassen hatte. Ebel gelang es, Castelfalfi in abgespeckter Form fertigzubauen und in der Pandemie weiterzuverkaufen.

Besonders wichtig war die Rolle des Problembekämpfers für das Zusammenführen der beiden börsennotierten Konzernteile, der Holding TUI AG in Hannover und TUI Travel in Großbritannien – eine Erbschaft aus der Vor-Joussen-Ära, die durch eine unvollendete Übernahme entstanden war. Ohne diesen Schritt hätte auch Joussens Sanierungsgeschichte bei TUI vorzeitig enden können, doch der Zusammenschluss glückte.

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Mit Liebe zum Detail

Sooft Joussen und Ebel als Manager-Doppel genannt werden, so unterschiedlich arbeiten sie. Joussen zeichnet gern große Strategielinien wie den Plan für einen Reise-Blockchain-Konzern oder für ein Urlaubs-Amazon. Ebel vertieft sich stärker ins Konkrete. Da ohnehin Geld für Zukäufe und Großinvestitionen fehlt, gilt nun ein Chef, der näher am Tagesgeschäft steht, als passende Wahl.

Ebels Detailliebe hat den Vorzug, dass er Fallstricke im komplexen Reiseveranstaltergeschäft besser kennt. Die Kehrseite sind Managerklagen, dass er sich immer wieder in deren Zuständigkeiten eingemischt haben soll. Auch nach ­seinem Aufgabenwechsel im Vorstand vom „Holiday-Experiences“-Ressort mit Hotels, Schiffen und Ausflügen zu den Finanzen trat er im Zusammenhang mit Hotels und Schiffen in Erscheinung. Nur das Zahlenwerk war ihm nicht genug.

Der damalige TUI-Deutschland-Chef Marek Andryszak warf 2021 auch deshalb genervt hin. Er war nie Ebels Wunschkandidat für den Posten, auf dem er auch noch dessen Nachfolge angetreten hatte. Lieber hätte Ebel die Deutschlandführung wohl selbst behalten – in der besonderen Kon­stel­la­tion, dass sich in einem Land ein Konzernvorstand persönlich um das Endkundengeschäft kümmert. Das gehörte zum Problembekämpferauftrag, da auf dem deutschen Markt die Margen niedriger waren als anderswo. Eine Wende war Ebel allerdings – ebenso wie seinen Vorgängern – nicht geglückt. Dass er Andry­szak den Posten geben musste, soll das Verhältnis zu Joussen belastet haben.

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Hauptsache keine Langeweile

Die Margen schossen zwar nicht hoch, aber der TUI-Marktanteil ist hierzulande gestiegen. Einst war er unter 25 Prozent gefallen, in diesem Jahr sind 30 Prozent greifbar. Geholfen hat, dass der Rivale Thomas Cook untergegangen ist. Auch Joussen und Ebel müssen sich wieder zusammengerauft haben. 2018 war für das Finanzressort noch der externen Kandidatin Birgit Conix der Vorzug gegeben worden. Als die Belgierin nach nur zwei Jahren wieder ging, kam Ebel zum Zug und wurde aussichtsreichster Kandidat für eine Joussen-Nachfolge, obwohl beide mit 59 Jahren gleich alt sind. In einem Mitarbeiter-Rundbrief bezeichnet Joussen seinen Nachfolger nun als „exzellente Wahl“. Zur Tilgung der stillen Einlage am Freitag äußerten sie sich gemeinsam: TUI sei „auf dem Weg zurück zu einem normalen Unternehmen“.

Andere haben über die Jahre den Konzern verlassen – wie Johan Lundgren. Der Schwede war einst bei TUI Travel der starke Mann fürs Operative. Als die Konzerngesellschaften verschmolzen, war für ihn auf den weniger gewordenen Vorstandsstühlen neben Joussen und Ebel kein Platz mehr. Die Perspektive auf den Vorsitz war auch futsch. Heute ist Lundgren Chef des Billigfliegers Easyjet – und ärgert seinen früheren Arbeitgeber etwas, indem er unter der Marke Easyjet Holidays selbst Pauschalreisen vermarktet. Doch Langeweile scheint Ebel sowieso nicht zu liegen. Sonst hätte er nicht lange die Zusatzaufgabe bei Eintracht Braunschweig bewältigt, auch in der evangelischen Landeskirche in seiner Heimat ist er engagiert.

Für TUI schreibt ihm Chefaufseher Dieter Zetsche keinen Strategieschwenk ins Aufgabenbuch. „Er wird die Stärkung der Bilanz vorantreiben und hat klare Ambitionen bei Produkt, Service und pro­fita­blem Wachstum der Geschäftsfelder“, wurde Zetsche zitiert. Reisebüros hoffen indes, dass Ebel sie künftig häufiger erwähnt. Vertriebspartner sind nach vielen TUI-Reden über Digitalisierung und dem Verstummen ihrer Servicehotline am Beginn der Pandemie verstimmt, mancher vermittelte im Ärger auch Urlaube der Konkurrenz. Für Wachstumsambitionen wird Ebel auch diese Partner wieder begeistern müssen.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Kotowski, Timo
Timo Kotowski
Redakteur in der Wirtschaft.
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