Winterkorn-Prozess

Unpopuläre Fürsorge

EIN KOMMENTAR Von Marcus Jung
26.08.2021
, 21:46
Martin Winterkorn, einst Vorstandschef von Volkswagen, ist gesundheitlich angeschlagen. Wird der Prozess gegen ihn erst 2023 stattfinden?
Jeder Angeklagte hat Recht auf ein faires Verfahren. Doch im Fall von Martin Winterkorn sorgt die mögliche Aussetzung für Ärger und Verwirrung. Die Richter sollten kein Verständnis für ihren Vorstoß erwarten.
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Jeder hat in Deutschland Anspruch auf ein faires Verfahren. Dabei kommt es auch auf die körperliche Konstitution an. Es ist keiner Wahrheitsfindung gedient, wenn der Angeklagte im Gerichtssaal umkippt – egal ob er Max Mustermann oder Martin Winterkorn heißt. Mit seiner Ankündigung, das Strafverfahren gegen den einst mächtigsten Strippenzieher im VW-Konzern abzutrennen, kommt das Landgericht Braunschweig einer Fürsorgepflicht nach.

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Ihre Entscheidung haben die Richter durch ein medizinisches Gutachten abgesichert. Es bestätigt: Winterkorn hält keinen langen Prozess durch. Vielen Bürgern ist vollkommen egal, ob seine Gesundheit vielleicht 2023 wiederhergestellt ist. In ihren Augen bestätigt die Verschiebung wieder einmal, dass die einflussreichen Manager im größten Industrieskandal Deutschlands davonkommen, während erkrankte Normalbürger vergleichsweise weniger geschont werden.

Die Strafjustiz hat es nicht zur Aufgabe, jeden Einzelnen in seiner Meinung zu bekehren. Strafgerichte müssen Aufklärung leisten, sie müssen rechtssichere Entscheidungen fällen, die für die Menschen verständlich sind. Unpopuläre Schritte wie im Fall Winterkorn zeigen deutlich, wie breit der Graben zwischen Justiz und Bürgern bisweilen sein kann.

Quelle: F.A.Z.
Autorenbild/ Marcus Jung
Marcus Jung
Redakteur in der Wirtschaft.
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