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Gebäck-Erbin

Wirbel um die „Kapitalistin“ Verena Bahlsen

Von Christian Müßgens, Hamburg
 - 15:59

Es begann auf dem „Online Marketing Rockstars“-Festival in Hamburg, wo Verena Bahlsen eine Rede vor Werbern, Influencern und Digitalstrategen hielt. „Um es klar zu sagen: Ich bin Kapitalist“, sagte die 25 Jahre alte Tochter des Unternehmers Werner Michael Bahlsen, die ein Viertel der Anteile des gleichnamigen Keksherstellers aus Hannover hält. „Ich will Geld verdienen und mir Segeljachten kaufen von meiner Dividende und sowas“, fügte sie mit Blick auf den Juso-Chef Kevin Kühnert an, der ebenfalls auf der Konferenz war und kurz vorher mit Gedankenspielen zum Sozialismus für Wirbel gesorgt hatte.

Trotz ihres ironischen Untertons, und trotz des darauf folgenden Plädoyers für mehr Verantwortung in der Wirtschaft, wurde Bahlsen das übel ausgelegt. So vergesse sie, dass ihr Reichtum auch auf der Beschäftigung von Zwangsarbeitern während des Nationalsozialismus basiere, lautete ein Vorwurf auf Twitter.

Statt zurückzurudern, heizte Bahlsen, die in Berlin ein hauseigenes Start-up des Familienunternehmens namens Hermann’s leitet, die Diskussion in den Tagen darauf noch an. „Das war vor meiner Zeit, und wir haben die Zwangsarbeiter genauso bezahlt wie die Deutschen und sie gut behandelt“, sagte sie der „Bild“-Zeitung. Das Unternehmen habe sich nichts zuschulden kommen lassen.

Da war der Sturm der Entrüstung programmiert: Bahlsen verharmlose die Zwangsarbeit, hieß es. Sogar der Generalsekretär der SPD, Lars Klingbeil, meldete sich zu Wort. Sie solle nicht „so abgehoben auftreten“, sagte er. „Es ist kein Wunder, dass Menschen den Glauben an Gerechtigkeit verlieren, wenn Millionen-Erben über Jachten und nicht über Verantwortung reden“.

Das Unternehmen bemüht sich jetzt darum, die Wogen zu glätten. Der Gebäckhersteller, der rund 3000 Mitarbeiter beschäftigt, sei sich über das große Leid und das Unrecht bewusst, das den Zwangsarbeitern und vielen anderen Menschen im Nationalsozialismus widerfahren sei, hieß es. Er stehe zu seiner historischen und moralischen Verantwortung. Nach allem was bekannt ist, hatte Bahlsen zwischen 1942 und 1945 rund 200 Zwangsarbeiter beschäftigt, vor allem Frauen aus Osteuropa. Einige von ihnen hatten 1999 gegen Bahlsen geklagt, doch hatte das Landgericht Hannover ihre Forderungen nach einer Entschädigung zurückgewiesen.

Etwa zur gleichen Zeit beteiligte sich Bahlsen wie andere Unternehmen aus Deutschland an der „Stiftungsinitiative der deutschen Wirtschaft für die Entschädigung ehemaliger Zwangsarbeiter“. Dort brachte das Unternehmen etwa 1,5 Million Deutsche Mark ein.

Quelle: F.A.Z.
Christian Müßgens
Wirtschaftskorrespondent in Hamburg.
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