Zukunft von Wirecard

Kerngeschäft nach Spanien verkauft – und nun?

Von Henning Peitsmeier, München
17.11.2020
, 12:07
Wichtige Wendung im Wirecard-Skandal: Der Insolvenzverwalter präsentiert einen Käufer. Doch damit sind längst nicht alle Fragen beantwortet. Eine Übersicht.

Kurz vor der Gläubigerversammlung an diesem Mittwoch hat der Insolvenzverwalter von Wirecard das europäische Kerngeschäft des pleitegegangenen Zahlungsdienstleisters verkauft. Die spanische Banco Santander übernimmt die Technologieplattform in Europa sowie alle dafür notwendigen Vermögenswerte. Auch ein Großteil der davon betroffenen Mitarbeiter wechseln in das globale Händlerservice-Team der spanischen Großbank, teilte Insolvenzverwalter Michael Jaffé mit.

Wirecard rutschte im Juni als erster Dax-Konzern in die Insolvenz. Der Vorstandsvorsitzende Markus Braun ist wie zwei weitere Manager inhaftiert, sein Vorstandskollege Jan Marsalek auf der Flucht. Sie sollen Scheingeschäfte in Milliardenhöhe verbucht haben, um das Unternehmen über Wasser zu halten und Kredite zu erschwindeln. Banken und Investoren sollen so um 3,2 Milliarden Euro geprellt worden sein.

Selbst die Münchner Staatsanwaltschaft, die gegen eine Handvoll Verantwortliche ermittelt, war vom Ausmaß des Betrugs überrascht. Nach ihren Erkenntnissen herrschte in dem Konzern ein „streng hierarchisches System“ mit einem Korpsgeist und Treueschwüren gegenüber Braun.

Muss Braun nach Berlin?

Vor allem das Zahlungsgeschäft in Asien, das Wirecard mangels eigener Lizenzen oft mit Drittpartnern betrieb, bestand offenbar seit dem Jahr 2016 nicht mehr in dem Umfang wie vom Vorstand angegeben - und so ermitteln die Strafverfolger auch wegen bandenmäßigen Betrugs und Bilanzfälschung.

Braun, der in der Justizvollzugsanstalt in Augsburg einsitzt, soll am Donnerstag einem Untersuchungsausschuss des Bundestages Rede und Antwort stehen. Ob er persönlich in Berlin erscheint, darüber muss der Bundesgerichtshof entscheiden. Denn während FDP, Linke und Grüne auf einem persönlichen Erscheinen des 51 Jahre alten Österreichers beharren, will der Inhaftierte angesichts der Coronavirus-Pandemie lediglich per Videovernehmung aus dem Augsburger Gefängnis heraus aussagen. „Wir werden das gerichtlich überprüfen lassen und geben deshalb keine weitere Stellungnahme ab“, hat Brauns Strafverteidiger Alfred Dierlamm klargestellt.

Nach allem, was bisher aus dem Umfeld von Braun zu hören war, sieht sich der Manager selbst als Opfer. Auch Braun, der zwischenzeitlich mehr als 7 Prozent der heute wertlosen Wirecard-Aktien besaß, sei also getäuscht worden.

Für 100 Millionen Euro

Definitiv getäuscht fühlen sich Aktionäre und Investoren der börsennotierten Wirecard AG. Bis zu 350 von ihnen wollen sich am Mittwoch im Münchner Löwenbräukeller zu einer Gläubigerversammlung treffen. Ihnen dürfte klar sein, dass sie angesichts von 3,2 Milliarden Euro Schulden nur einen Bruchteil ihrer Forderungen wiedersehen.

Allein die Fondsgesellschaft DWS, zeitweise der größte Wirecard-Einzelaktionär, erhebt Ansprüche auf mehr als 600 Millionen Euro. Damit nicht genug: „Kommende Woche werden wir gegen Markus Braun, Jan Marsalek und weitere Verantwortliche Strafanzeige erstatten und zivilrechtliche Ansprüche geltend machen“, sagte der Vorstandschef der Deutsche-Bank-Gesellschaft, Asoka Wöhrmann, im Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

Insolvenzverwalter Jaffé will den Gläubigern über den bisherigen Verlauf des Verfahrens berichten, das Ende August eröffnet worden war. Derzeit verhandelt er über den Verkauf mehrerer Wirecard-Gesellschaften, unter anderem in Asien, Südafrika und der Türkei, nachdem schon Teile des Geschäfts in Nordamerika, Rumänien und Brasilien abgegeben wurden.

Recht früh hatten sich zahlreiche Interessenten für das Kerngeschäft von Wirecard in Europa gemeldet, waren dann aber doch wieder abgesprungen. Die Enthüllungen um den groß angelegten Betrug bei Wirecard, die Machenschaften des Managements und die wiederholten Durchsuchungen der Staatsanwaltschaft dürften den einen oder anderen Investor abgeschreckt haben.

Das sieht jedenfalls auch Jaffé so, der Wert legt auf die Feststellung, „den Investorenprozess für das Wirecard-Kerngeschäft trotz ungünstigster Voraussetzungen erfolgreich“ abgeschlossen zu haben. „Dies ist umso bemerkenswerter, als der gesamte Prozess durch immer neue Skandal-Meldungen über Geschehnisse in der Vergangenheit überschattet wurde und anfänglich keine Liquidität zur Aufrechterhaltung des Geschäftsbetriebs verfügbar war.“

So blieben zum Schluss das britische Mobilfunkunternehmen Lycamobile und Santander übrig. Dem Vernehmen nach zahlt die spanische Großbank etwas mehr als 100 Millionen Euro. Dieser Erlös kommt jeweils den Gläubigern zugute.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Peitsmeier, Henning
Henning Peitsmeier
Wirtschaftskorrespondent in München.
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