Die Fed und die Inflation

Amerikas Notenbank muss Fingerspitzengefühl beweisen

Von Winand von Petersdorff
16.06.2021
, 09:33
Im Fokus: die amerikanische Notenbank Federal Reserve in Washington
Mehr freie Stellen und weniger Schuldenlast: Amerikas Wirtschaft erlebt derzeit eine fiebrige Konjunkturerholung. Wird sich das durch Inflation bemerkbar machen – und wie reagiert die Geldpolitik auf die Herausforderung?

Eine gute Woche vor der am Dienstag begonnenen zweitägigen Fed-Sitzung veröffentlichte Chicago Booth eine Umfrage unter führenden Ökonomen zur Frage, ob die aktuelle Kombination aus Geld- und Fiskalpolitik ein ernsthaftes Risiko für eine verlängerte höhere Inflation berge. Immerhin 26 Prozent bejahten, 40 Prozent gaben an, unsicher zu sein, während 23 Prozent verneinten. Der Rest antwortete gar nicht. Einige argumentierten, die amerikanische Notenbank verfüge über genügend Mittel, um eine Inflation zu bändigen. Andere sagten, ein bisschen Inflation sei nicht so schlimm.

Besonders bemerkenswert blieb aber der hohe Anteil der Unsicheren unter Ökonomen, die sonst als Nobelpreisträger, Präsidentenberater oder Prominente ihrer Zunft durchaus pointiert von sich reden machen. „Eine starke Meinung ist unangemessen“, antwortete Verhaltensökonom Richard Thaler.

Tatsächlich erleben die Vereinigten Staaten eine wirtschaftliche Erholung nach der schweren Pandemie-Krise, die gewöhnlichen Genesungsprozessen nach Rezessionen kaum ähnelt. Gerade noch in tiefer Krise, fühlt sich die Lage jetzt wie ein Wirtschaftsboom an. Die Wertschöpfung erreicht Konjunkturforschern zufolge schon dieses Jahr das Vorkrisenniveau.

So verzeichnen die USA für 2020 eine Blüte bei Unternehmensgründungen, gespeist durch Entrepreneure, die Chancen wittern wegen der beschleunigten Verlagerung von Handel, Geschäftstreffen und Kommunikation ins Internet. Dazu kommen offenbar Gründungen aus purer Notwendigkeit. Sie nehmen zu in Regionen mit hoher Arbeitslosigkeit. An Geld für Gründungen scheint es anders als in gewöhnlichen Rezessionen nicht zu mangeln. Gerade Technologieunternehmen haben kaum Probleme, Wagnisfinanziers zu gewinnen.

Keine Spur von Krisenstimmung am Arbeitsmarkt

Ungewöhnlich ist auch die aktuell hohe Bereitschaft der amerikanischen Arbeitnehmer, ihre Arbeitsplätze aufzugeben. Das ist ein Beleg für ihre Zuversicht, einen besseren Arbeitsplatz finden zu können. Das Arbeitsministerium meldete 9,3 Millionen offene Stellen im April. Amerika hat jetzt ungefähr so viele Arbeitslose wie offene Stellen. Viele Arbeitgeber, vor allem in der Gastronomie, klagen, dass sie keine Leute finden. Solche Entwicklungen stellen sich gewöhnlich erst am Ende von konjunkturellen Erholungsphasen ein.

Eine gute Wahl

Sichern Sie sich F+ 3 Monate lang für 1 Euro je Woche und lesen Sie alle Artikel auf FAZ.NET.

JETZT F+ LESEN

Noch bemerkenswerter ist aber der Rekord bei Kündigungen durch die Arbeitnehmer. Viele suchen ein besseres Berufsleben, mehr Geld, bessere Aufstiegschancen und weniger Pendelei. Ein kleiner Teil sieht zudem seine finanzielle Lage als so positiv an, dass sie den vorzeitigen Ruhestand erlaubt. Es hilft, dass der Dow-Jones-Index seit Beginn der Pandemie-Krise um knapp 18 Prozent zugelegt und damit die betrieblichen Pensionspläne der bessergestellten Arbeitnehmer gepäppelt hat. Staatliche Zuwendungen und mangelnde Konsummöglichkeiten haben überdies die Finanzlage von vielen Haushalten so stark verbessert, dass ihre Schuldenlast so niedrig ist wie seit vier Dekaden nicht mehr. Gerade ärmere Haushalte stehen besser da und beflügeln nun den Konsum in manchen Sektoren so kräftig, dass das Angebot nicht hinterherkommt.

Die guten Entwicklungen werden von erheblichen Risiken begleitet, wie die jüngsten Inflationszahlen zeigen, die je nach Indikator zwischen 4 und 5 Prozent lagen und damit höher als in den letzten Jahren, als das Inflationsziel der Federal Reserve von 2 Prozent regelmäßig unterschritten wurde. Die Notenbank-Gouverneure geben bisher noch die Einschätzung zu Protokoll, dass sie die Preissteigerungen für vorübergehend halten. Sie rechtfertigten damit aus ihrer Sicht keine geldpolitische Intervention.

Nur moderat erhöhte Inflationserwartungen

Ob sie tatsächlich vorübergehend sind, weiß aber schlicht keiner so genau. Eine Umfrage der Notenbank von New York zeigt, dass die mittleren Inflationserwartungen für die nächsten zwölf Monate bei 4 Prozent im Mai lagen und damit zum siebenten Monat in Folge gestiegen sind. Doch der Drei-Jahres-Ausblick zeigte nur moderat erhöhte Inflationserwartungen, was die Fed-These einer transitorischen Entwicklung stützt.

Vor diese Hintergrund erwarten die professionellen Fed-Analysten geradezu unisono, dass die Notenbanker an ihrem Kurs festhalten. Damit bleiben die Leitzinsen in der Bandbreite zwischen 0 und 0,25 Prozent. Etwas mehr Augenmerk bekommt das Anleihekaufprogramm, mit dem die Fed im Monat Bonds im Wert von 120 Milliarden Dollar kauft, 80 Milliarden davon in Staatsanleihen und 40 Milliarden in Hypothekenanleihen. Die Fachleute erwarten zwar auch hier keine Änderung, aber womöglich Hinweise des Fed-Chefs Jerome Powell, die eine Reduzierung des Kaufprogramms indizieren.

Powell allerdings ist gewarnt. Vorvorgänger Ben Bernanke hatte 2013 angekündigt, die Fed werde von einem bestimmten Zeitpunkt in der Zukunft an die quantitative Lockerung abschwächen und weniger Anleihen kaufen. Die Ankündigung allein schockierte Anleiheinvestoren und provozierte hohe Verkaufsorders für Bonds mit der Folge sinkender Preise. Einen solchen Einbruch will Powell mit aller Macht vermeiden.

Quelle: F.A.Z.
Winand von Petersdorff-Campen - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitun
Winand von Petersdorff-Campen
Wirtschaftskorrespondent in Washington.
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot