Wahlmotive in Amerika

It’s the economy

Von Winand von Petersdorff, Washington
04.11.2020
, 13:16
Warum hat Donald Trump besser abgeschnitten als viele Meinungsforscher vorhersagten? Offenbar hilft ihm weiterhin ein großes Vertrauen in seine Wirtschaftskompetenz.

Präsident Donald Trump hat deutlich besser abgeschnitten als die meisten Meinungsforscher vorhersagt haben. Zugebilligte Wirtschaftskompetenz dürfte eine wichtige Erklärung dafür sein. Nach Angaben des Meinungsforschungsinstituts Pew Research ist die Wirtschaft für die Wähler das mit Abstand wichtigste Thema. Die Covid-19-Pandemie spielt im Ranking der wichtigsten Themen eine nachgeordnete Rolle.

In nahezu allen Umfragen lag Trump vor dem Wahltag hinter seinem Widersacher Joe Biden zurück. Nur in einem Feld konnte er fast durchgängig eine Führungsposition behauptet: Ihm wurde eine größere Wirtschaftskompetenz zugetraut. Selbst der größte Einbruch am amerikanischen Arbeitsmarkt änderte daran wenig – nach einem kurzen Rückgang in der Zustimmung im Frühsommer stabilisierten sich die Werte wieder.

Zwei Faktoren haben Trump offenbar in die Hände gespielt: Bevor die amerikanische Wirtschaft der Pandemie und den verfehlten Bemühungen zu ihrer Eindämmung ihren Tribut zollte, zeigte sie Rekordmarken am Arbeitsmarkt. Im Jahr 2019 stiegen die Einkommen spürbar, selbst die Ungleichheit nahm ab. Das Wirtschaftswachstum übertraf jenes in vielen Industrienationen.

Den Dow Jones genau im Blick

Diese Leistung rechnen die Wähler offenbar Trump zu, der immerhin auf eine große Steuerreform und darauf verweisen kann, die Wirtschaft umfangreich dereguliert zu haben. Die Börsenkurse sprechen ebenfalls für Trump. Wohlhabende Pensionäre beispielsweise, die ihn in Florida zum Sieg getragen haben, haben den Dow Jones genau im Blick.

Der zweite Faktor ist, dass die Wähler Trump wohl eher nicht für die vergleichsweise starke Ausbreitung der Pandemie und die schweren negativen wirtschaftlichen Folgen verantwortlich gemacht haben. Viele Amerikaner gucken nicht über ihre Grenzen hinaus, um internationale Vergleiche anzustellen. Sie hegen das Urvertrauen, dass die Vereinigten Staaten ohnehin immer gut abschneiden in globalen Vergleichen.

Offenbar halten viele ihm sogar zugute, dass er sich um die Öffnung der Geschäfte und Unternehmen bemüht. Auch wenn die konjunkturelle Erholung sich zuletzt abschwächte, waren die jüngsten Konjunkturdaten doch überraschend positiv.

Trumps Instinkte sind ohnehin in der Regel gut. Seine Warnung, dass mit Biden die große Depression kommt, dürfte unter einigen Wählern verfangen haben. Bidens Ankündigung von Steuererhöhungen hat diesem offenbar nicht den großen Durchbruch verschafft. Das Versprechen jedenfalls, mit einer Reichensteuer die Ungleichheit einzudämmen, hatte keine große Zugkraft. Viele Unternehmer kämpfen um das Überleben ihrer Betriebe und fürchten eine eher linke Wirtschaftsagenda, die sie beispielsweise zu höheren Lohnzahlungen zwingt. Trump hat Steuersenkungen versprochen.

Quelle: FAZ.NET
Winand von Petersdorff-Campen - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitun
Winand von Petersdorff-Campen
Wirtschaftskorrespondent in Washington.
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