Verbot von Großveranstaltungen

Der Festivalsommer fällt Corona zum Opfer

Von Benjamin Fischer
16.04.2020
, 14:11
Rock am Ring, Wacken oder das Southside-Festival dürfen nicht stattfinden. Doch wie steht es um kleinere Konzerte? Der Verband der Konzert- und Veranstaltungswirtschaft befürchtet ein „Verbotswirrwarr“.

Normalerweise ziehen Southside, Hurricane oder Highfield-Festival jedes Jahr mehr als 50.000 Musikfans an. 2020 wird jedoch keine der Veranstaltungen wie geplant stattfinden. Schon wenige Stunden nach dem Beschluss von Bund und Ländern, Großveranstaltungen aufgrund der Coronakrise vorerst bis zum 31. August zu verbieten, gab Veranstalter FKP Scorpio Mittwochabend die Absage dieser und weiterer Festivals bekannt.

Am Donnerstagmorgen verkündete Live Nation auch das Aus für Rock am Ring und Rock im Park. Gleichzeitig wurden die Zwillingsfestivals für 2021 auf das zweite Juni-Wochenende terminiert. So traurig diese Absage sei, stehe man natürlich voll und ganz hinter diesen „alternativlosen Maßnahmen zum Schutz der Gesundheit aller Beteiligten“, hieß es von CTS Eventim. Live Nation veranstaltet die Festivals für das börsennotierte Unternehmen, zudem hält CTS Eventim auch rund 50 Prozent der Anteile an FKP Scorpio.

Das weltgrößte Metal-Festival Wacken sagte die Ausgabe für 2020 ebenfalls ab, wie auch diverse Veranstalter kleinerer Musik-Festivals. Große europäische Festivals wie das dänische Roskilde oder das altehrwürdige Glastonbury in Großbritannien wurden schon zuvor gecancelt. Auch große Touren einzelner Künstler wie etwa von Iron Maiden oder Rammstein dürften von dem Verbot betroffen sein. Die deutsche Rock-Band soll Anfang Juli etwa im Berliner Olympiastadion auftreten. Veranstalter hatten zuvor auf längerfristige Ansagen von Seiten der Politik gepocht, unter anderem weil im Falle einer Absage ohne behördliches Verbot der Versicherungsschutz nicht greife.

„Ein unerträglicher Zustand“

Der geschäftsführende Präsident des Bundesverbands der Konzert- und Veranstaltungswirtschaft (BDKV), Jens Michow, warnte nach dem gestrigen Beschluss vor einem drohenden „Verbotswirrwarr“ wie schon Anfang März: „Da es für den Begriff Großveranstaltung keine feste Definition gibt, steht zu befürchten, dass die Regelungen in den einzelnen Bundesländern abermals voneinander abweichen.“ Für Konzert- und Tourneeveranstalter wie auch für die Musiker selbst, sei es fatal, wenn in Hamburg Veranstaltungen mit bis zu 3000 Besuchern erlaubt würden, in München jedoch schon eine Veranstaltung ab 1000 Besuchern als Großveranstaltung behandelt und verboten werde.

„Das würde die Durchführung geplanter Tourneen unmöglich machen“, so Michow gegenüber der F.A.Z: „Wir erwarten daher von allen Bundesländern, dass es unverzüglich klare und dann bitte einheitliche Regelungen gibt.“ Andernfalls müssten Veranstalter weiterhin Konzerte bewerben, ohne zu wissen, ob sie nun letztlich stattfinden können oder nicht. „Das ein unerträglicher Zustand für alle beteiligten Dienstleister, Künstler und letztlich auch die Karteninhaber“, sagte Michow.

Auch der Vorsitzende des Bundesverbands Musikindustrie (BVMI), Florian Drücke, sieht den Live-Sektor weiterhin in einer schwierigen Lage: „Das Gebot der Stunde scheint ein weiteres „Auf-Sicht-Fahren“ zu sein, wobei natürlich für die Wirtschaft wichtig ist, die politischen Linien zu erkennen, gerade um einen Umgang zu finden und das „Danach“ möglichst früh planen zu können“.

Rock am Ring und Co sind versichert

Viele Veranstalter baten mit Blick auf eine etwaige Rückerstattung oder die weitere Gültigkeit von Tickets um Geduld. Man werde schnellstmöglich und umfassend über weitere Schritte informieren, hieß etwa von FKP Scorpio. Das Bundeskabinett hatte vergangene Woche eine Regelung beschlossen, derzufolge Ticketinhaber für den Fall von Corona-bedingten Absagen Gutscheine erhalten sollen, anstatt den Ticketpreise zurückerstattet zu bekommen. Die Lösung sieht Härtefallregelungen vor und soll für vor dem 8. März erworbene Tickets gelten. Sollte der Gutschein bis zum 31. Dezember 2021 nicht eingelöst worden sein, bekommen Karteninhaber dessen Wert ausgezahlt.

Für Konzerte fallen im Vorfeld viele Kosten für Werbung, Anmietung von Technik und die Auftragsvergabe an andere Unternehmen an. Finanziert werden diese zu großen Teilen mit den Einnahmen aus dem Ticketverkauf. Die Rückerstattungen von verkauften Karten hätte daher die Liquidität vieler Veranstalter bedroht, so die Warnungen aus der Branche. Die Gutscheinlösung nehme zunächst einmal den schlimmsten Druck aus dem Kessel, hieß es damals von BDKV-Präsident Michow, viele Veranstalter reagierten ebenfalls erleichtert.

Zudem sind Veranstaltungen von der Größenordnung Rock am Ring versichert, wie Eventim im Zuge der Absage abermals betonte. Gründer und Geschäftsführer Klaus-Peter Schulenberg hatte Ende März gegenüber der F.A.Z. erläutert, man nehme zwar Kurzarbeitergeld in Anspruch aber: „Eventim ist schuldenfrei, wir könnten zwei Jahre lang durchhalten.“ Viele kleinere Veranstalter sähen sich dagegen erheblichen Schwierigkeiten ausgesetzt.

Weitere Hilfen für die Musikbranche?

Die eintrudelnden Absagen für den lukrativen Festival-Sommer und die anhaltende Unsicherheit ob der Durchführung kleinerer Konzerte stellen viele in der Musikbranche vor große Herausforderungen. Schließlich müssen nicht nur Künstler vorerst auf die meist elementar wichtigen Einkünfte aus Auftritten verzichten - ohne zumeist über nennenswerte Rücklagen zu verfügen. Auch Aufbauhelfer, Tour-Manager, Sound-Techniker und all die weiteren an Konzerten beteiligten Parteien sind vom weitgehenden Stillstand des musikalischen Lebens betroffen. Der BVMI hatte gemeinsam mit dem Verband der unabhängigen Tonträgerunternehmer (VUT) daher schon vergangene Woche weitere Hilfen für die gesamte Branche angemahnt.

Die bestehende Hilfsprogramme seien zwar zu begrüßen, gingen aber häufig an den Bedarfen vieler Betroffener vorbei. Die Musikbranche benötigte „schnelle staatliche, nicht rückzahlbare und unbürokratische Soforthilfen zur Kompensation der durch staatliche Maßnahmen entstandenen und entstehenden Schäden“, hieß es in einer gemeinsamen Erklärung. In einer zuvor mit anderen deutschen Musikverbänden und den Verwertungsgesellschaften Gema und GVL vorgelegten Rechnung war die Rede von einem Schaden von bis zu 5,5 Milliarden Euro für die gesamte Branche. 3,6 Milliarden Euro könnten demnach alleine im Live-Bereich anfallen.

Über Aktionen wie Live-Streams von Auftritten aus den eigenen vier Wänden oder leeren Konzerträumen, versuchen zudem verschiedene Künstler mittlerweile Spenden für sich oder etwa ihre Tour-Crews zu sammeln. Auch diverse Hilfsfonds sind innerhalb der Branche aufgelegt worden.

Für BVMI-Chef Florian Drücke haben die Beschlüsse von Mittwoch unterdessen immerhin etwas Positives: „Plattenläden können im Rahmen der Vorgaben nun wieder öffnen“. Das dürfte nicht nur Ladenbesitzer freuen. Trotz des Streamingbooms wurden 2019 auf dem deutschen Markt für Musikaufnahmen immerhin noch 35,6 Prozent des Gesamtumsatzes von rund 1,6 Milliraden Euro mit dem Verkauf von CDs oder Schallplatten erwirtschaftet.

Für die Veranstalter der ab September geplanten großen Festivals und Touren bleibt die Lage dagegen weiter unsicher. Die Verantwortlichen des Lollapalooza – geplant für den 5. und 6. September – wollten sich auf Anfrage nicht äußern. Dass Rage Against The Machine oder Miley Cyrus tatsächlich zu diesem Termin im Berliner Olympiapark auftreten, erscheint aber derzeit kaum realistisch.

Quelle: FAZ.NET
Autorenbild/ Benjamin Fischer
Benjamin Fischer
Redakteur in der Wirtschaft.
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