Vergütung von Medizinern

Reiche Ärzte, arme Ärzte

Von Lisa Nienhaus
26.08.2008
, 09:48
Einmal durchleuchten, bitte!
Politiker, Krankenkassen und Ärzte streiten um die Honorare. In dieser Woche müssen sie sich einigen. Bisher ist es so: Radiologen verdienen doppelt so viel wie Hausärzte. Mit Leistung hat das nichts zu tun.
ANZEIGE

Die deutschen Ärzte wollen mehr verdienen. 4,5 Milliarden Euro zusätzlich, das ist die Wunschvorstellung. Mindestens aber wollen sie 2,5 Milliarden dazubekommen, das wären immerhin schon zehn Prozent mehr als heute. Den gesetzlichen Krankenkassen ist das zu viel. Sie bieten nur einen Gehaltszuwachs von rund zwei Milliarden Euro. In dieser Woche müssen sie sich einigen. Egal, wie der Streit ausgeht: Es wird auf jeden Fall sehr teuer.

Dabei geht es eigentlich gar nicht darum, dass die Mediziner generell zu wenig Geld haben. Laut Statistik aus dem Jahr 2003 verdienten sie schon damals im Schnitt 126.000 Euro im Jahr vor Steuern und Abgaben. Das ist nicht übermäßig üppig für einen Selbständigen, aber eben auch nicht wenig. Doch die Abweichungen von diesem Durchschnittswert sind groß - und das liegt nicht nur daran, dass es gute und schlechte Ärzte gibt. Oft hängt es sogar gar nicht an Leistung oder Fleiß, ob ein Arzt viel verdient oder wenig.

Süd-Nord-Gefälle bei den Honoraren

ANZEIGE

So bekommen etwa die Mediziner in Bayern und Baden-Württemberg viel mehr als ihre Kollegen im Norden und Osten - obwohl sie die gleiche Leistung erbringen. Das liegt daran, dass die Mediziner ihre Honorare bisher regional mit den Kassen aushandeln. Auf rund zwanzig bis dreißig Prozent schätzt Leonhard Hansen, Vorstand der Kassenärztlichen Vereinigung Nordrhein, den Unterschied. Das mag für Ärzte in München, die hohe Kosten haben, sinnvoll erscheinen. In Niederbayern aber sind die Praxiskosten auch nicht höher als in Norddeutschland. Das Honorar ist trotzdem besser.

Bild: F.A.Z.

Mit ihrer Honorarreform will die Regierung das nun ändern. Sie ist nämlich vor allem eine große Umverteilungsmaschine. Sie soll das Nord-Süd-Gefälle der Arztverdienste anpassen - und zwar ohne den Gutverdienern aus dem Süden etwas wegzunehmen. Das ist teuer und gefällt auch nicht jedem. Die bayerischen und baden-württembergischen Mediziner wehren sich mit allen Mitteln. Sie wollen auch etwas aus dem größeren Honorartopf abbekommen. Die Hausärzte aus Bayern drohten sogar, ganz aus der Kassenärztlichen Vereinigung auszutreten, die die Honorare an die niedergelassenen Ärzte verteilt. Die Baden-Württemberger haben eigene Verträge mit den Krankenkassen abgeschlossen - an der ärztlichen Selbstorganisation vorbei.

ANZEIGE

Verteilungskampf ausgebrochen

Dabei ist die Idee der Kassenärztlichen Vereinigungen eigentlich gar nicht schlecht für die Mediziner. Weil es schwierig ist, Marktpreise für die Leistung von Arztpraxen zu bestimmen, geben die Kassen der Organisation, in der alle Praxen Zwangsmitglied sind, das Geld in die Hand - und die Mediziner entscheiden selbst, wie sie es verteilen. Das klappte gut, solange die meisten Ärzte dabei sehr gut verdienten. Doch jetzt ist unter ihnen ein Verteilungskampf ausgebrochen. Nicht nur das Nord-Süd-Gefälle, auch alle anderen Unterschiede werden in Frage gestellt. Davon gibt es viele.

Die Psychotherapeuten zum Beispiel haben einfach Pech gehabt. Erst seit neun Jahren werden sie aus dem gleichen Topf entlohnt wie die Ärzte. Da waren die platinen, goldenen und sogar die silbernen Zeiten schon vorbei. "Es gab keine Pfründe mehr zu verteilen", sagt Hansen. Das ist einer der Gründe, wieso Psychotherapeuten auf der Verdienstskala der Ärzte und Psychotherapeuten ganz unten stehen, noch unter den Hausärzten, die traditionell ebenfalls wenig haben (siehe Grafik).

ANZEIGE

Ganz oben: Radiologen und Orthopäden

Ganz oben finden sich die Radiologen und Orthopäden. Sie haben einen entscheidenden Vorteil gegenüber den Psychotherapeuten. Sie haben mehr Patienten. Und sie können die Menschen in immer kürzeren Intervallen durch die Praxis schieben, während Psychotherapeuten mindestens 50 Minuten mit ihrem Patienten verbringen müssen. Das ist Vorschrift, sagt Dieter Best von der Deutschen Psychotherapeutenvereinigung. "Es ist, als ob Akkordlöhner und Stundenlöhner aus einem Topf bezahlt würden."

Den Radiologen, Orthopäden und Chirurgen kommt außerdem zugute, dass die Medizin der Röhren, Apparate und Technik in Deutschland traditionell einen hohen Stellenwert hat. Gut bezahlt wird, wer einen großen Gerätepark hat oder operiert. Das Ergebnis: Röntgenärzte verdienten 2003 im Schnitt doppelt so viel wie Hausärzte. Der Bundesverband der Deutschen Radiologen nennt diese Statistiken selbstverständlich "einen alten Hut". Der Vorsitzende Helmut Altland weist darauf hin, dass Röntgenärzte teure Apparate kaufen müssten und eine gewisse Kapitaldecke bräuchten. Auch, um überhaupt Kredit bei den Banken zu bekommen. Er spricht von einem "Neidkomplex" der Gesellschaft. Fakt ist: Die Radiologen haben noch keine Anstalten gemacht, dem Honorarsystem zu entfliehen. Sie scheinen ganz zufrieden zu sein.

Was die Statistik nicht zeigt

Was die Statistik nicht zeigt: Auch innerhalb der Disziplinen ist der Unterschied groß. "Ein Chirurg, der konservativ behandelt und eher mal gipst, bekommt wenig", sagt Hansen von der Kassenärztlichen Vereinigung. "Sobald er zum Skalpell greift, fließt das Geld." Das sei aber kein Fehler seiner Organisation, sondern eine Vorliebe der Menschen. "Die Deutschen wollen einen Arzt, der zuhört und Zeit hat, aber sie wollen auch Hightech von oben bis unten", sagt er. "Deshalb ist Technik traditionell gut bewertet." Dazu komme die Lobbyarbeit seitens der Gerätehersteller, die einen guten Draht zur Politik hätten.

Eine gute Lobby in Berlin wird in Zukunft auch für die Ärzte noch wichtiger werden. Denn die Politik mischt sich stärker ein. Für die Kassen bestimmt sie bald den einheitlichen Beitragssatz. Den Ärzten verspricht sie höhere Honorare und schreibt ihnen vor, wie sie die umverteilen sollen. Wenn Mediziner und Kassen sich in der kommenden Woche nicht einigen, bestimmt die Gesundheitsministerin, wie viel sie mehr bekommen. Spätestens dann sind Arzthonorare nur noch Politik.

Quelle: F.A.S.
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot
Kapitalanalge
Erzielen Sie bis zu 5% Rendite
Sprachkurse
Lernen Sie Englisch
Immobilienbewertung
Verkaufen Sie zum Höchstpreis
Zertifikate
Ihre Weiterbildung im Projektmanagement
ANZEIGE